Als Freital für eine Nacht ein bisschen schöner wurde

Eigentlich ist das sächsische Freital bekannt für rassistischen Parolen »besorgter Bürger«. Doch in der Nacht zum vergangenen Freitag waren an der Hauptstraße der Stadt plötzlich überall großformatige Antirassismus-Plakate zu sehen. Ein Gespräch mit dem zuständigen Aktivisten.

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igentlich ist das sächsische Freital bekannt für seine rassistischen Parolen »besorgter Bürger«. Doch in der Nacht zum vergangenen Freitag waren an der Hauptstraße der Stadt plötzlich überall großformatige Antirassismus-Plakate zu sehen. Ich hab mit dem zuständigen Aktivisten gesprochen: über Rassismus, die Allgegenwärtigkeit von McDonald’s und den Nutzen von Achtkantschlüsseln.

Du hast Freitaler Bushaltestellen mit antirassistischen Plakaten verschönert. Zuerst eine Frage der zuständigen Werbefirma: Wie hast du es es geschafft, die Glaskästen zu öffnen?

Das ist extrem einfach zu beantworten. Dafür gibt es einen Universalschlüssel, den haben viele bei ihrem Fahrradwerkzeug. Ein Achtkantschlüssel mit 8 Millimetern.

Den und 21 Plakatrollen hast du in dein Auto gepackt und und bist hin, oder stammst du aus Freital?

Nein. Ich habe davon auch über die Medienberichterstattung erfahren. Diese rechte Parolen der sogenannten besorgten Bürger mit ihrem gefährlichen Halbwissen: »Die Flüchtlinge machen nur Dreck« und so etwas. Dass es da einfach null Empathie für die Geflüchteten gibt, hat mich schockiert. Ich war zweimal vorher in Freital und habe mir die Glasvitrinen angeschaut. In so einer kleinen Stadt wie Freital musste das natürlich Aufsehen erregen. Das war auch ein Grund für Freital. 100 Minuten habe ich für das Aufhängen dann ungefähr gebraucht.

100 Minuten öffentliche anti-rassistische Arbeit in einer Stadt, die für ihre Dichte an Neonazis bekannt ist. Hat sich niemand an der Aktion gestört?

Es war eine Nachtaktion, deshalb hat das kaum jemand mitbekommen. Ein Betrunkener kam auf mich zu, aber den konnte ich schnell abwimmeln. Und einmal hat ein Polizeiauto neben mir angehalten. Aber für die sah ich wahrscheinlich professionell genug aus und sie sind weitergefahren. Mit einer Warnweste kann man in Deutschland schon viel Eindruck schinden.

Eure Gruppe nennt sich »Dies Irae«, lateinisch für »Tag des Zorns«. Worauf – außer Freitals besorgte Bürger – seid ihr noch zornig?

Einfach alles wird mit Werbung zugespamt, die mir die ganze Zeit suggeriert, du bist zu fett und du brauchst ein Top von H&M, um cool zu sein. Dabei soll der öffentliche Raum der Gesellschaft dienen. Wir etikettieren diese Botschaften, holen uns den öffentlichen Raum zurück: Replace ads with arts. Aber von mir aus können Leute auch Kuchenrezepte plakatieren. Alles ist besser, als die Flächen Unternehmen zur Verfügung zu stellen, damit diese ihre Gewinne steigern.

Im Fernsehen kann ich umschalten, beim Computer im Browser ein Plugin installieren. Nur auf der Straße bin ich der Werbung ausgesetzt. »Dies Irae« ist der Ad-Blocker des öffentlichen Raumes. Ist das die Idee?

Ja, das genau das ist der Punkt. Zumindest brauchen wir so etwas wie einen Ad-Blocker im öffentlichen Raum. Egal ob ich einkaufen gehe, oder meine Kinder zur Kita bringe, es gibt keine Opt-Out-Möglichkeit. Ich würde mir wünschen, dass Werbeflächen für die Leute da sind, die dort wohnen. Es ist doch viel relevanter, wenn dort das Sommerprogramm für ein Jugendcafé steht, als dass McDonalds einen neuen Burger hat.

Im französischen Grenoble ist Außenwerbung verboten. Das Kreuzberger Bezirksparlament hat letzten Jahr frauenfeindliche Werbung untersagt. Ein Erfolg?

Ja, auf jeden Fall? Außenwerbung sollte reduziert oder komplett abgeschafft werden. Grenoble ist ein Beispiel, das wir sehr feiern. Sao Paulo in Braslien auch. Wir müssen das nicht als Normalzustand hinnehmen. Wir sollen sollten aufhören, uns nur als passive Zuschauer zu begreifen, die den werbenden Unternehmen nur zujubeln dürfen. Anstatt mit den Flächen sinnvoll umzugehen, haben wir Privatisierung und Kommerzialisierung als Normalzustand hingenommen. Aber wir können eingreifen.

Eingegriffen hast du in Freital ausnahmsweise nicht gegen die Werbeindustrie, sondern gegen rassistische Klischees. Denkst du, dass die »besorgten Bürger« mit der Aktion erreicht werden?

Die Rechten waren nicht das Ziel der Aktion, die erreicht man nicht mit einem Plakat. Es ging uns darum, Solidarität mit den Geflüchteten zu zeigen. Außerdem war es ein Zeichen an die Engagierten vor Ort, die Behördengänge machen, den Geflüchteten Deutsch beibringen, sie herausziehen aus der Trostlosigkeit des Heims. Was die tun, ist nicht so viral und sexy, aber verdammt wichtig. Und der dritte Punkt: Für die ganzen Leute, die vielleicht auch etwas gegen rechte Parolen haben, aber nicht den Mund aufmachen. Sie soll die Aktion zur Courage ermutigen.

Die Werbefirma hatte die Plakate nach wenigen Stunden schon wieder entfernt. Was bleibt von der Aktion?

Es gab eine überwältigende Medienresonanz. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es so abgeht. Es ärgert mich natürlich, dass sie abgenommen wurden. Aber wir hatten super viele Anfragen von Leuten, die die Plakate kaufen wollen. Ich fände es gut, wenn die Werbefirma die Plakate versteigert und den Erlös den Geflüchteten zugute kommen lässt. Die kann sich von mir aus dann auch den Charity-Hut aufsetzen.

Alle Bilder stammen von Dies Irae, hier geht es zur Facebook-Seite der Gruppe. 

Das Interview habe ich für das nd geführt, hier gibt es die gekürzte Version. 

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