Zum Affen gemacht: Die Giordano-Bruno-Stiftung, die Evolution und muslimische Lehramtsstudenten

Im Kampf gegen christliche und muslimische „Religiotie“ fordert die atheistische Giordano-Bruno-Stiftung-Stiftung ein Bekenntnis zu wissenschaftlichen Erkenntnissen. Mit der Wissenschaftlichkeit ihrer eigenen Anschuldigungen nimmt sie es hingegen nicht so genau.

Wächst an unseren Universitäten eine Generation muslimischer Kreationisten im Lehrergewand heran? Lehren muslimische Pädagogen demnächst, die Entstehung des Menschen durch Lehm und Rippe anstatt durch Mutation und Selektion? Lernen unsere Kinder im Biologieunterricht bald die koranische Schöpfungsgeschichte anstatt der Mendelschen Gesetze?

Diesen Eindruck kann bekommen, wer dieser Tage auf islamfeindlichen Seiten in Sozialen Netzwerken unterwegs ist. Auslöser ist eine Meldung der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung (GBS). „Mehrheit der muslimischen Lehramtsstudenten bestreitet die Evolution“, schrieb diese vergangene Woche auf ihrer Website und viele Medien schrieben ab. Einer Befragung unter Lehramtsstudenten zufolge sollen 60 Prozent der zukünftigen Lehrer muslimischen Glaubens bestreiten, dass „der heutige Mensch aus affenartigen Vorfahren hervorgegangen ist“. Sogar 70 Prozent der muslimischen Lehramtsstudenten würden die  Evolutionstheorie gleich ganz ablehnen. 

Von einer „bildungspolitischen Katastrophe“, spricht der Vorsitzende der GBS Michael Schmidt-Salomon auf der Website der Stiftung: Wer die Evolutionstheorie ablehne, habe „keinen universitären Abschluss verdient“, schreibt der Philosoph dort und fordert, muslimische Lehramtsstudenten nicht weiter „auf wehrlose Kinder loszulassen“.

Eine aktuelle Studie zu dem Thema gibt es gar nicht

Doch so vehement die GBS die fehlende Wissenschaftsgläubigkeit von muslimischen Studenten beklagt, so wenig genügt die Auswertung ihrer Studie wissenschaftlichen Prinzipien. Als erstes fällt auf: Eine aktuelle Studie zu dem Thema gibt es gar nicht. Die Umfragen, auf die sich die GBS beruft, sind teils schon zehn Jahre alt.

Im Jahr 2007 fragten der heutige Professor für Biologiedidaktik an der Uni Gießen und GBS-Mitglied Dittmar Graf und sein türkischer Kollege Haluk Soran Lehramtsstudenten in Dortmund und Ankara nach ihrer Einstellung zur Evolution. Zwei Jahre später wurden die Daten mit der Befragung von 1055 Studenten an den Universitäten Hildesheim, Siegen und Dortmund ergänzt. Das Problem: Muslime befanden sich kaum darunter.

Wenn die GBS nun nach der Wiederentdeckung der Studie behauptet, „die Mehrheit zukünftiger Lehrer muslimischen Glaubens“ lehne die Evolutionstheorie ab, dann meint sie damit 36 Personen. Die These, der Mensch habe affenartige Vorfahren, lehnten in der zweiten Studie 37 muslimische Lehramtsstudenten ab. Eine Stichprobe, die viel zu klein ist, um daraus wissenschaftlich verlässlich auf die Einstellung von Tausenden muslimischen Lehramtsstudenten zu schließen. Zum Vergleich: Sozialwissenschaftlich üblich ist eine Stichprobengröße von 1000 Personen.

Mit „Mehrheit muslimischer Lehramtsstudenten“ meint die gbs 37 Personen

Wie wenig aussagekräftig ein solches Vorgehen ist, lässt sich messen. Mit dem „Standardfehler“ geben Soziologen an, um wie viel Prozent das gemessene Ergebnis vom tatsächlichen abweichen kann. Dabei gilt: Je mehr Leute befragt werden (Stichprobe) und je kleiner die Gruppe ist über die eine Aussage getroffen werden soll (Grundgesamtheit), desto geringer die Abweichung.

Wie groß die Grundgesamtheit muslimischer Lehramtsstudenten in Deutschland ist, geht aus der Studie nicht hervor. Geht man vereinfachend davon aus, dass Muslime in Deutschland genauso häufig ein Lehramtsstudium beginnen wie Nicht-Muslime kommt man auf rund 14.000 Lehramtsstudenten muslimischen Glaubens. Setzt man diese Zahl ins Verhältnis zu den tatsächlich befragten rund 66 Muslimen, kommt man auf einen Standardfehler von 12 Prozent. Üblich ist ein Maximalwert von 5 Prozent.

Das bedeutet: Wenn die GBS von 59 Prozent muslimischen Lehramtsstudenten schreibt, die daran zweifeln, dass das Mensch von „affenartigen Vorfahren“ abstammen, könnte der Wert im Extremfall auch bei 47 Prozent (-12 Prozent) oder 69 (+ 12 Prozent) liegen. 

Ich habe gbs-Chef Michael Schmidt-Salomon mit meinen Zweifeln an der Studie konfrontiert. Das hat er geantwortet…
Zur Frage der fehlenden Repräsentativität:
Die Daten sind bei über 1000 Befragten sehr wohl repräsentativ für Lehramtsstudenten in Deutschland (es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es in Dortmund mehr Kreationisten gibt als andernorts, repräsentativ ist auch der Anteil der Muslime unter den Lehramtsstudenten, wäre er höher gewesen, wäre das eben nicht repräsentativ!). Natürlich wäre es schöner, wenn die Stichprobe größer gewesen wäre (und wir hoffen sehr, dass irgendwann einmal eine größere Studie zum Thema finanziert wird). Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass sich hierdurch an den Größenordnungen viel ändern wird – siehe die Parallelstudie in der Türkei, wo immerhin über 200 Lehramtsstudenten befragt wurden, die zu 94 Prozent (!) zentrale Aussagen der Evolutionstheorie ablehnten. Ich empfehle Ihnen, die grundlegende Datenanalyse von Graf und Soran (2011) zu lesen, deren Wissenschaftlichkeit von Forschern nicht in Zweifel gezogen wurde.
Zur Frage, warum nur Erstsemester befragt wurden:
Tatsächlich wurden in der erwähnte Studie Erstsemester-Studenten befragt. Es gibt jedoch andere Studien von Dittmar Graf, die zeigen, dass sich selbst bei Biologiestudenten (!) im Laufe des Studiums in dieser Hinsicht erstaunlich wenig verändert. Das heißt: Auch bei Biologiestudenten höheren Semesters sind Fehleinschätzungen in Bezug auf die Evolution erstaunlich stark verbreitet (was sicherlich nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen ist, dass es kaum Lehrstühle für Evolutionsbiologie in Deutschland gibt). Insofern halte ich es nicht für voreilig, davon auszugehen, dass viele Menschen, die die Universität als Kreationisten betreten, sie auch als Kreationisten wieder verlassen. (Es wäre natürlich schöner, wenn wir dazu sehr viel mehr sozialwissenschaftliche Erkenntnisse hätten, aber vielleicht trägt der provokative Ton unserer Stellungnahmen ja dazu bei, dass es irgendwann zu solchen Studien kommt.)
Zur Frage, ob die Unterschiede in den Umfrageergebnissen in der Türkei und in Deutschland nicht für das deutsche Bildungssystem sprechen:
Bei aller Kritik, die ich am deutschen Schulsystem habe: Es ist zweifellos besser als das türkische. Gut ist es aber noch lange nicht, wenn man bedenkt, dass die Schülerinnen und Schüler offenkundig nicht befähigt werden, überholte Weltwahrnehmungsmuster ihrer Familie kritisch zu hinterfragen, was sich ja in Grafs Studie im Falle von Studenten aus dem evangelikalen und muslimischen Milieu deutlich gezeigt hat. Dass in Deutschland sehr viel weniger Menschen dem Kreationismus anhängen als in der Türkei (aber auch in den USA, Polen oder Russland), ist wahrscheinlich nicht vorrangig dem besseren Schulsystem zu verdanken, sondern der Tatsache, dass wissenschaftliche Denkmuster im Allgemeinen und evolutionäre Erkenntnisse im Besonderen hierzulande inzwischen eine größere kulturelle Rolle spielen. Selbst in Boulevard-Magazinen werden Phänomene, die für die Menschen von Bedeutung sind (etwa „die Liebe“), mit Rückgriff auf Erkenntnisse der Evolutionsbiologie erklärt. Diese Popularisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse (neben der Evolutionsbiologie vor allem auch auf dem Gebiet der Kosmologie und Hirnforschung) hat m.E. den starken Säkularisierungstrend, der in Westeuropa in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat, enorm beflügelt.
[Das Foto von Schmidt-Salomon stammt von Andreas Schütt und steht unter einer CC4.0-Lizenz.}

Doch die tatsächliche Abweichung könnte sogar noch höher. Denn zumindest in der 2007er Studie (Affenfrage) wurden nur Studenten an einer einzigen Uni (Dortmund) gefragt. Deren Zusammensetzung muss nicht zwangsläufig repräsentativ für alle muslimische Lehramtsstudenten in Deutschland sein. Die soziale oder kulturelle Herkunft der muslimischen Studenten in Dortmund kann eine andere sein als in München. Und auch bestimmte spezifische Lehrinhalte der Uni können die Studenten beeinflusst haben. 

Antworten, die nicht das Bild vom wissenschaftsfeindlichen Muslim bestätigten, blieben unbeachtet

Das Problem wird noch größer, schaut man sich an, wie nah Muslime und Nicht-Muslime in ihren Antworten beieinander liegen. Die These „Die Evolutionstheorie ist eine wissenschaftlich anerkannte Theorie“ lehnten beispielsweise neben 41 Prozent der befragten Muslime auch 44 Prozent der evangelischen Freichkirchler ab. In die Überschrift der GBS-Mitteilung schaffte es letztere Gruppe trotz größerer Wissenschaftsskepsis allerdings nicht. Auch andere Antworten, die nicht die These vom besonders wissenschaftsfeindlichen Muslim bestätigtne, schien die GBS bei ihrer Auswertung kein großes Gewicht beigemessen zu haben.

„Die Evolutionstheorie basiert auf Spekulationen und nicht auf stichhaltigen wissenschaftlichen Beobachtungen und Untersuchungen“. Dieser Aussage stimmten 21 Prozent der befragten Muslime zu. Die überwiegende Mehrheit der befragten muslimischen Lehrämtler bekannte sich also zur wissenschaftlichen Belegbarkeit der Evolutionstheorie . Zum Vergleich: Auch 18 Prozent der evangelischen Christen hielten die Evolutionstheorie für Spekulation. Berücksichtigt man die große Fehlerquote, lässt sich auf Basis dieser Frage überhaupt gar kein Unterschied zwischen Christen und Muslimen belegen.

GBS-Chef hält am Bild vom wissenschaftsfeindlichen Muslim fest

Ich habe GBS-Chef Michael Schmidt Salomon gefragt, was er von der Studie hält. Seine Antwort:  „Natürlich wäre es schöner, wenn die Stichprobe größer gewesen wäre.“ Allerdings gehe er nicht davon aus, „dass sich hierdurch an den Größenordnungen viel ändern wird“. Zum Beleg verweist er auf die Parallelstudie in der Türkei. Dort hätten schließlich von über 200 Lehramtsstudenten 94 Prozent der Befragten die Evolutionstheorie abgelehnt.

Deutscher Muslim, Türke aus Ankara, also alles eins? Es ist sind noch weitere Fragen, die Zweifel daran aufkommen lassen, wie sehr die GBS die Forderung nach Wissenschaftlichkeit auch für sich selbst in Anspruch nimmt: Warum wurden ausschließlich Erstsemester befragt und damit Studenten, denen die Vorbereitung auf ihren Lehrerberuf erst noch bevor steht? Salomon-Schmidts Antwort offenbart noch mehr vereinfachende Grundannahmen: Eine weitere Studie habe ergeben, dass sich „selbst bei Biologiestudenten im Laufe des Studiums in dieser Hinsicht erstaunlich wenig verändert“.

Sein Resümee: „Insofern halte ich es nicht für voreilig, davon auszugehen, dass viele Menschen, die die Universität als Kreationisten betreten, sie auch als Kreationisten wieder verlassen.“ Das Problem auch hier wieder: Von kreationistischen Einstellungen ist in der Auswertung der Studie durch die GBS nirgends die Rede.

Könnte es nicht sein, dass religiöse Menschen ganz gut in der Lage sind, zwischen privatem Glaube und Lehrinhalten zu unterscheiden?

Stattdessen spricht aus der Aussage ein Klischee, das die GBS auch in anderen Veröffentlichungen zu dem Thema pflegt: Wer keine Ahnung von bestimmten wissenschaftlichen Themen hat und gleichzeitig religiös ist, kann nur ein religiös bornierter Kreationist sein. Andere Erklärungsmöglichkeiten lässt die GBS auch hier außer acht: Ist schlechter Biologie-Unterricht nicht die viel wahrscheinlichere Erklärung für fehlendes Verständnis der Evolutionstheorie als religiöse Engstirnigkeit? Könnte man den großen Unterschied im Evolutionsbekenntnis deutscher und türkischer Muslime nicht auch als Beleg für die Qualität des deutschen Bildungssystems deuten? Beweisen religiöse Menschen nicht Tag für Tag längst, dass auch sie gute Lehrer sein können, weil sie wissen, zwischen Privatem und Schulischen, zwischen Glauben und Lehrplan zu unterscheiden?

Man muss diese Fragen nicht pauschal mit ja beantworten aber man sollte sie zumindest diskutieren. Erst recht, wenn man selbst von anderen einen „vorurteilsfreien Zugang zur Wirklichkeit“ einfordert und den Zweifel an unreflektierten Dogmen zum Programm erhebt. Und natürlich sind Zweifel angebracht: an der Vereinbarkeit von Gottes- und Wissenschaft-Bekenntnis. Aber auch an Studien, die diese Vereinbarkeit hinterfragen, mögen sie auch noch so gut ins eigene Weltbild passen. 

[Das Aufmacherbild „Tabakskollegium with monkeys“ stammt vom niederländische Maler Abraham Teniers. Der Mehrheit muslimischer Lehramtsstudenten zufolge zeigt es gbs-Mitglieder bei aktuellen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen.]

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