Gibt es wirklich Biodeutsche?

Als "biodeutsch" bezeichnen Linke wie Rechte Deutsche ohne Migrationshintergrund. Die einen wollen auf weiße Privilegien aufmerksam machen, die anderen diese biologisch rechtfertigen. Bleibt die Frage: Gab es wirklich einmal eine biodeutsche Urgemeinschaft?

Zuerst eine gute Nachricht: Die Populationsgröße jener Spezies, die sich hierzulande immer noch als „Arier“ definiert und vor der Vernichtung der „weißen Rasse“ warnt, ist glücklicherweise auch in migrationskritischen Kreisen sehr gering. Ganz ausgestorben sind jene, die bei ihrem Kampf gegen die „Überfremdung des deutschen Volkes“ auch an Gene und Abstammungslinien denken, dennoch nicht.

Vergangenen Monat wurde so ein selten gewordenes Exemplar zum Beispiel gesichtet. Auf seiner Facebook-Seite wandte sich der Greifswalder AfD-Politiker und Rechtsprofessor Ralph Weber gegen „alle Versuche, unser Volk durch Überfremdung mittels Zuwanderung auszutauschen“ und forderte alle „Biodeutschen“ auf, sich für die „deutsche Leitkultur“ einzusetzen. 

Biodeutsch. Was soll das sein? Eine Art reinrassige Kartoffel, in guter deutscher Erde gewachsen, frei von dem Befall durch invasive Arten? Das Weißkraut unter den Völkern? Der aktuelle Euphemismus für alle, die sich nicht trauen „Arier“ zu sagen?

„Biodeutsch“ sollte das Etikett für alle etikettlosen werden

Der Begriff findet nicht nur in rechten Kreisen zunehmend Verbreitung. „Biodeutsch“ findet sich genauso auf Antifa-Flyern wie auf Grünen-Parteitagen. Erfunden hat ihn vermutlich der Ulmer Kabarettist Muhsin Omurca. Populär wurde er allerdings erst durch eine Rede des Grünen-Politiker Cem Özdemirs, der ihn in im Jahr 2009 scherzhaft für Deutsche ohne Migrationshintergrund verwendete

Die ursprüngliche Verwendung von „biodeutsch“ war also gar keine rassistische. Im Gegenteil: Der Begriff sollte das „Privileg der Etikettenlosen“ sichtbar machen, schrieb die taz-Kolumnistin Hilal Sezgin einmal. Wer bisher das Glück hatte, ohne Beinamen wie „mit Migrationshintergrund“, „Deutsch-Türke“ oder „Wo kommst du eigentlich her“ durchs Leben laufen zu können, bekam nun durch „biodeutsch“ ein Label verpasst, das seinen Status als Nicht-Diskriminierter erkennbar machte.

Warum gilt die aus Sibirien stammende Helene Fischer als biodeutsch, nicht aber der in München geborene Sohn von zwei Baden-Württembergern Noah Becker?

Bleibt trotzdem die Frage: Wer oder was sollen diese „Biodeutschen“ eigentlich sein? Ob man den Begriff nun benutzt, um Diskriminierung kenntlich zu machen oder um selbst zu diskriminieren, die meisten sind sich einig: „Biodeutsch“ soll das Gegenteil von „Mensch mit Migrationshintergrund“ sein. 

Einen Migrationshintergrund haben laut Statistischem Bundesamt:

„alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem nach 1949 zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil.“

Bei aktuellen Flüchtlingen oder türkischen Arbeitsmigranten mag diese Definition funktionieren. Aber wieso gilt die in Kanada geborene Anke Engelke als „biodeutsch“, nicht der in München geborene Sohn von zwei Baden-Württembergern Noah Becker? Was ist mit dem personifizierten Klischeebild einer Biodeutschen Helene Fischer? Die Schlagersängerin wurde schließlich 1984 in Sibirien geboren.  Als durch und durch „biodeutsch“ müsste hingegen der 1925 in Berlin geborene schwarze Schriftsteller Theodor Michael gelten. Wer sein Buch „Deutsch sein und schwarz dazu“ gelesen hat, weiß allerdings, dass er dies Zeit seines Lebens ganz anders erfahren hat.

In welcher Höhle haben die germanischen Ureinwohner eigentlich gelebt?

Reden wir also nicht um den heißen Biobrei drumrum: Wer „biodeutsch“ sagt, denkt nicht an Wohnorte und Geburtsregister. Er denkt an helle Haut statt krauses Haar. Die einen, weil sie Diskriminierung kenntlich machen wollen. Die anderen, weil sie Diskriminierung biologisch rechtfertigen wollen. Aber egal, wozu man den Begriff nun verwendet: „Biodeutsch“ macht „Deutsch“ zu einer Frage von Abstammung, Genetik oder Phänotyp. Deutsch ist, wer deutsch aussieht. Wer davon abweicht, muss irgendwann zugewandert sein.

Ist das wirklich so? Gibt es „Biodeutsche“ wirklich? Eine deutsche Ethnie? Gab es einmal einen germanischen Urzustand, in dem zwei Meter große blonden Hünen und blauäugige Mädchen mit Zöpfen sich heldenhaft invasive Arten abwehrten, um die Reinheit des biodeutschen Gencode zu verteidigen?

Ja. Zumindest dem Mythos nach gab. Wer nach den Ursprüngen der Ethnie „Deutsch“ sucht, landet im Teutoburger Wald. Im Jahr 9 nach Christus soll Arminius alias Hermann dort die Römer vernichtend geschlagen haben. Sein Sieg wurde Jahrhunderte später zum Gründungsmythos der Deutschen. Und sein blonde hünenhafte Gestalt durch Bildhauer, Maler, Dichter und Filmemacher bis heute zum Prototyp eines ethnischen Deutschen.

Schon im Prototypen aller Biodeutschen steckte mehr russischer Hirte und anatolischer Bauer als skandinavischer Herrenmensch

Die Wissenschaftsjournalistin Ann Gibbons hat für Science den Status quo archäologischer und humangenetischer Forschungen zusammengetragen, um dem Mythos von „Herman the German“ auf den Grund zu gehen. Gibbons lässt nichts übrig am Glauben an eine deutsche Gen-Gemeinschaft: Schon Hermanns Stamm der Cherusker sei ein multikultureller Haufen gewesen. In Arminius selbst steckte wahrscheinlich mehr russischer Hirte und anatolischer Bauer als skandinavischer Herrenmensch.

Auch jenseits germanischer Mythen gibt es keine Hinweise auf die Existenz einer deutschen Ethnie. In einer aktuellen Studie hat der Humangenetiker David Reich von der Harvard University versucht, den Gencode der Deutschen und anderer europäischer Völker entschlüsseln. Dazu hat Reich DNA und Isotope Jahrtausende alter Zahn- und Knochenfunde ausgewertet. Sein Ergebnis: Nahezu alle heutigen Europäer sind Produkt dreier Migrationswellen.

Die ersten unserer Ahnen kamen vor rund 19.000 bis 14.000 Jahren aus dem Nahen Osten. Eine zweite Einwanderungswelle brachte vor rund 9.000 Jahren Menschen aus Anatolien nach Mitteleuropa. Zuletzt ergänzten vor rund 5.000 Jahren Migranten aus den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres den europäischen Genpool. 

Wir alle sind Nachkommen russischer, anatolischer und nahöstlicher Migranten

„Das ganze Konzept eines ethnischen Deutschen ist lächerlich“, sagt auch der israelische Archäologe Aren Maeir. Eine Überfremdung eines „biodeutschen“ Volkes, wie es AfD-Politiker Ralph Weber beschwört, kann es schon allein deshalb nicht geben, weil es eine deutsche Ethnie – nennt man sie nun „arische Rasse“ oder „Biodeutsche“ nie gab. Nicht vor der Flüchtlingskrise. Nicht vor den „Gastarbeitern“. Nicht einmal im Teutoburger Wald.

Die abschließende Antwort auf die Existenzfrage aller „Biodeutschen“ lautet deshalb: Euch gibt es nicht. Diskriminierung, weil sich Menschen für „biodeutsch“ halten, freilich schon.

Deutsche, die dennoch nicht darauf verzichten können, sich über Abstammungslinien und Gencode zu definieren, können sich aussuchen, ob sie sich auf ihre russischen, nahöstlichen oder anatolischen Migrationshintergrund berufen wollen. Oder sie wählen die einzige rassische Bezeichnung, die uns wirklich trennscharf von unseren Artgenossen abgrenzt: Mensch.

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