
Mit einem Text voller Verleumdungen, erfundener Zitate, Falschbehauptungen und sogar Lügen über mein Privatleben versucht die NZZ, mich und mein Buch Staatsräsonfunk zu diskreditieren – und zeigt damit letztlich nur, wie notwendig Medienkritik ist.
Wenn man sich zweieinhalb Jahre lang fast ausschließlich mit der deutschen Gaza-Berichterstattung auseinandersetzt, ist man einiges an schlechten Texten gewohnt. Doch selbst dann erlebt man nur selten einen Beitrag wie den NZZ-Artikel „Kuscheln mit der Hamas“ vom 22. Juni 2026. Mit Diffamierungen, Auslassungen, erfundenen Zitaten und jeder Menge Falschbehauptungen versucht Autor Jonathan Guggenberger darin, mich und mein Buch Staatsräsonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza zu diskreditieren. Im Folgenden dokumentiere und korrigiere ich sämtliche 30 Falschbehauptungen des Beitrages.

„Kuscheln mit der Hamas… Scheinrebellen… aktivistisch… Geschrei…“ Schon die ersten Zeilen sind voll mit Diffamierungen und lassen erahnen, dass hier wahrscheinlich keine seriöse Buchbesprechung folgt. Aber lassen wir das zunächst einmal noch als Meinungsäußerung durchgehen.Ohnehin verrät man mit so einem Stil doch mehr über sich selbst als über jene, die man zu kritisieren versucht.
NZZ-Falschbehauptungen 1 und 2
Wer in einem medienkritischen Buch zum 7. Oktober und zu Gaza die Schlagzeile «Kriegsverbrechen im Selfie-Modus» liest, denkt vermutlich zuerst an die Hamas. Schliesslich haben deren Terroristen die Hinrichtungen jüdischer Familien mit Action-Cams gefilmt und selbstbewusst live gestreamt. Der Journalist und Social-Media-Agitator Fabian Goldmann sieht es aber ganz anders. Die erwähnte Überschrift stammt aus seinem Buch «Staatsräsonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza», das neulich im sozialistischen Manifest-Verlag erschienen ist. Für Goldmann sind die Selfie-Modus-Verbrecher nicht bei der Hamas zu suchen, sondern ausschliesslich bei Israeli.
Schon im ersten Absatz finden sich die erste Falschbehauptungen. Die NZZ unterstellt hier gleich zweimal, ich hätte mich in meinem Buch nicht den Taten der Hamas vom 7. Oktober gewidmet. Das ist falsch. Um den 7. Oktober und die Tötung von Zivilisten durch palästinensische Kämpfer geht es gleich im ersten Kapitel – und dort sogar umfangreicher als um den von der NZZ kritisierten Abschnitt über die Kriegsverbrechen israelischer Soldaten.
Staatsräsonfunk, S.31/32
Der blutigste Schauplatz an jenem Tag: das Nova Festival. Etwa fünf Kilometer vom Gazastreifen entfernt, hatten sich an dem Wochenende rund 3.500 Menschen zu einem Trance–Festival getroffen. Handy– und Body–Cam–Aufnahmen werden später zeigen, wie Hamas–Kämpfer durch geschlossene Dixi–Klos schießen und Granaten in einen Unterstand werfen, in den sich Festival–Gänger geflüchtet hatten. 378 Menschen starben allein auf dem und um das Festivalgelände, die allermeisten unbewaffnete Zivilistinnen und Zivilisten. Nicht nur Israelis wurden Opfer der Gewalt. Im kleinen Kibbuz Alumim stürmten palästinensische Kämpfer die Unterkünfte einer Milchfarm, erschossen 22 thailändische und nepalesische
Gastarbeiter. Vier weitere verschleppten sie in den Gazastreifen.
Generell scheint die NZZ aber auch das Thema des Buches nicht verstanden zu haben. Nicht die Ereignisse in Israel und Palästina sind Gegenstand meiner Untersuchung, sondern die mediale Berichterstattung über diese. Die von der NZZ kritisierte Passage «Kriegsverbrechen im Selfie-Modus» handelt davon, dass Medien selbst dann kaum über Kriegsverbrechen israelischer Soldaten berichteten, wenn diese von den Soldaten selbst dokumentiert wurden. Eine vergleichbare Kritik kann es in Bezug auf die Taten der Hamas nicht geben, da über diese breit berichtet wurde.
NZZ-Falschbehauptungen 3 und 4
Goldmann gehört im deutschen Medienbetrieb zu einem Kreis von Scheinrebellen, die trotz ihren Meinungen aus der ideologischen Schmuddelecke ernst genommen und hofiert werden. Mit ihrem gut gespielten Antagonismus zur deutschen Staatsräson und zu klassischer Medienmacht erreichen sie eine Armada von Followern. Als Medienkritiker schrieb Goldmann für den in etablierten Medien oft zitierten Watchdog-Blog «Übermedien». Als vermeintlicher Experte berät er Redaktionen zu Themen wie Antidiskriminierung und Vielfalt. Dies im Dienst des Vereins Neue deutsche Medienmacher*innen, der teilweise mit Bundes- und EU-Mitteln gefördert wurde – und Journalisten zu diskreditieren versucht, indem er zum Beispiel Recherchen über Clan-Kriminalität in Deutschland pauschal als rassistisch brandmarkt.
Ich diskreditiere in meinen Untersuchungen generell keine Journalistinnen, sondern übe empirisch fundierte Medienkritik. Gerade weil ich keine einzelnen Journalisten diskreditieren will, sondern strukturelle Probleme in der Berichterstattung aufzeigen möchte, nenne ich in meinen Untersuchungen in der Regel nicht einmal die Namen der verantwortlichen Medienschaffenden. So auch in meiner Untersuchung zur Clan-Berichterstattung, die 2024 im Sammelband Kritische Analysen zur sogenannten „Clankriminalität“ erschienen ist. Eine Kurzfassung gibt’s bei Übermedien.
Außerdem „brandmarke“ ich in der Untersuchung Recherchen über Clan-Kriminalität nicht „pauschal als rassistisch“ – allenfalls die von Spiegel-TV.
NZZ-Falschbehauptungen 5 und 6
Für den «Spiegel», «Vice» und evangelische Online-Magazine schrieb Goldmann Ich-Reportagen über «Islamfeindlichkeit» und israelische Abschiebegefängnisse, in denen sich sein Hass auf den jüdischen Staat und seine Bewunderung für dessen islamistische Gegner bereits abzeichneten.
2014 schrieb ich tatsächlich eine Reportage aus einem israelischen Abschiebegefängnis. Darin zeichnet sich allerdings nirgends “Hass auf den jüdischen Staat und seine Bewunderung für dessen islamistische Gegner” ab. Lest es gern selbst nach: Knast statt Gaza im Vice-Magazin
Außerdem war es nur ein evangelisches Online-Magazin und nur ein israelisches Abschiebegefängis. In einer Zwischenüberschrift ist im NZZ-Text außerdem von mehreren „Ich-Reportagen über Islamfeindlichkeit“ die Rede. Davon gibt es aber auch nur eine (einer meiner Lieblingstexte über meine Suche nach einer Burka-Trägerin). Weil das alles unbeutende Fehler sind, zähle ich sie nur als eine Falschbehauptung.
NZZ-Falschbehauptungen 7 bis 10
Passend dazu bedient Goldmann mit «Staatsräsonfunk» eine Verschwörungsphantasie, die sich seit dem 7. Oktober im pseudoliberalen Kulturbetrieb und unter autoritären Linken zur Kollektivpsychose entwickelt hat. Die Geschichte geht so: Eine Phalanx aus israelischen Propagandabeamten und deutschen Journalisten zensiere jede Stimme, die Israels Krieg in Gaza kritisiere. Grund dafür ist angeblich die Staatsräson, die in deutschen Medien wegen des historischen Schuldgefühls vieler Journalisten wie eine Ersatzreligion wirke. So weit, so bekannt, so verzerrt.
Nirgendwo in meinem Buch behaupte ich, dass israelische Propagandabeamte kritische Stimmen zensierten. Tatsächlich werfe ich in meinem Buch überhaupt niemandem vor, Zensur zu betreiben (außer Selbstzensur). Ein ganzes Kapitel (Kapitel 8) widmet sich der Frage, wie es zu dieser Berichterstattung kommen kann, ohne dass Zensur existiert.
Somit bediene ich auch die skizzierte „Verschwörungsphantasie“ auch nicht.
Ich schreibe auch nirgends, dass der Grund dafür die Staatsräson ist.
Auch die Aussage, dass das „historische Schuldgefühl vieler Journalisten wie eine Ersatzreligion wirke“, kommt in meinem Buch nicht vor – auch nicht sinngemäß. Die historische Verantwortung Deutschlands benenne ich nicht als den alleinigen, sondern als einen von vielen Gründen für die Schieflage der Berichterstattung. Im entsprechenden Kapitel nimmt dieser Aspekt 6 von insgesamt 70 Seiten ein (neben unter anderem der Kommerzialisierung und Konzentration des Medienmarktes, Kompetenzmangel in Redaktionen, der Abhängigkeit des Nachrichtenjournalismus von offiziellen Pressestellen, der fehlenden politischen Unabhängigkeit des ÖRR, Anfeindungen und Repressionen sowie fehlender Kontrolle und Kritikkultur).
NZZ-Falschbehauptung 11
Diese These will Goldmann anhand von 11 125 Beiträgen in grossen Medien beweisen. Er spricht von einer «Untersuchung». Wie er diese eindrückliche Datenmenge gesammelt und ausgewertet hat, erfährt man aber nicht.
Wie ich diese eindrückliche Datenmenge gesammelt habe, erfährt man in der Einleitung (Ausschnitt):
Staatsräsonfunk, S.24
Bei den 11.125 Nahost–Beiträgen handelt esich um alle Beiträge, die in Textform auf den Websites der Medien veröffentlicht wurden (egal ob frei zugänglich oder kostenpflichtig). Im Fall von SPIEGEL, taz und ZEIT galten Beiträge als »Nahost–Beitrag«, die von der Redaktion auf der Nahost–Rubrikseite des Mediums veröffentlicht wurden. Bei tagesschau und BILD wurden alle Beiträge erfasst, in der einer der folgenden Begriffe vorkam: israel, palästin, gaza, hamas, liban, hisbollah, syri, iran, Huthi, jemen, ägypt, jordan, irak*. Der Untersuchungszeitraum ist der 7. Oktober 2023 bis 19. Januar 2025.
Wie ich die Datenmengen ausgewertet habe, erfährt man in den jeweiligen Kapiteln. Zur Quellenauswertung zum Beispiel hier (Ausschnitt):
Staatsräsonfunk, S.90/91
Von den ursprünglich 11.125 Texten waren hier nicht alle Beiträge relevant. Aussortiert wurden alle nicht–nachrichtlichen Beiträge wie Interviews, Kommentare, Reportagen, Essays, Podcast–Ankündigungen und Korrespondentenberichte, da diese – anders als Nachrichtenbeiträge – in aller Regel nicht ein konkretes Ereignis zum Thema haben. Aussortiert wurden außerdem alle Beiträge, die nicht oder nur indirekt etwas mit dem Konfliktgeschehen im Nahen Osten zu tun hatten. Übrig blieben 4.856 Beiträge und damit 4.856 Antworten auf die Frage, was eine Nachricht zur Nachricht macht. Diese 4.856 Überschriften wurden anschließend ihrer Quelle zugeordnet. Aus welchem Land und von welcher Person oder Institution stammt die dort wiedergegebene Information? Bestimmte Quellen wurden zu Gruppen zusammengefasst. Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International oder B’Tselem zu »NGOs«, internationale Organisationen wie UN und WHO zu »internationale Organisationen«, staatliche, staatsnahe und staatsähnliche Quellen wie Israels Armee oder die deutsche Bundesregierung zu »staatlich.« Im Fall von palästinensischen Quellen erscheinen alle Akteure und Institutionen von Hamas, Fatah, PA und PLO unter »staatlich« – gleich, ob sie aus Gaza, der Westbank oder dem Ausland stammen.
NZZ-Falschbehauptung 12 und 13
Die schiere Masse soll überzeugen, dazu gibt’s nichtssagende Diagramme und Zitate von «führenden Fachleuten» und Persönlichkeiten wie Hannah Arendt, Edward Said, Judith Butler oder Helmut Schmidt.
Nirgendwo in meinem Buch bezeichne ich genannten Personen als „führende Fachleute“. Die Formulierung scheint sich der NZZ-Autor einfach ausgedacht zu haben.
Die Diagramme sind vielleicht ein bisschen farbarm, aber nichtssagend sind sie doch wirklich nicht.

NZZ-Falschbehauptung 14
Goldmann, das wird beim Lesen schnell klar, will mit der Wissenschaftspose ablenken. Wovon? Vom Antisemitismus der Hamas. Die Erzählung von den israelverliebten deutschen Journalisten stützt sich bei Goldmann allein auf die zynische Annahme, die Hamas wolle gar nicht alle Juden vernichten, sie führe nur einen nachvollziehbaren Kampf gegen die israelischen Besetzer Palästinas.
Meine Untersuchung stützt sich auf keine Annahmen über die Hamas, sondern auf die empirische Überprüfung der Einhaltung journalistischer Standards, wie sie unter anderem im Medienstaatsvertrag, im Pressekodex und in Journalismus-Handbüchern niedergeschrieben sind.
NZZ-Falschbehauptung 15
Die Hamas bezeichnet Goldmann verharmlosend als «palästinensische Bewegung» und behandelt sie wie einen normalen politischen Akteur, der in Gaza durch «demokratische Wahlen» an die Macht gekommen sei. Und nicht etwa durch das gewaltsame Auslöschen jeglicher Opposition.
Ich schreibe nicht, dass die Hamas in Gaza durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen ist. Die entsprechende Passage lautet:
Staatsräsonfunk, S.274
Wie das Westjordanland ist auch der Gazastreifen von Israel seit Jahrzehnten besetzt. Dennoch unterscheidet sich das Ausmaß israelischer Gewaltanwendung in beiden Regionen erheblich. Der Auslöser liegt im Jahr 2006. Damals gewann die Hamas die Wahlen zum Palästinensischen Legislativrat und hatte damit das Recht auf die Bildung einer palästinensischen Regierung inne. Nachdem diese von Israel und den USA nicht anerkannt wurde und Israel stattdessen alle (demokratisch gewählten) Hamas–Abgeordneten inhaftierte, versuchten Hamas und Fatah, den westlichen Forderungen zunächst mit dem Schließen einer palästinensischen Einheitsregierung gerecht zu werden. Als Israel auch diese nicht akzeptierte und drohte der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) die Gelder zu streichen, kam es zum gewaltsamen Zerwürfnis zwischen Hamas und Fatah. Die traditionell in Gaza stärker verankerte Hamas sicherte sich die Macht in Gaza, Fatah in der Westbank. Israel erklärte den Gazastreifen daraufhin zum »feindlichen Gebiet« – mit den bekannten Folgen.
NZZ-Falschbehauptung 16
Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober, bei dem Frauen vergewaltigt, Kinder ermordet und auch asiatische und afrikanische Arbeiter nicht verschont wurden, hält er – darin dem amoralischen Snobismus eines Ernst Jüngers gleich – für eine «taktische und militärische Glanzleistung».
Ich bezeichne die geschilderten Taten nicht als „taktische und militärische Glanzleistung“. Tatsächlich tue ich genau das Gegenteil. In Kapitel 2.1 meines Buches zeichne ich die internationale Berichterstattung über den 7. Oktober nach. Nachdem die Hamas schwer befestigte israelische Grenzanlagen überwunden und Militärposten überrannt hatte, dominierte in vielen Medien zunächst die Erzählung vom kaum für möglich gehaltenen Überraschungserfolg der Hamas. Als im Laufe des Tages jedoch immer mehr Nachrichten über die Tötung von Zivilisten bekannt wurden, wich diese Erzählung bald dem Entsetzen. Genau dies mache ich in der entsprechenden Passage meines Buches und sogar in dem kritisierten Satz selbst deutlich (zufälligerweise hat die NZZ ihn genau an dieser Stelle abgeschnitten). Der vollständige Satz lautet:
Staatsräsonfunk, S.31
„Die taktische und militärische Glanzleistung wurde vielerorts zu chaotischer und willkürlicher Gewalt.”
Die Worte «taktische und militärische Glanzleistung» beziehen sich eindeutig nur auf die Ereignisse vor der Tötung von Zivilisten sowie deren mediale Rezeption. Das wird im Kontext noch deutlicher:
Staatsräsonfunk, S.30/31
Der 7. Oktober als Heldengeschichte, in der palästinensische Kämpfer mit nicht mehr als Kalaschnikows, RPGs und dem Willen zur Freiheit eine der mächtigsten Armeen der Welt in die Knie zwangen. Um den Tag zutreffend zu beschreiben, reicht diese Geschichte nicht aus.
Das beispiellose Massaker
Bis gegen 7 Uhr hatten palästinensische Kämpfer die israelischen Sperranlagen an über 100 Stellen überwunden. Nachdem sie auch an mehreren israelischen Militärbasen kaum auf nennenswerten Widerstand gestoßen waren, drangen sie immer weiter nach Israel ein, stürmten Dörfer und Kibbuzim. An vielen Orten standen bewaffnete palästinensische Kämpfer nun nicht mehr einer übermächtigen Armee gegenüber, sondern unbewaffneten Zivilistinnen und Zivilisten. Die taktische und militärische Glanzleistung wurde vielerorts zu chaotischer und willkürlicher Gewalt.
Im Anschluss geht es weiter mit der Schilderung des Massakers auf dem Nova-Festival und im Kibbuz Alumim.
NZZ-Falschbehauptung 17
Das Adjektiv «brutal», so belehrt er die Leserschaft, sei für die Verbrechen der Hamas eine «dramatisierende Bezeichnung». Diese Sichtweise haben die Medien laut Goldmann gefälligst zu übernehmen.
Weder belehre ich die Leserschaft darüber, welche Bezeichnungen dramatisierend sind, noch fordere ich, dass Medien „diese Sichtweise“ „gefälligst zu übernehmen“ haben. In dem fraglichen Kapitel „Sprache der Gewalt“ (S. 199) gehe ich empirisch der Frage nach, welche Begriffe Medien für Gewalttaten verwenden, und komme unter anderem zu dem Ergebnis, dass für israelische Gewalttaten häufig euphemistische (z. B. „begrenzt“, „präzise“) und kontextualisierende Begriffe (z. B. „reagiert“) sowie für gegen Israel gerichtete Gewalttaten häufig dramatisierende Begriffe (z. B. „brutal“) verwendet werden.
NZZ-Falschbehauptung 18
Antisemitismus kommt in Goldmanns Buch allein als inszeniertes Problem vor: Medien missbrauchten Antisemitismusvorwürfe, «um Kritik an der israelischen Regierungspolitik sowie Widerstand gegen israelische Besetzung und Kriege zu delegitimieren».
Antisemitismus kommt in meinem Buch nicht nur als iszeniertes Problem vor. Leserinnen erfahren unter anderem vom Antisemitismus in der Hamas-Grundüngscharta und bei Springer-Verlag-Gründer Axel Springer. In einem Unterkapitel zur Geschichte des deutschen Israel-Verhältnisses schreibe ich:
Staatsräsonfunk, S.307
Israel–Solidarität nicht als eine Konsequenz, sondern als Entledigung der eigenen Vergangenheit, als Instrument der deutschen »Wiedergutwerdung«. Deutschlands »historische Verantwortung« zielte nicht auf das Wohl von Jüdinnen und Juden oder anderer marginalisierter Gruppen, sondern auf das eigene. Die Schwachstellen dieser Israel–Zentrierung deutscher Vergangenheitsbewältigung waren schon immer unübersehbar: Warum hatte das Land, das sich wie kein anderes rühmte, aus der Geschichte gelernt zu haben, dann doch oft kein Problem, wenn Alt–Nazis führende Positionen in Politik, Behörden und Wirtschaft einnahmen? (…) Insbesondere in den letzten Jahren drängten sich weitere Fragen auf: Warum endet der Wille zum Schutz von Jüdinnen und Juden oftmals dann, wenn diese – beispielsweise auf Demos oder im Kulturbetrieb – die Politik Israels kritisieren? Warum drehen sich Antisemitismus–Debatten dann doch meist nur um »die anderen« (Musliminnen, Palästinenser) und selten um uns deutsche Nazi– Nachfahren?
Das Thema Antisemitismus kommt in meinem Buch aber tatsächlich deutlich häufiger durch die Brille medialer Inszenierung vor. Gleiches gilt auch für anti-palästinensischen Rassismus und Israels Verbrechen in Gaza. Der Grund ist einfach: Das Buch handelt von medialer Berichterstattung.
NZZ-Falschbehauptung 19
Kein Wort zur Gründungscharta der Hamas, in der mit Koranzitaten zur Tötung von Juden aufgerufen wird..
Die Gründungscharta der Hamas erwähne ich ebenso wie deren antisemitischen Charakter:
Staatsräsonfunk, S.281
Es besteht kein Zweifel: Die Hamas hat in ihrer Geschichte fürchterliche Anschläge auf israelische Zivilistinnen und Zivilisten begangen. Ihre Gründungscharta von 1988 strotzt nur so von antisemitischen Inhalten
NZZ-Falschbehauptung 20
Da die Juden hassende, vergewaltigende und mordende Hamas für Goldmann nur ein Phantom westlicher Propaganda ist, betrachtet er Israels Kampf gegen sie als rhetorischen Vorwand, um Palästinenser zu ermorden.
Auch diese Behauptung über westliche Propaganda findet sich nirgends in meinem Buch. Mit der These, dass der Kampf gegen die Hamas ein Vorwand für die Ermordung von Palästinensern ist, würde ich allerdings mitgehen – so wie so ziemlich alle großen Menschenrechtsorganisationen sowie ein Großteil der Genozidforscher weltweit.
NZZ-Falschbehauptung 21
Journalisten gibt Goldmann in seinem Buch Anweisungen, wie sie die Hamas freundlicher behandeln können.
In meinem Buch findet sich keine solche Anweisung.
NZZ-Falschbehauptung 22
Er gibt vor, das weltoffene, moralische Gewissen eines zunehmend nationalistisch-verwahrlosten Deutschland zu sein.
Das gebe ich nicht vor (auch wenn mir die Zuschreibung gefällt).
NZZ-Falschbehauptungen 23 bis 25
Den jüdisch klingenden Namen hat er sich bloss zugelegt
Dabei unterstützt Goldmann mit der Hamas eine nationalistische, rassistische Bewegung. Er zeigt die Schnittmengen zwischen linken «Antiimperialisten» und gewöhnlichen Rechtsextremen. Seinen jüdisch klingenden Namen hat sich Goldmann erst vor ein paar Jahren zugelegt, früher hiess er Fabian Köhler.
Uiuiui, spätestens jetzt wird’s wild (und strafreichtlich relevant).
Ich untersütze nicht die Hamas.
Ich zeige keine Schnittmengen zu „gewöhnlichen Rechtsextremisten“. Und der Umstand, dass die NZZ offenbar nichts Besseres in meiner Vita gefunden hat als einen Text aus meiner Studi-Zeit (dazu gleich mehr), ehrt mich schon ein bisschen.
Bei der folgenden Behauptung musste ich erst einmal überlegen, ob ich sie in diese Liste aufnehme, da ich mein Privatleben eigentlich gern aus der Öffentlichkeit heraushalten möchte. Aber es geht nun wohl nicht anders: Die Behauptung, ich hätte mir den Namen Goldmann „bloß zugelegt“, weil er „jüdisch klingt“, ist falsch. Es sei denn, man versteht unter „bloß zugelegt“ eine behördliche Namensänderung infolge mehrjähriger Psychotherapie und eines psychologischen Gutachtens, das genau diese Namensänderung angeraten hat. Goldmann ist nicht irgendein „jüdisch klingender Name“, sondern der Name des mütterlichen Teils meiner Familie. Die Gründe für die Namensänderung sind privater Natur und haben nichts mit irgendeinem der Themen oder Tätigkeiten aus dem NZZ-Text zu tun. Auch das hätte die NZZ – wie so vieles in dieser Liste – schnell selbst herausfinden können.
Bis heute sind die einzigen Tweets, die noch auf meinem früheren Twitter-Profil stehen:
NZZ-Falschbehauptungen 26 bis 28
Als Chefredakteur einer Jenaer Uni-Zeitung zog er 2009 bundesweit Ärger auf sich, weil er ein weitgehend unkritisches Interview mit einem lokalen Neonazi veröffentlicht hatte, zu dem er engen, freundschaftlichen Kontakt gepflegt haben soll. Selbstverständlich nur, um eine Diskussion zu provozieren, wie Goldmann 2024 in einem Interview dazu sagte.
Wir ignorieren mal den rhetorischen Kniff, Ereignisse die Jahre auseinanderliegen und rein gar nichts miteinander zu tun haben (Neonazi-Interview 2009, Namensänderung 2018, heutige Arbeit 2026) in einen inhaltlichen Zusammenhang zu stellen und wenden uns nur den Falschbehauptungen zu:
Ich zog 2009 infolge mehrerer Artikel bei einer Studi-Zeitschft jede Menge Ärger auf mich, aber nicht bundesweit. Das einzige größere überregionale Medium, dass damals über uns berichtete, war der Deutschlandfunk.
Dennoch hat die NZZ hier endlich einmmal einen (17 Jahre alten) Treffer gelandet. Ich habe tatsächlich einmal einen Neonazi interviewt und das Interview war auch richtig schlecht. Die Suggestion, dass das Neonazi-Interview unkritisch war, weil ich zu dem Neonazi „engen, freundschaftlichen Kontakt gepflegt haben soll“, ist aber falsch. Wir kannten uns bis zum Interview nicht. Die ganze Geschichte habe ich dem von der NZZ erwähnten Interview von 2024 erzählt.
Auch aus diesem Interview zitiert die NZZ übrigens falsch. Ich habe darin nicht behauptet, ich hätte das Neonazi-Interview nur geführt, um eine Diskussion zu provozieren.
NZZ-Falschbehauptungen 29 bis 30
Publizisten wie ihn gibt es leider viele. Die wichtigsten werden in seinem Buch lobend erwähnt: allen voran der Hauptstadtjournalist Tilo Jung, der selbst schon anbiedernde Interviews mit der Hamas geführt hat, zudem findet man Namen wie Hanno Hauenstein, James Jackson, Jakob Reimann oder Tarek Baé, der türkisch-nationalistischen Erdogan-Verbänden nahesteht. Sie alle sind Minipopulisten – mit wachsendem Erfolg im empörungssüchtigen Mainstream. So hat es Tilo Jung auf der Berlinale binnen weniger Stunden geschafft, mit seinen Zensurvorwürfen gegen den Jurypräsidenten Wim Wenders die gesamte Berichterstattung über das Festival zu kapern. Angesichts der Eklats, die Kulturstaatsminister Wolfram Weimer seitdem durch seine patzigen Eingriffe in Verlagspreise und unabhängige Juryarbeit verursacht hat, dürfte die Wirkmacht dieser Scheinrebellen im Bereich von Kultur und Medien weiter zunehmen.
Meines Wissens steht weder Tarek Baé „türkisch-nationalistischen Erdoğan-Verbänden“ nahe, noch hat Tilo Jung Zensurvorwürfe gegen Wim Wenders erhoben. Die Debatte um das Schweigen der Berlinale zu Gaza war zwar durch eine Frage von Tilo Jung ausgelöst worden, der Zensur-Vorwurf kam aber im Anschluss in von rund 100 Filmschaffenden in einem Offenen Brief.
Nichtsdestotrotz bedanke ich mich für die Aufnahme in diese ehrenvolle Runde und für dieses eindrückliche Anschauungsbeispiel dafür, warum unsere Medienkritik so notwendig ist. Zumindest mit ihrem letzten Satz wird die NZZ deshalb wohl recht behalten. Dafür, dass die Wirkmacht von uns medienkritischen „Scheinrebellen“ weiter zunimmt, leistet die NZZ mit Texten wie diesem einen enormen Beitrag.

2 Kommentare On 30 Falschbehauptungen in einem Text: Wie die NZZ versuchte mich und mein Buch Staatsräsonfunk zu diskreditieren
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