Wallah?#03 Nehmen uns Flüchtlinge wirklich die Sozialhilfe weg?

Wird Deutschland zu einem islamisches Land? Sind religiöse Menschen intoleranter? Gehen muslimische Mädchen wirklich nicht schwimmen? Unzählige Stereotype kursieren über Muslime und Migranten. Die Serie “Wallah?“ (sinngemäß: wirklich?) untersucht, was an ihnen dran ist.

Er gehört zum Lieblingssfeindbild aller Überfremdungsphobiker: Der sozialschmarotzende Wirtschaftsmigrant, der allein deshalb aus seiner eigentlich lebenswerten Heimat flieht, weil ihm der hiesige Staat mit der Aussicht auf eine sozialstaatliches Paradies aus Hartz IV und Kindergeld ködert. Aber auch unter Flüchtlingsfreunden ist die Annahme weit verbreitet, dass der Zuzug von Hunderttausenden mittellosen Menschen für die hiesige Gesellschaft zuallererst eine finanzielle Belastung darstellt.

Aber stimmt das eigentlich? Bekommen Flüchtlinge wirklich mehr vom Staat in Form von Sozialleistungen als sie an den Staat in Form von Steuern bezahlen? Und inwieweit profitiert die Gesamtwirtschaft durch Flüchtlinge, die nicht nur Bittsteller, sondern auch Konsumenten sind?

Östtereichische Flüchtlinge zahlen im Jahr 3.050 Euro mehr an den Staat als sie von ihm bekommen

Am Beispiel von Österreich haben dies Arbeitsmarktforscher des Forschungsinstituts „Joanneum Research“ untersucht. Im Auftrag der österreichischen Caritas und des Roten Kreuzes durchforstete die Grazer Wissenschaftler dazu die Arbeitsmarktdatenbank des Landes nach sämtlichen Flüchtlingen, die in den Jahren 2000 bis 2015 ins Land kamen. In insgesamt 65.000 Fällen analysierten die Forscher: Wann haben die Flüchtlinge ihren ersten Job angenommen? Wie lange behielten sie ihn? Wie lang waren sie arbeitslos und wie viel Sozialleistungen haben sie erhalten? Dazu nahmen die Grazer Wissenschaftler vereinfachend an, dass ein erwerbstätiger Flüchtling im Durchschnitt so viel verdient wie das unterste Zehntel der österreichischen Gesellschaft.

Der Ergebnis der Studie widerspricht dem Klischee vom migrantischen Sozialschmarotzender: Im Durchschnitt zahlten die Flüchtlingen pro Jahr und Person 3.050 Euro mehr in Form von Steuern an den Staat als sie in Form von Sozialleistungen von ihm erhielten. Noch positiver fällt die Bilanz aus, berücksichtigt man die Folgen gestiegener Nachfrage durch die Neu-Österreicher. So würde der Zuzug von zehn Flüchtlinge statistisch die Schaffung eines neuen Vollzeit-Arbeitsplatzes zur Folge haben. Bei 65.000 Asylberechtigten macht das also zusätzliche 6.500 Arbeitsplätze.

Selbst im ungünstigsten Fall wird die deutsche Gesellschaft  spätestens nach zehn Jahren wirtschaftlich von Flüchtlingen profitieren 

Das Ergebnis der Grazer Forscher ist auch deshalb bemerkenswert, weil Flüchtlinge in kaum einem europäischen Land höhere Sozialleistungen erhalten als in Österreich. Laut dem von der EU-Kommission herausgegebenen EU-Sozialkompass erhielten Schutzsuchende, deren Asylantrag in Österreich anerkannt wurde, monatlich 621 Euro vom Staat. Zum Vergleich: In Frankreich waren es knapp 500 Euro, in Deutschland 391 Euro.

Die finanzielle Kosten/Nutzen-Bilanz von Flüchtlingen in Deutschland haben die Grazer Wissenschaftler zwar nicht berechnet, aber auch hierzulande dürfte diese positiv ausfallen. Im Jahr 2015 kam eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zum Ergebnis, dass auch hierzulande der volkswirtschaftliche Nutzen die Kosten überwiegt. Ausgehend von einer geschätzten Zahl von 1,5 Millionen Flüchtlingen spielten die Arbeitsmarktforscher verschiedene Szenarien durch. Selbst für den ungünstigsten angenommen Fall (u.a. Arbeitslosenquote von 65 Prozent in den ersten drei Jahren, nur 50 Prozent der durchschnittlichen deutschen Produktivität) kamen die Forscher zu einem langfristig positivem Ergebnis: Während in den Anfangsjahren hohe Kosten für Unterkunft, Versorgung oder Sprachkurse überwiegen, würde die Gesellschaft spätestens nach zehn Jahren wirtschaftlich von ihren neuen Nachbarn profitieren.

Noch anschaulicher dekonstruierte im vergangenen Jahr eine Studie der amerikanischen „Tent Foundation“ den Mythos, wonach Flüchtlinge für die Gastländer vor allem eine Belastung darstellten. Am Beispiel Großbritanniens errechneten sie für die Jahre 2015 bis 2020 eine finanzielle Belastung für die öffentlichen Kassen von 69 Milliarden Euro. Dem gegenüber stünde allerdings ein durch Flüchtlinge verursachtes volkswirtschaftliches Wachstum von 126,6 Milliarden Euro. Oder einfacher: Für jeden ausgegeben Flüchtlingseuro, fließen fast zwei Euro wieder zurück. Oder noch einfacher: Nein, Flüchtlinge nehmen uns nicht die Sozialhilfe weg. Wallah!

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