Jesus: Zwischen Flüchtling und altem weißen Mann

Die einen machen ihn zum Abendlandretter, die anderen zum Flüchtlingsaktivisten. Es gibt gute Gründe sich über die politische Vereinnahmung von Jesus aufzuregen. Andererseits: Es war noch nie anders.

Es ist Weihnachten. Zeit der Geburt Jesu zu gedenken. Des Welterlösers und Erbsündetilgers. Des Gottes und Gottessohn. Des Erfinders der Nächstenliebe und Stifter des Christentums.

Der Einstieg ist natürlich Quatsch. Denn sieht man einmal von Krippenspielen in Kirchen und Einkaufszentren ab, erlebt man Jesus Christus selbst dieser Tage ausgesprochen selten. Allenfalls dort, wo er sich politisch vereinnahmen lässt, hat sich der Heiland eine Nische im öffentlichen Diskurs bewahrt: Mal ist es ein AfD-Tweet, der den palästinensischen Juden zum Bewahrer eines weißen Abendlandes stilisiert. Ein andermal erwacht Christus auf SharePics linker Gruppen zu neuem Leben: als Fürsprecher einer liberalen Migrationspolitik.

Jesus in der Interpretation der Satirepartei Die Partei

Um herauszufinden, wer Recht hat im Streit um das politische Vermächtnis Jesu, hilft es, sich zu den Ursprüngen der Weihnachtsgeschichte zu begeben. Nein, nicht in einen Bethlehemer Stall. Sondern ins Gebiet des heutigen Syriens des Jahres 90 nach Jesu Geburt.

Für eine kleine Gemeinde von Judenchristen erdachte dort der Evangelist Matthäus große Teile der Geschichte von Jesu Geburt und Kindheit. Schon damals stieß Matthäus dabei auf ein Problem, das auch heute noch viele Menschen nachempfinden können: Von Jesu Geburt und Kindheit wusste er eigentlich nicht viel. Schließlich war der Messias schon seit rund 60 Jahren tot und die maßgebliche Quelle zu seinem Leben – das Markus-Evangelium – schwieg sich zu seinen ersten Lebensjahren völlig aus.

Quelle: Schantall

Matthäus tat deshalb, was jeder gute Geschichtenerzähler macht: Er setzte auf Bewährtes: Ein Gott, der ein menschliches Kind in die Welt setzt? Ein religiöser Evergreen, den sich schon die alten Griechen und Perser erzählten. Die Jungfrauengeburt? Ein literarisches Motiv, das sich von Ägypten bis Babylonien über Jahrhunderte etabliert hatte. Die später zu Heiligen Königen uminterpretierten „Sterndeuter aus dem Osten“? Vermutlich inspiriert durch herumziehende zoroastrische Priester. Der Weihnachtsstern? In den Legenden des Altertums passierte bei besonderen irdischen Ereignissen ständig etwas am Himmel. Die Flucht der christlichen Patchwork-Familie vor Kindermörder Herodes nach Ägypten? Erinnert verdächtig an Moses Flucht vor dem Pharao – in umgekehrter Richtung.

Historisch belegt – da sind sich Wissenschaftler heute einig – ist von all dem kaum etwas. Aber Matthäus ging es auch nicht um Geschichtsschreibung. Zu Zeiten, in denen die Römer das religiöse Leben in der Region in eine tiefe Krise gestürzt hatten, wollte Matthäus mit seiner Geschichte zum Zusammenhalt seiner jungen Gemeinde beitragen.

Jesus-Interpretation heutiger Rechtspopulisten

Matthäus ging es mit seiner Erzählung von den frühen Lebensjahren Jesu um dessen Einbettung ins Volk Israel. Um die Aufrechterhaltung von Traditionslinien aus dem Alten Testament. Um den schwierigen Spagat zwischen neuem Messias-Glauben und Bewahrung alter jüdischer Gebote. Kurz: Indem er sich alter Traditionen bediente, wollte Matthäus neue Identität unter seinen Anhängern stiften.

Wen das an heutige Zeiten erinnert, hat nicht ganz Unrecht. Auch wenn Matthäus weder etwas mit liberaler Migrationspolitik, noch mit weißem Überlegenheitsdenken im Sinn hatte: Die Geschichte von Jesu Geburt und Kindheit war immer schon ein politisches Statement und das Matthäus-Evangelium gewissermaßen das SharePic jener Zeit. Das klingt zwar auch nicht besonders weihnachtlich hat doch zumindest aber etwas Versöhnliches.

[Jesus war schon immer das, was man aus ihm macht: Das Aufmacherbild zeigt eine manichäische Jesus-Darstellung, wahrscheinlich aus dem 10. Jahrhundert .]

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