Das hat doch nichts mit Rassismus zu tun

In Berlin wird ein Migrant erschossen. In Kaiserslautern eine junge Muslimin niedergeschlagen. Die Polizei tappt im Dunkeln, aber weiß eines ganz sicher: Mit Rassismus hat das nichts zu tun.

Das hier soll kein Watchblog werden, der alle Fälle islamfeindlicher Gewalt protokolliert. Keine Gegenversion zu pi-news, die anstatt jeden Täter auf einen möglichen muslimischen Hintergrund zu reduzieren, jedes Diskriminierungsopfer auf Spuren eines Kopftuches absucht. Trotzdem ist es manchmal sinnvoll, Einzelfälle herauszugreifen; gerade wenn sie für mehr stehen als ein einzelnes Schicksal. Der Fall von Leyla S. ist so einer. Die 21-jährige Maschinenbaustudentin aus Kaiserslautern wurde erst Opfer brutaler Gewalt und dann Opfer polizeilicher Ignoranz und Vorurteile.

Das Migazin hat die Geschichte aufgeschrieben:

„An einem Montagnachmittag verabschiedet sich Leyla (Name geändert) von ihrer Uni-Freundin und macht sich auf den Heimweg. An den Rest kann sie sich nur noch lückenhaft erinnern. Als sie zu sich kommt, liegt Leyla auf dem Boden. Unbekannte müssen ihr das Kopftuch gewaltsam heruntergerissen, ihre Kleider mit Alkohol übergossen, ihr Handy kaputt gemacht haben. Sie ist sichtlich benommen. Sie irrt eine Weile durch die Gegend und schafft es nur mit großer Anstrengung nach Hause. Ihre Mutter benachrichtigt umgehend die Polizei und sucht mit der Tochter eine Klinik auf. Die oberärztliche Diagnose der Neurochirurgie lautet: Gedächtnisverlust durch erhebliche Gewalteinwirkung auf den Kopf. Leyla muss mit einem schweren Gegenstand niedergestreckt worden sein.“

Was nun folgt, ist in Deutschland leider auch nach de Mordserie des NSU Alltag: Die Polizei ermittelt erst einmal gar nicht. Und dann überallhin, nur nicht nach rechts. Erst auf Intervention der örtlichen Moscheegemeinde beginnen die Behörden, sich für den Fall zu interessieren. Davor gehen sie davon aus, dass Leyla im Alkoholrausch gestürzt sei. Obwohl ihre Freundin darauf hinweist, dass Leyla nie trinke. Später vermuten sie einen epileptischen Anfall, trotz keinerlei medizinischer Hinweise auf eine Erkrankung. Auch dass Leyla sich alles nur ausgedacht hat und ein möglicher Liebhaber kommt für die Polizei in Frage. Nur in eine Richtung ermittelt die Polizei nicht und das obwohl Leylas Vater auf einen möglichen islamfeindlichen Hintergrund der Tat hinweist.

„Es ist nicht zu fassen, dass die Behörden trotz zahlreicher Indizien einen islamfeindlichen Hintergrund nicht einmal in Betracht ziehen, dafür aber an den Aussagen von Leyla zweifeln”, so der Jurist [Leylas Anwalt]. Die Ermittler gingen weiterhin nach einem bestimmten Muster vor: aus Opfer würden Täter gemacht und Hinweise der Opfer außen vor gelassen – genau das Gegenteil von dem, was der NSU-Ausschuss fordert. Hinzu kämen “gravierende” Ermittlungsfehler.““

Ein ähnlicher Fall polizeilichen Versagens jährte sich kürzlich übrigens zum dritten Mal. Am 5. April 2012 schoss in Berlin-Neukölln ein weißer Mann auf eine Gruppe Migranten. Der 22-jährige Burak Bektas starb. Familie und Unterstützer vermuteten damals ein rassistisches Motiv. Die Antwort der Polizei: „Dafür gibt es keine Anhaltspunkte“. Bis heute ist der Mord nicht aufgeklärt. Auch diesen Fall sehen Aktivisten in einer Reihe mit dem Versagen der Ermittlungsbehörden bei der Aufklärung der NSU-Morde.

Wer mehr darüber und über das Versagen der Medien („Döner-Morde“, Herabwürdigung der Opfer, Täter-Opfer-Umkehr usw.) während und nach der NSU-Mordserie erfahren will, dem sei diese Studie der Otto-Brenner-Stiftung empfohlen.

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