Orient im Abendland #02: Dresdens Yenidze

Wer heute in Europa eine Moschee bauen will, muss sich auf jede Menge Protest gefasst machen. Das war nicht immer so. Teil 2 der Serie über orientalistische Architektur in Europa.

Der Marwa Elsherbiny-Moschee im Dresdner Stadtteil Johannstadt geht es wie vielen Moscheen Deutschlands. Von der Fassade bröckelt der minzgrüne Putz. Die rote Auslegware ist abgenutzt. Das Schuhregal überfüllt.

Die echte Dresdner Moschee wurde bereits mehrmals Ziel von Anschlägen und Schmierereien. Foto: Marwa Elsherbiny Moschee

Mehrere Hundert Gläubige beten freitags in dem Gebäude, in denen sich einst Fußballer nach dem Spiel zum Biertrinken trafen. Viel zu viele für die engen Räume. Doch der Versuch in Dresden eine Moschee zu errichten, die den Ansprüchen ihrer Besucher gerecht wird, ist in etwa so aussichtslos wie der fensterlose Gebetsraum des Johannstadter Bungalows.

Das war nicht immer so. Wer von der Marwa Elsherbiny-Moschee am Elbufer entlang in Richtung Zwinger und Semperoper spaziert, blickt bald auf ein Gebäude, das sich nicht einfügen will, in das Image einer Stadt, die in den letzten Jahren vor allem mit ihren islamfeindlichen Protesten Schlagzeilen machte.

62 Meter ragt der Bau empor. Mitsamt großer Kuppel und Minarett von Weitem sichtbar. Ein islamischer Prachtbau mitten in der Innenstadt. Nur einen Haken hat die Dresdner Moschee Yenidze: Sie ist gar keine.

Die Entstehungsgeschichte der Yenidze liest sich wie eine Persiflage auf aktuelle Verhältnisse: Während heute keine Minarett-Skizze die Voranfrage beim zuständigen Bauamt überstehen dürfte, war es Anfang des 20. Jahrhunderts ausgerechnet der Moschee-Look der den Bau des Gebäude ermöglichte.

Zigarettenfabrikant Hugo Zietz suchte im Jahr 1907 einen Platz für einen Fabrikneubau. Doch die strengen Dresdner Bauvorschriften untersagten für die Innenstadt den Bau eines jeden Industriegebäudes, das man als solches erkennen könnte.

Weil Fabrikgebäude in Dresdens Innenstadt verboten waren, baute Zigarettenfabrikant Zietz eben eine Moschee. Foto: QCA7/ CC4.0

Zietz ungewöhnliche Lösung für das Problem: ein Gebäude im „orientalischen“ Stil. Der Schornstein wurde zum Minarett. Auf das Dach kam eine gläserne Kuppel. Von der Fassade prangte in großen Lettern ein leuchtendes “Salem Aleikum”. Weiterer Vorteil der fantasievollen Architektur war ihre Werbewirkung. Auch außerhalb Dresdens wurde das Gebäude bald als “Tabakmoschee“ bekannt.

Aber nicht alles an der Yenidze ist Schein. „Yenice“ gibt es wirklich. Es ist der Name des damals türkischen und heute griechischen Ortes, aus dem Hugo Zietz seine Tabaklieferungen erhielt.

Anders als viele andere pseudoislamische Bauwerke jener Zeit hat das Gebäude außerdem ein reales Vorbild: Die Anfang des 16. Jahrhunderts in Kairo gebaute Grabesmoschee des osmanischen Gouverneurs Emir Khayr Bak soll Architekt Martin Hammitzsch als Vorlage für Kuppel und Minarett gedient haben. Bei der Fassade aus buntem Betonwerkstein, Ziegel und bemaltem Putz hielt er sich hingegen an die damals zeitgemäße Jugendstil-Architektur.

Das architektonische Vorbild der Dresdner Yenidze: Die Grabesmoschee des osmanischen Gouverneurs Emir Khayr Bak in Kairo. Foto: Sailko/ CC3.0

Auch mit anderen Aspekten seines Gebäudes sorgte Hammitzsch damals für Aufsehen: Von den 600 Glasfenstern ließ er jedes einzelne individuell gestalten, die 20 Meter hohe Kuppel fertigte er aus farbigem Glas. Der Rest des Gebäudes entstand komplett aus Stahlbeton. Einmalig für einen Industriebau jener Zeit.

Für viele Dresdner, die eher an barocke Architektur gewohnt waren, war das zu viel der Innovation. Nach Protesten warf man Hammitzsch, der später die Halbschwester Adolf Hitlers heiratete, aus der Reichsarchitektenkammer. Gebaut wurde die Yenidze dennoch.

In der DDR übernahm der “VEB Vereinigte Dresdner Zigarettenfabriken” die Produktion der “Salem Aleikum”-Zigaretten

Bis 1924 ließ Hugo Zietz in seiner „Tabakmoschee“ Zigaretten herstellen. Darunter Marken wie „Mohamed” und die noch bis 2016 erhältliche „Salem“. 1924 verkaufte er die Fabrik an den konkurrierenden Tabakfabrikanten Reemtsma.

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Gebäude schwer zerstört. Nach ihrer Instandsetzung zog im Jahr 1953 mit dem „VEB Tabakkontor“ die Tabak-Handelszentrale der DDR in das Gebäude ein. Bis zur Wende wurden aus der Yenidze sämtliche Zigarettenfabriken der DDR mit Rohmaterialien beliefert.

Heute wird in Dresdens „Tabakmoschee“ weder gebetet, noch werden hier Zigarren gerollt. Nach einer erneuten Sanierung im Jahr 1996 dient der Großteil der ehemaligen Fabrik als Bürogebäude.

Zumindest ein klein bisschen konnte die Yenidze in den letzten Jahren an authentisch-islamischen Flair gewinnen: Im Jahr 2014 übernahm ein türkischer Investor den Bau. Schon seit Mitte der 90er gastiert unter der Glaskuppel außerdem ein Märchenensemble und erzählt Geschichten aus 1001 Nacht.

Im März dieses Jahres soll allerdings auch damit Schluss sein. Grund ist die Baufälligkeit der Glaskuppel. Die führt dazu, dass der Raum im Sommer überhitzt und es bei Unwetter hinein regnet. Zumindest in dieser Hinsicht erinnert die Yenidze dann doch an die echten Dresdner Moscheen.

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