Hätten Charlies auch für die Nazis demonstriert?

„Wir spucken auf die Religion der Schwachen“: Dies - so der Historiker Emmanuel Todd - sei die eigentliche Botschaft der Charlie Hebdo-Demonstrationen. Seine These: Islamophobie wurde in Frankreich zum Instrument sozialer Ausgrenzung.

Nach den Anschlagen auf Charlie Hebdo ging vor allem die reaktionäre Ober- und Mittelschicht Frankreichs auf die Straße. Die Millionen Demonstranten hätten auch für die Vichy-Regierung und gegen die Revolution demonstriert. #JeSuisCharlie ist eigentlich Ausdruck und Instrument einer Politik der sozialen Ausgrenzung.

Dies sind die Thesen des französischen Soziologen und Historikers Emmanuel Todd, dessen Buch „Qui est Charlie ?“ (Wer ist Charlie?) zurzeit weit oben auf der französischen Bestsellerliste steht. Und um das Wichtigste gleich vorwegzunehmen: Ich habe die 252 Seiten noch nicht gelesen und habe auch noch keine Meinung dazu. Da französische Feuilletons momentan aber kein wichtigeres Thema kennen, hier schon einmal ein paar Eindrücke:

„Wer sind wir wirklich; wir, die am 11. Januar solche Entschlossenheit gezeigt haben, als um die Zurückweisung blinder Gewalt und unseren Glauben an die Republik ging?“ So beginnt der Klappentext des Buches, das herausfinden will, wer nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo wirklich auf die Straße gegangen ist.

Dazu bedient sich Todd einer recht ungewöhnlichen Methodik: Er blickt auf die Zahl Départements mit der höchsten Anzahl an Demonstranten und schaut, wie sich Bevölkerung und Eliten bei anderen historischen Ereignissen verhalten haben: zum Beispiel während der französischen Revolution und bei der Gründung der Europäischen Union. Außerdem zählt er, wie viele Katholiken dort jeweils wohnen.

Todds Ergebnis: Nach den Anschlägen sei nicht der Bevölkerungsdurchschnitt auf die Straße gegangen, sondern eine Gruppe die er „MAZ“ nennt: Mittelklasse, Alte, „Zombie-Katholiken“. Diese verpflichte sich allenfalls zum äußeren Schein dem französischen Ideal der Egalité. In Wahrheit aber kämpfe sie für die wirtschaftliche und soziale Ausgrenzung der Unterschicht. Auch die Solidaritätserklärungen mit Charlie Hebdo seien Ausdruck eben dieser Politik. Die Islamophobie, wie sie dabei zum Ausdruck kam, sei ein Werkzeug der Unterdrückung gegenüber der muslimischen und sozial ausgegrenzte Bevölkerung der französischen Vororte. Die wahre Botschaft der Demonstrationen, die Todd „hysterische und leicht totalitär“ nennt: „Wir spucken auf die Religion der Schwachen“.

Wie gesagt, genauso populär wie Todds Buch in Frankreich momentan ist, so umstritten sind seine Thesen auch – vorsichtig ausgedrückt. Wissenschaftler werfen ihm unwissenschaftliche Methoden vor, Freunde distanzieren sich von ihm und selbst Frankreichs Premier Manuel Valls verurteilte die Thesen. Grund genug, das Buch einmal selbst zu lesen – das geht aber leider bisher nur auf Französisch.

 

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