Warum der Charlie Hebdo-Titel nicht rassistisch ist

Erst die Mohammed-Karikaturen, jetzt machen sie sich über tote Flüchtlinge lustig! Auf Twitter und Facebook empören sich momentan viele über die aktuelle Ausgabe von Charlie Hebdo. Doch es lohnt sich, die Karikaturen einmal genauer anzuschauen.

In Sozialen Netzwerken gibt es momentan wieder eine Menge Aufregung um Charlie Hebdo. Und diesmal geht es nicht um Mohammed. Die Bilder kommentieren die aktuellen Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer. Sie zeigen ertrinkende schwarze Menschen, klischeehaft gezeichnet mit wulstigen Lippen und Knollnasen.“Familienzusammenführung“ steht über einem der Bilder. „Pietätlos“, „widerlich“, „#JeNeSuisPasCharlie empören sich viele auf Facebook und Twitter.

Zu Recht? Nicht ganz. Das wichtigste Argument für Charlie Hebdo zunächst: Eine der beiden Karikaturen stammt gar nicht von Charlie Hebdo. Gezeichnet hat sie der algerische Karikaturist Ali Dilem. Dilem arbeitet zwar seit kurzem für Charlie Hebdo, erschienen ist die Karikatur aber noch bei Dilems vorherigen Arbeitgeber, dem algerischen Magazin Liberté. 

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Macht sich die Karikatur dennoch über tote Flüchtlinge lustig? Auch nicht. Über den ertrinkenden Menschen steht der Schriftzug „Regroupement familial en mediterranée“- „Familienzusammenführung im Mittelmeer“. Das könnte zynisch gegenüber den Toten sein, ist wohl aber als Kritik an der französischen Flüchtlingspolitik gemeint. Wie anderswo in Europa, sind die französischen Vorgaben, nach denen Migranten Familienangehörige nachholen dürfen, ziemlich strikt: Man muss mindestens 18 Monate im Land leben, über ein bestimmtes Einkommen verfügen usw. Dilems Karikatur kritisiert, dass in der Praxis die Familienzusammenführung deshalb eher auf dem Grund des Mittelmeeres als in Frankreich stattfindet.

Bleiben die klischeehaft dargestellten Schwarzen. Die Frage: Handelt es sich hierbei um eine (rassistische) Karikatur schwarzer Menschen oder karikiert Dilem hier die französische (rassistische) Wahrnehmung schwarzer Menschen. Berücksichtigt man die Gesamtaussage der Karikatur und schaut sich Dilems sonstige Zeichnungen an, ist eigentlich eindeutig, wer hier gemeint ist.

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Die zweite Karikatur stammt tatsächlich von Charlie Hebdo, sogar vom Cover der aktuellen Ausgabe. Auch hier könnte man die klischeehafte Darstellung der Flüchtlinge kritisieren, die zudem gegenüber der großen weißen Frau auch noch kleinwüchsig zu sein scheinen. Wie gesagt, muss man aber nicht.

Denn in welche Richtung die Kritik gemeint ist, steht auch hier in der Überschrift: „Un Titanic par semaine“ – „Eine Titanic pro Woche“. Es ist eigentlich offensichtlich aber noch einmal zur Sicherheit: Es geht darum, dass im Mittelmeer wöchentlich so viele Menschen ertrinken, wie bei einer der größten (und von Hollywood verfilmten) Schiffskatastrophen aller Zeiten.

Für Nicht-Franzosen etwas schwerer verständlich ist, was die singende Celine Dion bedeuten soll. Die wahrscheinlichste Antwort (nach der ich auch erst googlen musste): Es ist nicht Celine Dion, sondern die Vorsitzende des Front National, Marine Le Pen. Die Rechtspopulistin steht in Frankreich für eine menschenverachtende Flüchtlingspolitik, die sich auf Abwehr und Abschreckung reduziert. Vielleicht eine französische Thomas de Maizière, allerdings mit den Positionen von Hans-Peter Uhl. Also: Boote zerstören, weniger Flüchtlinge retten, mehr abschieben usw. Dass Le Pen im Flüchtlingsboot das nervige „My heart will go on“ singt und die Flüchtlinge „Halt’s Maul“ rufen, soll wahrscheinlich diese Abschreckungspolitik illustrieren.

Noch einmal zusammengefasst: Eine der beiden Karikaturen stammt nicht von Charlie Hebdo. Beide richten sich gegen die europäische Flüchtlingspolitik und nicht gegen Flüchtlinge. Gründe, Charlie Hebdo zu kritisieren, gibt es bestimmt viele. Aber die aktuelle Ausgabe gehört nicht dazu.

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