Doch keine „Asyl-Lawine“

Egal auf welcher Seite man in der aktuellen Flüchtlingsdebatte steht: Dass es immer mehr Asylsuchende werden, die nach Deutschland kommen, gilt mittlerweile als Common Sense. Was aber, wenn die Zahl der Asylanträge zuletzt gesunken wäre? Nun, das ist sie.

asyllawine

Die Kampagne hat gefruchtet: Asylanträge aus dem Kosovo sind im April um 60 Prozent zurückgegangen.

„Asylflut“ „Flüchtlingswelle“… Ihr kennt die Begriffe, mit denen Politiker, Medien und Patridioten seit Monaten Ängste schüren, das Abendland werde von einem Millionenheer Araber und Afrikaner überrannt, die „uns Deutschen“ erst das Smartphone und dann Arbeit, Frauen und HartzIV wegnehmen.

Nun könnte man einwenden, dass an einigen deutschen Flughäfen täglich mehr Menschen ankommen als den griechischen und italienischen Mittelmeerküsten im Jahr. Oder, dass das Abendland an den höheren Flüchtlingszahlen der Mitt-90er auch nicht untergegangen ist. Oder, dass so unchristliche Staaten wie Pakistan, Jordanien oder Libanon einem Vielfachen an Menschen Schutz gewähren.

Oder man schaut sich die aktuellen Statistiken des Bundesamtes für Flüchtlinge und Migration (BAMF) an. Zwar sind die Zahlen der Asylanträge immer noch deutlich höher als im Jahr zuvor, die Tendenz im April ist aber eine ganz andere: Im vergangenen Monat beantragten demnach 27.178 Personen bei deutsche Behörden Asyl. 24.500 davon waren Erstanträge – das sind 4.900 weniger als im März. Ein Minus von 15 Prozent.

Von diesen hat fast die Hälfte kaum Aussicht auf Erfolg. Rund 48 Prozent der Erstantragsteller in diesem Jahr stammen von Balkanstaaten (Albanien, Serbien, Mazedonien, Bosnien und Herzegowina und Montenegro) und diese gelten per Definition als sicher. Auf der Website des BAMF schreibt der Präsident Manfred Schmid: „Die Asylanträge dieser Personen haben keine Aussicht auf Erfolg, die Schutzquote bei diesen Herkunftsländern liegt unter einem Prozent“. Dort rühmt er sich auch, dass seine Behörde Kosovaren mittlerweile besonders effektiv abschiebe:

Der Verbleib in den Aufnahmeeinrichtungen, die schnelle Bearbeitung der Asylverfahren und die Rückführung nach einer negativen Entscheidung durch die Länder fruchten… Die Hoffnung auf einen Aufenthalt in Deutschland und ein besseres Leben sind verständlich, jedoch ist hierfür das Asylverfahren der falsche Weg.

kosovo

Diese Titelseite gab es leider nicht.

Nach den gestiegenen Zahlen von Flüchtlingen aus dem Kosovo in den letzten Monaten hatte zum Beispiel die BILD mit Titelseiten wie dieser auf eine restriktivere Flüchtlingspolitik gedrängt. Offenbar mit Erfolg: Die Zahl der Erstantragsteller aus dem Kosovo ging im April von 11.147 auf 4.319 im März um rund 60 Prozent zurück.

Ob die gesunkenen Zahlen nun gut (weniger Flüchtlinge weil weniger Anlass zur Flucht) oder schlecht (weniger Flüchtlinge weil stärkere Abschottung und Abschreckung) sind, weiß ich nicht. Den meisten Medien waren sie allerdings im Gegensatz zu Meldungen über „Flüchtlingswellen“ keine Schlagzeile wert.

Hier geht es zum ganzen Bericht des BAMF.

[Noch ein Nachtrag: Stefi G. wies mich netterweise via Facebook darauf hin, dass die gesunkenen Antragszahlen auch saisonal begründet sein können: „Viele Menschen aus Südosteuropa verlassen Deutschland im Frühjahr wieder bzw. werden aus dieser Gruppe in den warmen Monaten weniger Asylanträge gestellt.“ Das klingt einleuchtend. An der Kritik, dass zwar gestiegene aber nicht gesunkene Flüchtlingszahlen eine Schlagzeile wert sind, ändert das allerdings nichts.“

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