Eine AfD-Wahlwerbung und ihre notgeile Geschichte

Mit einem Wahlplakat will die AfD vor dem barbarischen Islam warnen. Doch mit der Bildauswahl verraten die Rechtspopulisten vor allem etwas über ihre eigenen Sex- und Gewaltfantasien.

Es kommt nicht oft vor, dass sich dieser Blog und die AfD derselben Mittel bedienen. Aber nun ist es doch einmal passiert. Das Mittel der Wahl: orientalistische Kunst. Während Gemälde aus dem 19. Jahrhundert bei „Schantall und die Scharia“ häufig dazu dienen, Beiträge zu illustrieren, hat es eines dieser Bilder nun auch auf ein Plakat der Berliner AfD zur Europawahl geschafft. Auch die Gründe für die Auswahl dürften sich ähneln: „Irgendwas mit Islam“ ist sowohl für die AfD als auch für diesen Blog das Lieblingsthema. Außerdem sind die Erschaffer der Gemälde schon lange tot und die Werke deshalb kostenlos nutzbar.

Einen entscheidenden Unterschied hat die Art der Verwendung dann aber doch. Während ich mit den Bildern zeigen will, dass die stereotype Wahrnehmung der islamischen Welt in Europa eine jahrhundertelange Tradition hat, versteht die AfD die Gemälde offenbar als realistisches Abbild der islamischen Welt.

@AfDBerlin

„Le Marché d’esclaves“ (Der Sklavenmarkt) heißt das Bild des französischen Malers Jean-Léon Gérôme, das Berliner derzeit u.a. am Adenauerplatz und hunderttausende weitere Menschen in den Sozialen Netzen betrachten können. Zu sehen ist eine nackte Frau, die ängstlich in einer Gruppe dunkelhäutiger Männer steht und schutzlos den Blicken und Griffen ihrer Peiniger ausgesetzt ist.

Die Berliner AfD hat das Gemälde, das dem Anschein nach arabische Sklavenhändler bei ihrem barbarischen Handwerk zeigt, in Großformat zum Europawahlkampf plakatiert. Für alle, die die offensichtliche Botschaft nicht gleich verstehen, steht sie zur Sicherheit noch einmal in großen Buchstaben darüber: „Damit aus Europa kein ‚Eurabien‘ wird“. Und etwas kleiner am Rand: „Das Bild ist Teil der AfD-Serie ‚Aus Europas Geschichte lernen.’“

Geschichtsbewusstsein beweist die AfD mit dieser Botschaft allerdings gerade nicht. Denn das Gemälde, mit dem die AfD offenbar vor dem Islam warnen will, verrät nichts über die arabisch-islamische Welt, stattdessen umso mehr über europäische Klischees selbiger.

Das 1866 gemalte „Le Marché d’esclaves“ befindet sich heute im Besitz des amerikanischen „Clark Art Institute“. Dieses stellt schon im begleitenden Infotext zum Gemälde klar: Die abgebildete Szene hat es sehr wahrscheinlich nie gegeben:

It is unlikely, however, that the artist actually observed a scene like this, as there is little, if any, reliable documentation of such slave markets.

Clark Art Institute

Alles andere würde auch verwundern. Denn Gérôme ist einer der bekannteren französischen Maler des Orientalismus, jener klischeehaft-mystisch Verklärung der arabisch-islamischen Welt, die sich im Europa des 19. Jahrhunderts auch in der Kunst niederschlug.

Es ist kein Zufall, das es ausgerechnet eines von Gérômes Gemälden, „Der Schlangebeschwörer“, auf das Cover des Standardwerks moderner Orientalismuskritik schaffte: Edward Saids „Orientalism“. Denn wie nur wenige andere Maler brachte Gérôme die wichtigsten Elemente europäischen Orient-Fantasien auf die Leinwand: Sex und Barbarei.

Wie bei den meisten Orientmalern jener Zeit speisten sich Gérômes Motive nicht aus dem arabischen Alltagsleben, sondern aus den Wünschen des europäischen Publikums. Das schreibt Isra Ali. Die amerikanische Kultur- und Medienwissenschaftlerin hat orientalistische Malerei des 19. Jahrhunderts erforscht.

Dabei stieß sie immer wieder auf Harem-Darstellungen, nackte Frauen, die sich scheinbar in ihr Schicksal ergeben haben und gewalttätige, mächtige Männer. „So wie Frauen dieser Gemälde durchdrängt waren von passiver Sexualität, wurde den Männer eine aktive Neigung zur Gewalt verliehen“, schreibt Ali.

Nackt, lasziv und weiß: So sahen Orientmaler arabische Frauen. Hier in der Version „Die weiße Sklavin“ von Jean Lecomte du Noüy.

Und in noch einer Sache stehen Männer- und Frauendarstellung in Kontrast zueinander: der Hautfarbe. Anders als die Männer sind die Frauen in den Bildern Gérômes und anderer Orientmaler oftmals auffällig hellhäutig. Der Grund hierfür: Auch die ästhetische Darstellung fügte sich europäischen Fantasien und Schönheitsidealen.

Gérômes Faible für nackte schutzlose Frauen in Anwesenheit mächtiger angezogener Männer begrenzte sich nicht nur auf die arabisch-islamische Welt. Das Motiv zieht sich durch alle Epochen: vom alten Ägypten, über das antike Griechenland, bis zum römischen Reich.

Dass sich Gérôme schließlich auf nackte Frauen in Nahost spezialisierte, dürfte einen einfachen Grund gehabt haben: Das europäische Publikum verlangte danach. Heerscharen von Orientmalern zogen im 19. Jahrhundert aus, um den immer größer werdenden europäischen Bedarf nach Harem-, Badehaus- und Sklavenmarkt-Bildern zu befriedigen. Einer von Gérômes Zeitgenossen, der französische Impressionist Auguste Renoir, beschwerte sich während einer Algerien-Reise im Jahr 1882 einmal darüber, dass wegen der hohen Nachfrage durch europäische Orientmaler, algerische Models kaum noch zu bezahlen sein.

Viele der bekanntesten Künstler jener Zeit haben die arabische Welt allerdings nicht einmal mit eigenen Augen gesehen. Sie malten von einander ab, übernahmen Motive aus Literatur oder Musik und entfernten sich so immer weiter von der Realität. Die “arabischen” Frauen in ihren Gemälden: oftmals europäische Models.

Das Gemälde „Odaliske mit Sklavin“ aus dem Jahr 1842 war eine Auftragsarbeit für König Wilhelm von Württemberg. Ihr Erschaffer, der französische Maler Jean-Auguste-Dominique Ingres, war nie im „Orient“.

Gérôme unternahm zwar zwischen 1857 und 1880 mehrere ausgedehnte Reisen nach Ägypten, von denen er zahlreiche Skizzen und Fotografien mitbrachte. Doch diesen dienten ihm wahrscheinlich vor allem zur realistischen Wiedergabe architektonischer Details. Auch seine Frauendarstellungen entstanden nicht in Gegenwart von Sklavinnen auf arabischen Märkten, sondern europäischer Models in seinem Pariser Studio. Das bedeutet: Seine und viele andere “Orientgemälde” sind nicht nur Produkt europäischer Fantasien, sie zeigen tatsächlich europäische Frauen.

Dass viele Betrachter dennoch annehmen, es handle sich um realistische Abbildungen, ist einer der Erfolgsfaktoren orientalistischer Kunst. Die vor zwei Jahren verstorbene amerikanische Kunsthistorikerin Linda Nochlin hat sich mit der Wirkung von Gérômes Kunst befasst. In ihrem 1983 veröffentlichen Aufsatz „The Imaginary Orient“ beschreibt sie, wie die Gemälde es ermöglichen, die eigene Lüsternheit hinter dem scheinbar objektiven Blick zu verstecken:

Der männliche Betrachter wurde eingeladen, sich sexuell zu identifizieren, während er sich gleichzeitig, moralisch von seinem orientalen Gegenstück distanziert.

The Imaginary Orient

Gérômes Bilder vermittelten das Bild eines Orient, „der ohne Veränderung ist, eine Welt von zeitlosen Bräuchen und Ritualen, unberührt von historischen Prozessen (…), wie sie in drastischer Weise westliche Gesellschaften veränderten.“

Ein Bild, das nicht falscher sein kann: Zu der Zeit, als Gérôme Ägypten besuchte, befuhren die ersten Dampfschiffe den gerade eröffneten Suezkanal. Auf den Straßen Kairos drängten sich nicht Sklavenhändler und Schlangenbeschwörer, sondern Autos, Busse und europäische Touristen. Ägypter verbrachten ihre Zeit nicht in Harems, sondern in Baumwollmanufakturen und Stahlwerken.

Auf keinem orientalistischen Gemälde zu finden: eine Straßenbahn. Die erste fuhr 1863 in Ägypten und damit zwei Jahre früher als in Deutschland. Das Foto stammt aus dem Jahr 1903.

Der „Orient“ zu Zeiten Gérômes war einer tiefgreifender sozialer, politischer und wirtschaftlicher Umbrüche. Es war die Zeit des europäischen Kolonialismus, der hunderttausende Menschen in Nahost und Nordafrika das Leben kostete. Klischeehafte Gemälde wie Gérômes Sklavenmarkt dienten auch dazu, das europäische Publikum von diesen realen Konflikten abzulenken.

Womit wir wieder beim Europawahlkampf der AfD wären. Denn aus der Geschichte lernen, wie es die AfD auf ihrem Wahlplakat schreibt, lässt sich mit Gérômes „Sklavenmarkt“ tatsächlich. Nicht etwas über die der arabisch-islamischen Welt. Aber darüber, wie sehr unser Blick auf den „Orient“ auch noch heute von Klischees geprägt ist. Nichts über lüsterne und gewalttätige Araber. Aber darüber, wie die Sex- und Gewaltfantasien von Europäern unseren Blick auf eine großen Teil der Welt verfälschen können.

Nicht zuletzt lehrt uns das Wahlplakat auch darüber etwas, wie wenig Ahnung die AfD selbst von jener Kultur hat, die sie vorgibt verteidigen zu wollen.

14 Kommentare zu “Eine AfD-Wahlwerbung und ihre notgeile Geschichte

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