„Viele Moscheen wollten aktiver werden als es ihnen möglich war“

Helfen sie zu wenig? Oder wollen sie doch nur missionieren? Der Migrationsforscher Werner Schiffauer erklärt im (sehr langen) Interview, warum an den meisten Klischees über muslimische Flüchtlingshelfer nichts dran ist.

Fünf Jahre liegt Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ zurück und genauso lang dauert die Diskussion darüber, welche Rolle deutsche Muslime im Umgang mit Flüchtlingen spielen und spielen sollten. Mal werfen Kritiker ihnen fehlendes Engagement für ihre verfolgten Glaubensbrüder und -schwestern vor. Ein andermal warnen sie vor islamischen Gemeinden als Orten von Missionierung und Radikalisierung.

Wie steht es wirklich um die Flüchtlingsbilanz muslimischer Akteure? Diese Frage habe ich Werner Schiffauer gestellt. Der Vorsitzend des „Rat für Migration“ und emeritierte Professor für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder hat für seine Studie „So schaffen wir das“ muslimische und nicht-muslimische Flüchtlingsprojekte in ganz Deutschland untersucht.

Herr Schiffauer, was tragen Muslime dazu bei, dass wir „das“ schaffen?

Schiffauer: Muslimische Akteure haben in der Geflüchtetenhilfe einen gewissen Vorteil gegenüber Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft. Der geteilte muslimische Hintergrund baut einfach Vertrauen auf. Man muss sich einfach nur einmal in die Situation hinein versetzen.

Man muss sich das so vorstellen, als müssen wir in die Golfstaaten fliehen. Man hat eine Umgebung, die als kulturell fremd wahrgenommen wird, die man höchstens aus dem Fernsehen kennt, aber nicht aus persönlicher Erfahrung und über die alle möglichen Klischees zirkulieren. Dann ist man selbst real da und findet Leute mit einem ähnlichen kulturellen Hintergrund, mit einer ähnlichen Religion und Sprachkompetenz. Diese sind da so etwas wie Brückenbauer und haben eine Vermittlungsfunktion.

„Es gibt bei manchen Flüchtlingen ein fast natürliches Vertrauen, dass Muslime schon wissen, was einem gut tut.“

Es gibt bei manchen Flüchtlingen ein fast natürliches Vertrauen, dass Muslime schon wissen, was einem gut tut, sie triftigen Rat und Rollenbilder liefern können, wie man sich in der neuen Umgebung als Muslim bewegen und auftreten kann.

Man kann einfach die Fragen loswerden, die man hat, ganz anders als bei Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft. Muslime und Flüchtlinge gehören oft zunächst einmal zur gleichen Gruppe. Die sind irgendwann gekommen, die wissen, wie man sich einfädelt und einbringt. Die Einheimischen mussten das nie. Das sind alles so Sachen, die muslimischen Akteuren so einen besonderen Wert verleihen.

In der Öffentlichkeit wird das häufig ganz anderes wahrgenommen. Da fragen sich vielen, ob denn ausgerechnet Muslime geeignet sind, Menschen zu helfen , die oftmals vor islamistischen Terror geflohen sind. Nehmen wir einen säkularen Kurden, der vor dem IS geflohen ist. Ist eine konservative sunnitisch-arabische Moschee der richtige Ort für seine Integration?

Das ist eine hypothetische Frage. Ein säkularer Kurde, der hierher flieht, wird wahrscheinlich nicht in die Moschee gehen und dort Unterstützung suchen, sondern eher in kurdischen Gemeinden.

Die muslimischen Verbände sind hauptsächlich an die Flüchtlingsarbeit gekommen, weil sie von Geflüchteten aufgesucht wurden. Viele der Moscheen haben sich engagiert, weil die Flüchtlingsgemeinde zu ihnen kam und sie dann aufgrund der Nachfrage ein Angebot entwickelt haben.

„Bei den Initiativen, die wir uns angeschaut haben, war von Missionierung nichts zu spüren.“

Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass selbstlose Hilfe für Flüchtlinge das einzige Motiv islamischer Organisationen ist. Was halten sie von dem Vorwurf, muslimischen Flüchtlingshelfern ginge es häufig um Missionierung?

Bei den Initiativen, die wir uns angeschaut haben, war von Missionierung nichts zu spüren. Manche Teams waren auch multireligiös aufgestellt, sodass auch ehrenamtliche mit christlichen Hintergrund mitmachen konnten. Dass der Vorwurf zutrifft, erscheint mir auch äußerst unwahrscheinlich.

Bei der Geflüchtetenarbeit stehen zunächst einmal die praktischen Sachen im Vordergrund: Café organisieren, Begegnungsstätte schaffen, einen Sprachkurs organisieren, Begleitung anbieten usw. Da steht zunächst Missionierung nicht im Vordergrund.

„Viele Moscheen wollten aktiver werden als es ihnen tatsächlich möglich war.“

Das zeigt sich übrigens genauso bei nicht-muslimischen Gruppen. Wir haben evangelikale Gruppen untersucht, die Raum Bielefeld aktiv waren: Da standen auch immer die praktischen Sachen im Vordergrund. Ich hab auch noch nichts Gegenteiliges gehört.

Wenn man Islamkritiker wie den Freiburger Islamwissenschaftler Ourghi, den Psychologen Ahmad Mansour oder Ali Ertan Toprak von der Kurdischen Gemeinde fragt, hört man jede Menge Gegenteiliges.

Haben die sich empirisch damit auseinandergesetzt?

Nicht dass ich wüsste.

Na sehen Sie.

Und was halten Sie von dem Vorwurf, Moscheen engagierten sich zu wenig?

Wir haben das nicht quantitativ untersucht. Aber ich weiß, dass viele Moscheen aktiver werden wollten als es ihnen tatsächlich möglich war. Muslimische Gemeinden wollten in die Unterkünfte. Das wurde ihnen aber verwehrt. Auch hier mit der Unterstellung, sie wollten missionieren.

Die beiden Vorwürfe hebeln sich auch ein bisschen aus: Entweder man missioniert und will in die Unterkünfte. Oder man ist desinteressiert und macht gar nichts. [lacht] Diese Widersprüchlichkeit scheint mir eher ein Aufruf zu sein, empirisch zu gucken, was los ist und sich selber ein Bild zu machen.

„Muslimische Gemeinden beruhen anders als christliche auf dem Ehrenamt.“

Wie ist es mit der Kritik, islamische würden christlichen Gemeinden beim Engagement hinterherhinken. Berechtigt?

Dazu muss man sagen: Muslimische Gemeinden beruhen anders als christliche auf dem Ehrenamt. Das heißt: Die ganze Grundausstattung wird vom Ehrenamt getragen und das Ehrenamt tritt nicht komplementär dazu wie in den christlichen Gemeinden.

In christlichen Gemeinden haben Sie den Pfarrer, den Sekretär, die Diakon und dann gliedern sich da Ehrenamtliche an und unterstützen. Aber das Rückrat der Gemeinde ist ausfinanziert. In muslimischen Gemeinden haben Sie ein ganz anderes Bild: Diese Funktionen werden alle von Ehrenamtlern getragen, das bedeutet, dass die Ressourcen schneller erschöpft sind.

Auf diesen Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit bin ich schon häufiger gestoßen: Viele Moscheen würden gern mehr machen aber dann sind sie nächste Woche, wenn die Stromrechnung kommt, pleite.

Ja, Ehrenamtliches Engagement bedeutet auch, dass die, die fit sind, abgezogen werden für die Flüchtlingsarbeit und nicht mehr zur Verfügung stehen für die Kernarbeit der Gemeinde. Es gibt so ein Grundgefühl: Die Gemeinde trägt sich durchs Ehrenamt, wir müssen die Grundstruktur aufrecht erhalten. Wir müssen etwa die Finanzierung sicherstellen, indem wir Basare machen. Und für die Basare brauchen wir das ehrenamtliche Engagement der Leute.

„Etliche haben begründet, dass sie das aus ihrem Religionsverständnis heraus machen – als guter Muslim.“

Wenn diese Leute aber jetzt in der Flüchtlingsarbeit sind, dann haben wir ein echtes Problem. Weil dann können wir unsere Gemeindearbeit auch einstellen. Das ist ein Problem, das christliche Gemeinde nicht haben. Das muss man sich auch klar machen. Man darf diese Strukturen nicht miteinander aufrechnen.

Wissen Sie etwas darüber, ob Glaube und Religion für die muslimischen Helfer eine Rolle spielt?

Das ist natürlich ein motivierender Faktor. Etliche haben begründet, dass sie das aus ihrem Religionsverständnis heraus machen – als guter Muslim. Ein Motiv war mit Sicherheit auch der im Raum stehende Vorwurf: „Die Muslime engagieren sich nicht, deshalb müssen wir uns engagieren, wie stehen wir sonst als Religionsgemeinschaft da.“

Das man andere mit einbezieht, hat man ja auch bei den deutschen Helfern. Zum Beispiel: „Wenn wir jetzt den Nazis das Feld überlassen, wie steht dann unsere Stadt da?“ Es ist natürlich, dass man die Aktivitäten nicht getrennt von der eigenen Position in der politischen Landschaft sehen kann. Auch das gehört dazu.

„Da wo die Mehrheitsgesellschaft sagt ‚macht mit!‘, ist die Bereitschaft groß“

Haben Sie herausgefunden, ob Muslime eher geneigt sind zu helfen als nicht-muslimische Deutsche?

Nein, solche Daten haben wir nicht erhoben. Wir wissen es einfach nicht. Die Muslime kamen nicht nur aus den Moscheegemeinden, sondern es handelte sich auch um Individuen, die sich engagiert haben: Anwälte, Ärzte, Dolmetscher. Da fehlt es mir an Überblick.

Sie schreiben in Ihrer Studie, dass die neue Flüchtlingshilfsbewegung aus mehr als Einzelinitiativen besteht: Neue Kooperationen und Netzwerke hätten sich herausgebildet. Gilt das auch speziell für muslimische Initiativen? Gibt es dort neue Formen der Zusammenarbeit, die es vor der „Flüchtlingskrise“ nicht gab – sowohl zwischen muslimischen als auch zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Akteuren?

Da gibt es einige. Es gibt zum Beispiel Inssan, die sich geöffnet haben für Ehrenamtliche von außen. Dann gibt es das Avi-Cenna-Studienwerk, das dann die Federführung übernommen hat für Leute, die in der Geflüchtetenarbeit ausgebildet wurden. Das sind Fälle, in denen sich das Engagement in die Mehrheitsgesellschaft hinein verflechtet und dann neue Strukturen entstehen.

Das Potenzial ist da. Es hängt weitgehend von der Mehrheitsgesellschaft ab, das dann mitzutragen. Da wo die Mehrheitsgesellschaft kam und sagte „macht mit“ scheint mir die Bereitschaft zum Engagement groß gewesen zu sein.

„Ich glaube, dass diese Bewegung aus Millionen Menschen wirklich eine Bürgerbewegung ist.“

Haben Sie auch solche Initiativen im Kopf, wenn Sie schreiben, eine neue „glokale Identität“ habe sich in Deutschland herausgebildet?

Meine Hoffnung war eher auf die Mehrheitsgesellschaft bezogen. Damit meine ich vor allem das plurale Selbstverständnis. Das, was in den Einwanderervierteln der Großstädte sowieso schon so war. Dort versteht man sich als ethnisch heterogen. Das ist das „Glokale“. Man ist Kreuzberger, nicht weil man wie der Dahlemer ethnisch homogen ist, sondern durch die Vielfalt.

Ich habe da aber eher das Potenzial beschworen. Zum Teil ist das aber auch eingetreten. Wenn Kommunalvertreter sagen, wir sind gut aufgestellt, weil wir so viele muslimische Gemeinden und Moscheen haben, dann ist das ist ein anderes lokales Selbstverständnis als es bisher war, wo Moscheen als Fremdkörper verstanden wurden. Auf einmal hat man das Gefühl: „Das sind wir, das ist ein Teil von uns und wir müssen diese Herausforderungen gemeinsam bewältigen.“

„Die Menschen engagieren sich nicht nur für Geflüchtete, sie engagieren sich für eine andere Gesellschaft.“

Sie schreiben von einer neuen Bürgerbewegung, die im Rahmen der Flüchtlingshilfe entstanden sei.

Ich glaube, dass diese Bewegung aus Millionen Menschen wirklich eine Bürgerbewegung ist. Die Menschen engagieren sich nicht nur für Geflüchtete, sie engagieren sich für eine andere Gesellschaft. Für eine weltoffene Gesellschaft. Sie probieren neue Modelle aus, eignen sich Sachen kreativ an, die sonst dem Staat überlassen wurde.

Es ist auch eine Bewegung, die sich in der Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsarbeit auch im Alltag wahnsinnig politisiert hat. Das habe ich deutlich festgestellt. Über die Geflüchteten kam einfach die Weltlage in kleinere Orte und eine deutliche Skepsis bis hin zu Wut wurde gegenüber der deutschen Politik geweckt.

Da sind zum Beispiel die Abschiebungen nach Afghanistan, die für viele nicht nachvollziehbar sind und die viele als eine Situation der Hilflosigkeit und als Zynismus des Staatsapparats empfinden. Hier ist ein kritisches Potenzial des Umdenkens und Neuaufstellens der Gesellschaft vorhanden, das ich beachtlich finde.

„Muslimische Helfer wurden in manchen Einrichtungen nicht zugelassen.“

Ist Ihnen aufgefallen, dass nicht-migrantische Initiativen in Sachen Pluralität etwas gelernt haben von migrantischen Initiativen?

Es gab eher das Gefühl: Wir müssen die Sache jetzt gemeinsam stemmen. Nein, von Lernen würde ich nicht reden.

Ist Ihnen auch das Gegenteil begegnet: Initiativen, die nichts miteinander zu tun haben wollen, weil es vielleicht auch innerhalb der Flüchtlingshilfsbewegung Vorurteile und Skepsis gegenüber muslimischen Akteuren gibt?

Ja, zum Beispiel in München. Muslimische Helfer wurden in manchen Einrichtungen nicht zugelassen. Die Gründe waren antizipierte Vorurteile: Da werde missioniert usw. Solche Sachen habe ich gehört. Aber was die Initiativen von unten betrifft, waren die meistens ganz froh, dass Muslime dabei sind und sie Dolmetscher usw. hatten, die die praktischen Dinge erledigen können.

Sind Ihnen Fälle untergekommen, in den sich Vorurteile bestätigt haben: Salafisten, die versuchten Flüchtlinge zu rekrutieren, IS-Anwerber in Flüchtlingsunterkünften…?

Bei den Fällen, die wir untersucht haben, war das nicht der Fall. Ich möchte das aber nicht ausschließen, kann ich auch gar nicht, weil wir nicht flächendeckend untersucht haben. Unser Anliegen war eher, das Potenzial zu identifizieren. Flächendeckend zu schauen, was alles passiert, hätten wir gar nicht stemmen können.

„Entweder sie machen nichts und wenn sie doch etwas machen, ist es zweifelhaft“

In Wien und in Berlin gibt es wiederum sogar Moscheen, die von Behörden offiziell zu Erstaufnahmeeinrichtungen deklariert wurden. Könnten solche Kooperationen Schule machen?

Ich will es hoffen, dass es tatsächlich als Pilotprojekt wahrgenommen werden könnte. Ich habe aber den Eindruck, dass die islamophobe Stimmung in der Bevölkerung so stark ist, dass es doch nicht der Fall ist. Im Augenblick finde ich die Dominanz von rechts in der öffentlichen Meinung ziemlich stark, was die Kooperation von Muslimen betrifft. Deswegen bin ich eher skeptisch.

Woher kommen diese Skepsis und Vorurteile gegenüber muslimischer Flüchtlingsarbeit?

Das reiht sich ganz einfach ein in die Skepsis, die auch der Sozialarbeit von muslimischen Verbänden entgegengebracht wird. Es gibt eine islamkritische und islamophoben Grundstimmung. Das habe ich auch in der Auseinandersetzung mit der Millî Görüş immer wieder festgestellt: Egal welche Initiativen zum Thema Integration die gemacht haben, es wird immer in den Kontext der Missionierung gerückt oder gar mit der Sozialarbeit der Hamas parallelisiert.

Sobald man Gruppen hat, die irgendwie unter Verdacht stehen, können sie es einem kaum recht machen: Entweder sie machen nichts oder wenn sie etwas machen, dann ist es [lacht] zweifelhaft. Ich meine, diese ganzen Vorwürfe sind absurd.

Vielen Dank für das Gespräch!

Hat euch der Beitrag gefallen? Dann unterstützt Schantall und die Scharia finanziell: einmalig via PayPal oder regelmäßig per Steady.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.