Das vergessene arabische „P“ und warum es den Nahost-Konflikt auch nicht löst

In arabischen Ländern kursiert ein Witz. Die Kurzform der palästinensische Version geht in etwa so: Treffen sich Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas und US-Präsident George W. Bush im Weißen Haus. Als Abbas nach Ramallah zurückkehrt, weist er seinen Büroleiter an, auf jede Tür im Land seinen Namen schreiben zu lassen. „Ja aber warum soll denn auf jeder Tür ‚Abbas‘ stehen“, fragt der Büroleiter verwundert. Abbas antwortet: „In Amerika steht doch auch ‚Bush‘ auf jeder Tür.“

Das war der zugegebenermaßen etwas bemühte Einstieg für einen Text, der sich um das fehlende „P“ im Arabischen dreht. Der eigentliche Anlass ist ein noch schlechterer Witz. Den hat kürzlich Yair Netanjahu, der Sohn des israelischen Premiers, erzählt:

Die dann doch ziemlich alberne These des mittlerweile gelöschten Tweets: Palästina könne es allein deshalb nicht geben, weil es im Arabischen kein „P“ gebe.

Der innovative Versuch, Staatstheorie und Völkerrecht auf eine neue phonetische Grundlage zu stellen, brachte dem jungen Netanjahu in Sozialen Netzen vor allem jede Menge Spott ein. Eine Sache kam dabei allerdings zu kurz: Yair Netanjahus Aussage ist nicht nur dämlich, sondern auch falsch. Denn tatsächlich gibt es ein „P“ im Arabischen. Oder besser: Es gab mal eines.

Was Falestin mit Fischen und Vätern zu tun hat

Sucht man nach den Ursprüngen für den Umstand, dass Palästinenser sich mit einem Begriff bezeichnen, dessen Anfangsbuchstaben sie nicht einmal aussprechen können, landet man meist bei den Philistern. Die sollen im 12. Jahrhundert v. Chr. an der Küste Palästinas gesiedelt und dem Land ihren Namen verliehen haben. In Inschriften aus dem alten Ägypten findet sich die ägyptische Entsprechung „Peleset“. Assyrer kannten die regionale Bezeichnung „Palashtu“, die antiken Griechen sprachen von „Palaistine“. Spätestens die Römer etablierten etablierten schließlich die Bezeichnung, über dessen Geltungsbereich auch 2000 Jahre später gestritten wird: „Palaestina“.

Da drängt sich also die Frage auf: Warum also halten sich ausgerechnet die heutigen Palästinenser (und alle anderen Arabischsprechenden) nicht an diese Tradition und nennen ihr Land „Filastin“?

Die Antwort lautet „Frikativierung“. So nennen Phonetiker das verbreitete Phänomen, dass sich Plosivlaute (wie „p“) zu Reibelauten (wie „f“) verwandeln. So wurde beispielsweise auch aus dem altpersischen „Parsa“ (dt. Perser) im Arabischen „Farsi“. Auch Deutsche kennen das Phänomen: Der deutsche „Vater“ stammt vom lateinischen „Pater“ ab. Der deutsche „Fisch“ war einmal ein lateinischer „piscis“.

Heutige Arabisch-Sprechende lösen das Problem des fehlenden „p“ allerdings meist wie Palästinenserpräsident Abbas im unlustigen Einstieg. Sie ersetzen den „p“-Laut durch seine stimmhafte Version: „b“. So können Libanesen trotz fehlenden „p“ in der französischen Hauptstadt „Baris“ Urlaub machen, während sich Ägypter an Getränkeautomaten zwischen „Kuka Kula“ und „Bebsi“ entscheiden müssen. Würde der Begriff „Palästina“ heute erfunden, Arabischsprechende würden ihr Land womöglich „Bilastin“ nennen.

Um endlich zum Bunkt zu kommen… Was Yair Netanjahu nicht weiß: Das arabische „p“-Defizit hat vermutlich nicht schon immer bestanden. Ein Hinweis darauf, dass es auch im Arabischen einmal ein „p“ gab, findet sich im heutigen arabischen Alphabet.

Warum einer palästinensischen Staatswerdung aus linguistischer Perspektive nichts im Wege steht

Typisch für semitische Sprachen wie das Arabische ist, dass ihre Konsonanten paarweise auftreten: Auf jeden Buchstaben, der einen stimmhaften Laut repräsentiert, kommt eine stimmlose Entsprechung. So gibt es jeweils Buchstaben für die Laute „t“ und „d“, für „sch“ und „dsch“ (wie in Dschungel oder Job), für das stimmlose „s“ (wie in Haus) ebenso wie für das stimmhafte „s“ (wie in Sagen).

Nur zwei Konsonanten verweigern sich im modernen Arabisch diese Regel: Dem stimmhaften „b“ fehlt seine stimmlose Entsprechung „p“. Dafür fehlt dem stimmlosen „f“ sein stimmhafter Gegenlaut „w“. Die logische Erklärung: Das „f“ muss einmal ein „p“ gewesen sein.

Genau darauf deuten auch archäologische Zeugnisse hin. Safaitisch nennt sich ein arabischer Dialekt, der zu Zeiten der römischen Besatzung Palästinas von Beduinen in der syrischen Wüste gesprochen wurde. Mitte des 19. Jahrhunderts fanden Archäologen im syrischen Sand Inschriften, die nicht nur die merkwürdigen Eigenart belgen, Zeilen abwechselnd von links nach rechts und rechts nach links zu schreiben. Die Inschriften legen auch die Vermutung nahe, dass der Buchstabe, den Arabischsprechende heute als „f“ sprechen, im 1. Jahrhundert „p“ lautete.

Der Philologe Ahmad Al-Jallad hat davon übrigens wesentlich mehr Ahnung als ich:

Das bedeutet: Wenn sich zur Zeit der Römer Arabischsprechende über die Gegend zwischen Jordanfluss und Mittelmeer austauschten, ist es gut möglich, dass ihnen dabei ein „p“ über die Lippen kam.

Welche politischen Implikationen hat diese Erkenntnis nun also für die Palästinenser? Keine. Nur wer der irrsinnigen Logik Yair Netanjahus folgt, dass das heutige Recht von Menschen auf staatliche Selbstbestimmung von 2000 Jahre alten phonetischen Gegebenheiten abhängt, muss einsehen, dass der Schaffung eines Staates „Palästina“ nichts mehr im Weg steht. Alle anderen müssen sich weiterhin damit abfinden, dass der Nahostkonflikt nicht auf linguistische Weise zu lösen ist.

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