Unser Terror in Nahost

Sie folterten, mordeten und brachten Leid über unzählige Menschen: Hunderte Deutsche schlossen sich dem IS an. Das konnten sie auch deshalb, weil hierzulande Politik und Öffentlichkeit wegschauten, solang ihr Terror nur die Menschen in Nahost traf.

Wann habt ihr euch eigentlich zuletzt von deutschen Terroristen distanziert? Zum Beispiel von Robert B.? Der Ex-Bundeswehrsoldat aus Solingen hat mutmaßlich bei einem Selbstmordattentat Anfang 2014 50 Menschen mit in den Tod gerissen. 

Oder von Yannik N., dessen „Märtyrertod“ der IS am 18. Mai 2015 via Twitter verkündete. Der Mann aus Freiburg soll nahe der irakischen Stadt Baidschi einen mit 1,5 Tonnen Sprengstoff beladenen LKW in einen Kontrollpunkt der irakischen Armee gesteuert haben.

Oder von Yamin A. Der junge Mann aus Königswinter tauchte im Sommer 2015 in einem Video des IS auf. Zu sehen ist, wie der Ex-Telekom-Azubi zwei gefesselte und am Boden kniende syrische Soldaten in den Kopf schießt.

Oder, oder, oder…

Hauptsache nicht bei uns! Dies scheint auch dieser Tage wieder die Maxime zu sein, wenn Politiker und Öffentlichkeit über den Umgang mit deutschen Terroristen diskutieren. Von potenziellen Bedrohungen und Anschlagsgefahren in Deutschland liest man dann. Vom ganz realen Terror, den Deutsche in den vergangenen Jahren über die Menschen in Syrien und Irak gebracht haben, hört man hingegen kaum. Ein Terror, der kaum deutsche Opfer aber umso mehr deutsche Täter kannte.

In keiner Terrororganisation gab es so viele Deutsche wie im IS

Rund 1.050 Menschen sollen sich nach Angaben des Bundesinnenministeriums in den letzten Jahren aus Deutschland auf den Weg gemacht haben, um sich dem IS anzuschließen. Damit dürfte keine Organisation seit 1945 so viele deutsche Terroristen um sich versammelt haben wie der Islamische Staat.

Terroristen wie auch Philip B. Der damals 27-jährige ehemalige Pizzabote aus Dinslaken sprengte sich mutmaßlich im August 2014 nahe der irakischen Stadt Mosul in die Luft und nahm 20 Kurden das Leben.

Als die IS-Fahne noch in deutschen Fußgängerzonen wehte

Es gibt viele Gründe, warum der IS so viele Leichtgläubige aus aller Welt um sich versammeln konnte. Seine spektakulären Erfolge zwischen 2014 und 2017. Das Versprechen an Menschen, die immer am Rande der Gesellschaft standen, bei einem welthistorischen Ereignis zu den Gewinnern zu gehören. Das beispiellose Terrormarketing der Organisation. Die brutale Anarchie im Nahen Osten, die Sadisten aller Art eine Heimstätte gibt.

Einige Gründe dürften aber hausgemacht sein, mit Behörden und Politikern in Deutschland und anderswo zu tun haben, die lange wegschauten, weil der Terror nicht ihr Land betraf. Zu einem Zeitpunkt als Philip B. und viele andere Terror-Auswanderer in Syrien und Irak unter dem Banner des IS längst schreckliche Verbrechen begangenen hatten, konnte man in deutschen Fußgängerzonen immer noch die schwarze Fahne des IS wehen sehen.

Zu einem Zeitpunkt als Nachrichten über Massenmorde an irakischen Jesiden und syrischen Alawiten die Schlagzeilen bestimmten und der IS längst seine Terrorherrschaft über irakische und syrische Großstädte errichtet hatte, konnten Dschihadisten in Deutschland noch ungestört für die Terrororganisation werben.

Rechtlich kompliziert sei ein Verbot von Strukturen und Symbolen, rechtfertigten sich damals deutsche Sicherheitspolitiker. Es dauerte schließlich bis September 2014, bis die Bundesregierung Strukturen und Symbole des „Islamischen Staates“ in Deutschland verbot. Erst 2015 begannen Behörden Dokumente von deutschen Dschihadisten einzuziehen, um sie so an der Ausreise zu hindern. Doch da hatten viele die Bundesrepublik längst verlassen.

Viele deutsche Dschihadisten waren den Behörden bekannt

Am fehlenden Wissen dürfte es nicht legen, dass über viele Jahre deutsche Dschihadisten ungehindert in Richtung Syrien und Irak ausreisen konnten. Fragt man bei Sicherheitsbehörden nach, erklären diese, dass sie gut Bescheid wüssten über die deutsche Dschihadisten-Szene.

Damals wie heute: Rund ein Drittel der deutschen Terroristen soll nach Angaben des Innenministeriums nach dem Kampf wieder nach Deutschland zurückgekehrt sein. 200 sind vermutlich tot. Rund 50 IS-Anhänger sollen sich in der eingeschlossenen Islamisten-Hochburg Idlib befinden. 40 weitere befinden sich in Gefängnissen im von kurdischen Milizen kontrollierten Nordsyrien.

Auch vor ihrer Ausreise war ein Großteil der Dschihadisten polizeibekannt, stand auf Gefährderlisten oder hatte wegen islamistischer Straftaten bereits Haftstrafen verbüßt.

Wie Robert Baum. 2011 wurde der Solinger mit dem befreundeten Salafisten Christian E. bei der Einreise ins Vereinigte Königreich festgenommen. Im Gepäck der beiden: Pläne zum Bau von Bomben und Propagandamaterial der al-Qaida. Ein britisches Gericht verurteilte E. und Baum zu 12 bzw. 16 Monaten Haft. Nach einem halben Jahr kamen sie frei und kehrten nach Deutschland zurück.

Mit rund 50 anderen Salafisten gehörten sie der dort größten und radikalsten deutschen Dschihadisten-Gruppe um den Solinger Moschee-Verein „Millatu Ibrahim“ an. Aufgebaut wurde die Gruppe vom wahrscheinlich bekanntesten deutschen IS-Kämpfer, dem ehemaligen Berliner Gangsta-Rapper Denis Cuspert alias Deso Dogg, sowie dem österreichischen Salafisten Mohamed Mahmoud.

Letzterer hatte wegen Unterstützung der Terrororganisation al-Qaida bereits vier Jahre in österreichischer Haft verbracht. Als Mitglieder der Gruppe im Mai 2012 in Solingen und Bonn auf Polizisten losgingen, verbat Innenminister Hans-Peter Friedrich am 29. Mai 2012 den Verein. Als Ermittler einen Monat später bundesweit Razzien gegen die Gruppe durchführten, reisten Baum, Christian E., Cuspert, Mahmoud und rund drei Dutzend weitere Dschihadisten unbehelligt nach Ägypten aus. Über den Umweg über Libyen landeten die meisten von ihnen schließlich in Syrien.

Auch andere deutsche Dschihadisten waren den Behörden vor ihrer Ausreise bekannt. Der Berliner Fatih K. musste sich als Mitglied der „Deutschen Taliban Mujahideen“ 2011 vor Gericht verantworten, nachdem er zwei Jahre zuvor ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet ausgereist war und von dort aus Propagandavideos verbreitet hatte. Das Berliner Gericht verurteilt ihn zu zweieinhalb Jahren Jugendstrafe. Nach Absitzen seiner Strafe verschwand auch er nach Syrien.

IS-Einheiten, in denen niemand Arabisch spricht

Hinweise darauf, wie groß das Problem des europäischen Terrorexports für die Menschen vor Ort ist, gab es in den letzten Jahren immer wieder. Die irakische Regierung wies früh darauf hin, dass einige der grausamsten Verbrechen von europäischen IS-Kämpfern begangen werden.

Syrische und irakische Aktivisten und Politiker, die darauf verwiesen, dass der IS auch ein westliches Phänomen sei, stießen hierzulande entweder auf den Vorwurf, Verschwörungstheorien zu stricken oder von eigenen Fehlern ablenken zu wollen. Syrische Truppen – sowohl auf Regierungs- als auch Oppositionsseite – berichteten immer wieder darüber, dass es ganze Einheiten beim IS gebe, in denen kein einziger Kämpfer Arabisch spreche. Verkehrssprachen stattdessen: Russisch, Französisch oder Deutsch.

Eine dieser deutschen Gruppen innerhalb des IS war die „Lohberger Brigade“. Auch wenn nicht klar ist, ob die nach einem Stadtteil der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Dinslaken benannte Gruppe tatsächlich eine eigene Kampfeinheit innerhalb des IS oder nur eine Selbstbezeichnung darstellte, so kannten sich ihre über ein Dutzend Mitglieder doch und waren gemeinsam im nordsyrischen Ort Manbij im Einsatz.

Zur Lohberger Brigade gehörte neben Pizzabote und Selbstmordattentäter Philip B. auch Mustafa K., der Bekanntheit erlangte, nachdem er 2014 grinsend auf einem Foto mit einem abgeschlagenen Kopf posierte. Weitere Mitglieder waren Marcel L. und Nils D., die 2013 nach Syrien ausreisten und unter anderem an der Folterung von Gefangenen beteiligt gewesen sein sollen.

Deutsche dienten dem IS nicht nur als Fußvolk

Deutsche dienten im IS aber nicht nur als Folterknechte und Selbstmordattentäter. Behauptungen wie die von Ex-Verfassungschef Hans-Georg Maaßen, Deutsche würden als namenlose Kämpfer vom IS einfach verheizt, entpuppen sich bei genauerem Hinsehen zumindest als irreführend.

Viele Deutsche übernahmen wichtige Posten in der IS-Hierarchie und prägten dessen Terror teils von ganz oben mit. Martin L., ein ehemaliger Schweißer aus Sachsen-Anhalt, der derzeit in kurdischer Haft sitzt, soll sich vom Sittenpolizisten und Folterknecht bis zum Geheimdienstler mit Kontakten bis in die Führungsspitze hochgearbeitet haben.

Der Gladbecker Levent Ö., der im Dezember 2018 von einem irakischen Gericht zum Tode verurteilt wurde, soll als Ausbilder gedient haben. Baum-Freund Christian E. stand Recherchen der Süddeutschen Zeitung zufolge ebenfalls weit oben in der Hierarchie der Terrororganisation und war wahrscheinlich als Rekrutierer tätig.

Reda S., der aus Berlin-Charlottenburg jahrelang salafistische Propagandavideos produzierte, stiegt unter IS-Herrschaft möglicherweise bis zum Bildungsminister der irakischen Großstadt Mossul auf. Und der Ex-Rapper Denis Cuspert soll zu den wichtigsten Personen in der IS-Medienorganisation Al-Hayat gehört haben, bis er vermutlich bei einem amerikanischen Luftangriff im Januar 2018 starb.

Heute stellen nur noch wenige deutsche Terroristen eine Gefahr für die Menschen in der Region dar. Nur in der Islamisten-Enklave Idlib sollen sich derzeit noch einige Dutzend aktive deutsche Kämpfer befinden.

Darüber welche Bedrohungen die verbliebenen deutschen IS-Terroristen für die Bundesrepublik darstellen, wird dieser Tage wieder viel diskutiert. Die Debatte über die Verantwortung der Bundesrepublik für den deutschen Terror in Nahost bleibt weiter aus.

Das Aufmacherbild zeigt das Gemälde „Die Rückkehr des Kreuzfahrers“ des Düsseldorfer Romantikers Carl Friedrich Lessing aus dem Jahr 1835. Zu sehen ist ein Deutschordensritter auf seinem Rückweg vom Kreuzzug.

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