„Sendungen wie Maischberger helfen den Rassisten unser Land zu spalten“

Erst sollte er über Rassismus in Thüringen reden, dann wollte ihn Maischberger doch nicht mehr dabei haben. Einen AfD-Politiker hingegen schon. Ein Gespräch mit Suleman Malik.

Als muslimischer Kommunalpolitiker und Bauherr der ersten repräsentativen Moschee Thüringens ist der Erfurter Suleman Malik regelmäßig Angriffen von AfD und Rechtsextremisten ausgesetzt. Bei Maischberger sollte er eigentlich davon berichten. Doch dann wollte ihn die Redaktion doch nicht mehr dabei haben. Einen AfD-Politiker hingegen schon. Im Interview erzählt Malik von seiner überraschenden Ausladung, der Welle der Solidarität im Netz und warum er Talkshows mitverantwortlich für Rassismus in Deutschland macht.

Herr Malik, eigentlich sollten Sie nächste Woche bei Maischberger auftreten. Nun wurden Sie überraschend ausgeladen. Was ist passiert?

Ich hatte am 24. Februar einen Anruf von einem Maischberger-Redakteur bekommen. Sie würden mich gern in ihre Talkshow einladen, um mit mir über Rassismus, antimuslimische Hetze und die Situation in Thüringen zu sprechen. Es sei ja so einiges in Thüringen passiert, deshalb wolle man auch die Stimme eines muslimischen Migranten hören.

Darüber habe ich mich zuerst sehr gefreut: Ich dachte, endlich gibt es die Möglichkeit, unsere Perspektive deutlich zu machen. Das kommt ja leider nicht allzu häufig vor. Gestern erhielt ich dann allerdings einen erneuten Anruf, in dem ich wieder ausgeladen wurde.

„Warum ladet ihr einen rechten Hetzer ein und Leute aus, die von rechter Hetze betroffen sind?“

Mit welcher Begründung?

Der Grund, der mir gesagt wurde, war: Ich stünde zu sehr in der Öffentlichkeit und das wäre unfair den anderen Gästen gegenüber. Man wolle lieber Bürger aus der Mitte der Gesellschaft zu Wort kommen lassen und ich sei ja ohnehin schon so präsent in den Medien. Ich habe dann gefragt, wer stattdessen kommt. Die Antwort war: Tino Chrupalla sowie Vertreter von Linke und CDU. Da habe ich gefragt: Wieso ladet ihr den ein und mich aus? Warum ladet ihr einen rechten Hetzer ein und Leute aus, die von rechter Hetze betroffen sind?

Moment, Sie wurden ausgeladen und an Ihrer Stelle wurde der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla eingeladen?

Nein, wir wurden nicht ausgetauscht. Mir wurde nur gesagt, man müsse mich ausladen. Dann habe ich gefragt, wer noch kommt und die Antwort war Tino Chrupalla. Und das verstehe ich nicht: Wieso werde ich mit der Begründung, ich sei zu viel in den Medien, ausgeladen und jemand der dafür verantwortlich ist, wird eingeladen.

Das muss man sich mal vorstellen: Herren wie Tino Chrupalla sind doch der Grund, warum ich so viel in den Medien bin. Diese Leute sind doch für die Entwicklung hier verantwortlich. Wir wissen doch, wie die AfD in Thüringen mit Rechtsextremisten zusammenarbeitet, mit ihnen zusammen Moscheeproteste organisiert. So blind kann man doch auf dem rechten Auge gar nicht sein!

Dazu muss man wissen: Sie und Ihre Gemeinde bauen bei Erfurt gerade die erste repräsentative Moschee Thüringens und werden immer wieder Ziel rechter Proteste.

Wir haben Schweineköpfe auf unserer Moscheebaustelle gehabt. Meine Familie wird bedroht. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich angespuckt wurde. Erst vorgestern gab es es eine Morddrohung auf der Nazi-Plattform „Erfurt zeigt Gesicht“. Da wurde ein Bild von mir und Bodo Ramelow gezeigt, auf dem stand: „Schlachtet diesen Narren“.

Screenshot der Facebook-Seite „Erfurt zeig Gesicht“. Der Post wurde mittlerweile gelöscht.

Und der Grund für all das ist, dass die AfD gegen uns hetzt. Leute wie Gauland, Weidel oder irgendwelche Islamkritiker sind in den Talkshows omnipräsent. Wer gibt uns Muslimen und Migranten eine Stimme? Warum werden die Täter eingeladen und die Menschen, die von der Hetze betroffen sind ausgeladen? Das habe ich den Herren am Telefon dann auch so gefragt.

Wie hat er reagiert?

Er hat mich angeschrien. Er hat gesagt, das stimme so nicht und die AfD in Schutz genommen. Ich hab mich richtig verarscht gefühlt. Also wie der mit mir gesprochen hat, das war schon merkwürdig. Das war dann auch der Moment, wo ich gesagt habe: Dann brauche ich jetzt auch nicht mehr mit Ihnen zu reden. Kurz vorm Ende des Telefonats hat er aber noch gesagt, es sei nicht seine Absicht gewesen, laut zu werden.

„Er wird seine rechte Hetze loswerden. Und wir Migranten werden die Folgen zu spüren bekommen“

Sie haben auf Twitter über den Fall berichtet und dort unter anderem zu einem Boykott von Maischberger aufgerufen. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Es ist ja nicht nur mein Fall. Maischberger hat auch neulich gesagt: AfD-Vertreter nicht mehr einladen zu wollen, lasse sich in unserer Demokratie nicht begründen. Aber meine Meinung ist: Wer Faschisten und Rassisten eine Bühne gibt, macht sich mitschuldig am rassistischem Terror.

Die Leute, die Maischberger einlädt, sind mitverantwortlich für das, was in Halle und in Hanau passiert ist. Vorgestern hatten wir den Gedenktag für die Opfer von Hanau. Eine Hinterbliebene hat sich dort gewünscht, dass Rassisten keine Bühne mehr geboten wird. Und was macht Maischberger? Sie lädt Tino Chrupalla ein! Ich versteh das einfach nicht. Wofür lädt sie den ein? Der hat auch mit Thüringen überhaupt nichts zu tun.

Ganz ehrlich: Was in Hanau passiert ist, hätte genauso in Erfurt passieren können. Das hätte ich sein können, das hätte meine Schwester sein können, das hätten meine Brüder sein können, das hätten viele andere Menschen mit dunkler Haut sein können. Da habe ich überhaupt kein Verständnis, dass Leuten wie Chrupalla, die mit ihrer Hetze zu solchen Taten beitragen, bei Maischberger eine Bühne gegeben wird.

Das macht mich traurig. Das macht mich fassungslos. Für mich ist das ganz schwierig zu verstehen. Wofür ist er dort? Was will der erzählen? Er wird wieder seine rechte Hetze loswerden. Und wir Migranten, wir Muslime, unsere jüdischen Mitbürger werden wieder die Folgen zu spüren bekommen. Das hätte ich bei Maischberger auch so gesagt.

„Sendungen wie Maischberger hindern uns, dieses Land zu einem besseren Land zu machen“

Was wollten Sie noch bei Maischberger loswerden?

Ich hätte gesagt, dass wir endlich begreifen müssen, dass die AfD alles macht, um Hass zu verbreiten. Dafür gehen sie Hand in Hand mit Nazis und anderen Rassisten. Wir haben gerade der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gedacht. Millionen Menschen wurden aus Hass und Rassismus ermordet. Und 75 Jahre später haben wir wieder eine Partei, die Hass und Rassismus produziert.

Wir brauchen endlich ein Umdenken, auch bei den Medien. Das ZDF zeigte gestern ein Zitat von Björn Höcke, der sagte, Bodo Ramelow sei ein Ministerpräsident der Schande. Wozu muss das ZDF so etwas veröffentlichen? Wissen wir nicht alle, wie Björn Höcke denkt? Das ist was mich umtreibt. Sendungen wie Maischberger, wo Rassisten eine Bühne bekommen, hindern uns an unserer Arbeit, dieses Land zu einem besseren Land zu machen.

Wie könnte es besser gehen, was wünschen Sie sich von Sendungen wie Maischberger?

Ich wünsche mir, dass weniger über unsinnige Themen diskutiert wird. Ich wünsche mir Themen, die das Zusammenleben in unserer Gesellschaft stärken. Ich wünsche mir, dass wir über soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung sprechen.

Ich wünsche mir, dass irgendwann nicht mehr die AfD-Leute auf den Bühnen sitzen, sondern diejenigen, die dieses Land mitgestalten. Ich wünsche mir, dass wir Muslime und Migranten gleichberechtigt unsere Meinung vertreten können und uns nicht als Menschen zweiter Klasse fühlen müssen.

Ich wünsche mir auch, dass wir bei manchen Debatten endlich einmal zu einem Ergebnis kommen. Immer wieder führen wir diese unendlichen Debatten, die zu keinem Ende kommen und stattdessen nur tiefere Risse in der Gesellschaft schaffen. Rassisten wollen die Gesellschaft spalten und werden dennoch immer wieder gehört. Und Sendungen wie Maischberger helfen ihnen dabei. Das ist, was mich als Muslim, Bürger dieses Landes und als Mensch immer wieder fassungslos macht.

https://twitter.com/suleman_malik_/status/1235562822198755329


Nachdem Sie Ihre Ausladung auf Twitter öffentlich gemacht haben, haben Sie unglaublich viel Zuspruch erhalten. Während wir gerade mit einander sprechen, ist aufgrund ihrer Tweets der Hashtag #Maischberger der zweitpopulärste, gleich hinter #coronavirus. Ist zumindest das ein positives Zeichen?

Mit so einer Reaktion hätte ich nicht gerechnet. Das freut mich sehr. Die Reaktionen zeigen, dass es viele Menschen gibt, die sich eine offene tolerante Gesellschaft wünschen. Dieser öffentliche Druck hat ja auch dazu geführt, dass Kemmerich, der mit Stimmen der AfD gewählt wurde, zurückgetreten ist. Wäre dieser öffentliche Druck nicht da, wäre das nie passiert.

Ich habe auch den Eindruck, dass wir da nach Hanau ein Umdenken haben. Wir haben da eine neue Solidaritätswelle – auf der Straße, aber auch im Netz. Und wir brauchen diese Plattformen, wir brauchen diese Unterstützung. Dank Sozialen Medien können sich nun auch jene zu Wort melden, denen sonst keine Stimme gegeben wird. Ich wünsche mir, dass diese öffentlichen Rufe immer lauter werden.

„Ich werde mit keinem Faschisten diskutieren“

Auch die Maischberger-Redaktion scheint die Rufe gehört zu haben. Auf Twitter schreibt sie, sie bedaure die Absage, geht aber nicht weiter auf die Vorwürfe ein. Gab es noch einmal ein Gespräch mit Ihnen?

Ja, am Abend hat mich die verantwortliche Redakteurin Frau Maar angerufen. Nun hieß es, es sei nicht genug Platz in der Halle. Das ist alles widersprüchlich. Außerdem: Wenn sie keinen Platz haben, warum laden Sie nicht Tino Chrupalla aus? Für mich macht das den Eindruck, man wolle sich herausreden. Sie sagte auch, sie habe kein Verständnis für meine Aufregung.

Angenommen das Maischberger-Team überlegt es sich doch noch anders. Wären Sie bereit in der Sendung mit Herrn Chrupalla zu diskutieren?

Nein, ich werde mit keinem Faschisten diskutieren. Ich werde keinen Millimeter der Bühne für einen Faschisten Platz machen. Ich würde mir an seiner Stelle jemanden wünschen, der sich für eine solidarische Gesellschaft einsetzt. Maischberger sollte einen Vertreter der in Hanau betroffenen Familien einladen und nicht jemanden, der für die Morde mitverantwortlich ist.

[Anmerkung: Ich habe der Maischberger-Redaktion eine Reihe von Fragen zur Ausladung von Suleman Malik geschickt. Sobald die Antwort da ist, werde ich sie hier nachtragen.]

[Das Aufmacherfoto zeigt Suleman Malik gemeinsam mit Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow bei der Grundsteinlegung von Thüringens erster repräsentativer Moschee in Erfurt/ Marbach am 13. November 2018. Weil sich nach rechten Protesten keine Bauunternehmen finden, ist sie bis heute nicht fertig gestellt. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Ahmadiyya Muslim Jamaat.]

Ein Kommentar zu “„Sendungen wie Maischberger helfen den Rassisten unser Land zu spalten“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.