Empörung statt Empirie: Wie Susanne Schröter ihre Konferenzen vermarktet

Rechte Krawallmacher versammeln und sich bei Kritik als Opfer linker Kampagnen und Kämpferin für Wissenschaftsfreiheit inszenieren. Das ist das Erfolgsprinzip hinter den Konferenzen von Ethnologin Susanne Schröter.

Kennt ihr das “Bike Fall Meme“? Die drei Comicbilder zeigen einen Fahrradfahrer, der sich erst während der Fahrt ein Stock zwischen die Speichen des Vorderrades steckt und dann schmerzverzerrt am Boden liegt. So in etwa funktionieren die Konferenzen der Islam- und Migrationsforscherin Susanne Schröter. Nur müsste man in ihrem Fall noch ein viertes Bild hinzufügen. Eines, auf dem der Fahrradfahrer -von Pressemenschen umringt- über den feigen Anschlag auf sich klagt.

Falls ihr nun selbst zufällig Islam- oder Migrationsforscherin seid und mit dem Namen Susanne Schröter nichts anfangen können: Keine Sorge, ihr habt nichts verpasst. Trotz medialer Dauerpräsenz ist die akademische Relevanz der Frankfurter Ethnologin vernachlässigbar. Das Fach, in dem Schröter hingegen führend ist: Generierung medialer Empörung zum eigenen Nutzen.

“Ausländer sind schuld”-Konferenz

Ihr aktuellster Coup: „Migration steuern, Pluralität gestalten“. Am 28. April 2023 lud Schröters Forschungszentrum „Globaler Islam“ an der Goethe-Uni-Frankfurt zu der Konferenz. „Mittlerweile muss ich sagen, dass fast alle meine Referenten unter Rassismus-Anklage stehen“, sagte Schröter zur Eröffnung zur Konferenz. Ein Satz, der sich durchaus auch als Auswahlkriterium für die Teilnehmenden verstehen lässt.

Von einem Vertreter der Bundesarbeitsagentur abgesehen, gab es keinen Vortrag, der sich nicht mit „die Ausländer sind schuld“ zusammenfassen lässt. Ohnehin hatten die meisten Referenten auffällig wenig mit Migrationsforschung zu tun. Umso erfahrener sind viele von ihnen hingegen wenn es darum geht mit steilen rechten Thesen für öffentliche Empörung zu sorgen: Law&Order-Polizeigewerkschafter und BILD-TV-Dauergast Manuel Ostermann, die eierlegende Wollmilchsau medialer Islamkritik Ahmad Mansour, Clan-Eugeniker Ralph Ghadban, der an Rassismus-Tourette leidende Oberbürgermeister von Tübingen Boris Palmer…

Letzterer war es dann auch, der für den zu erwartenden Eklat sorgte. Protestierende hatten ihn bei der Anreise als Nazi bezeichnet. Um das Gegenteil zu beweisen, verglich sich Palmer erst mit verfolgten Juden und gebrauchte dann in 45 Sekunden fünfmal das N-Wort. Eine Woche lang empörten sich Medien über Palmers Ausfall. Interessanter ist allerdings, was danach passierte.

Am Ende ist immer Schröter das Opfer

In vielen Medien galt die Empörung bald nicht mehr Palmer und Schröter, sondern Linken, die Schröters Werk und Palmers Beitrag zu Unrecht kritisierten. Nun hieß das Problem nicht mehr Rassismus, sondern Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit. Das vermeintliche Opfer der ganzen Geschichte: Nicht von Rassismus betroffene Menschen, sondern Schröter.

„Offenbar sollen unliebsame Kritiker des politischen Islamismus und der aktuellen Migrationspolitik endgültig zum Schweigen gebracht werden“, schrieb die NZZ am 10. Mai in einem langen Leitartikel zum Thema und setzte damit das Framing für die Berichterstattung der folgenden Tage: Nicht der Rassismus auf Schröters Konferenz, sondern Schröters vermeintliche „Islamismus-Kritik“ galt in vielen Medien nun als Ursache der Aufregung.

Susanne Schröter am 13. Mai 23 ganzseitig in Die Zeit. Tenor: Schröter ist das Opfer, das Problem sind Linke und Muslime.

Am 13. Mai räumte die Die ZEIT eine ganze Seite für die Reinwaschung der unverstandenen Professorin frei. Um Palmer geht es in dem Interview nur am Rande, um die Kritik, die es darüber hinaus an Konferenz und Teilnehmern gab, schon gar nicht mehr.

Stattdessen berichtet Schröter von Nazi-Pöbeleien, die Palmer erst zum N-Wort provoziert hätten, von einem lärmenden linken Mob, vom Versuch unliebsame Wissenschaftler niederzumachen, von Antisemitismus bei Migranten und Fundamentalisten in der Islamischen Welt… Dazu ein Foto einer sanft lächelnden Schröter mit Sonne im Gesicht und Blauregen-Zweig über dem Haar. “Sie möchten mich als Wissenschaftlerin und als Mensch ultimativ erledigen”: Mit dieser Überschrift begann dasselbe Spiel in der WELT am Sonntag einen Tag später von vorn.


Im selben Ton ging es in den nächsten Tagen weiter: „Professorin warnt vor Denkverboten“ titelte die Stuttgarter Zeitung, „Islamismus-Kritikerin beklagt Rufmordkampagne“, berichtete die Frankfurter Neue Presse, als „Verteidigerin der Meinungsfreiheit“ adelt die Rheinische Post Schröter. Die “gecancelte” Professorin lief auf allen Kanälen: in Agenturmeldungen und Twitter-Trends, bei BILD-TV („Rufmord-Kampagne wegen Kritik an Migrationspolitik“ ) und Politiker-PMs. Allein in der FAZ erschienen zwölf Artikel zum Thema.

Kalkulierte Empörung


Mit fachlich bestenfalls mittelmäßigen Veranstaltungen Skandale produzieren und sich bei Kritik als verfolgte Jeanne D’Arc der Wissenschaftsfreiheit inszenieren. Auf dieses Prinzip setzt Schröter nicht zum ersten Mal.

2017 lud sie den Polizeigewerkschaftler Rainer Wendt, um an der Uni Frankfurt zum Thema “Polizeialltag in der Einwanderungsgesellschaft” zu sprechen. Wie die meisten von Schröters Gästen ist auch Wendt weniger für fachliche Expertise als für krawallige Thesen am rechten Rand des Debattenspektrum bekannt. Mit der Begründung Wendt verstärke „rassistische Denkstrukturen“ wandten sich damals 60 Wissenschaftler gegen den Auftritt.

Schröters völlig überraschende Reaktion: Sie sagte Wendts Auftritt aufgrund von Sicherheitsbedenken ab. Welche Bedrohung ein offener Brief von Wissenschaftlern darstelle, konnten sie auch im Nachgang nicht erklären. Das ganzseitige FAZ-Interview und die große Debatte über Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit an der Frankfurter Goethe-Uni bekam sie trotzdem – und damit mehr Aufmerksamkeit als ein stattgefundener Reiner Wendt-Vortrag je bekommen hätte.

Susanne Schröter im großen FAZ-Interview nachdem sie ihren umstrittenen Referenten selbst ohne Not ausgeladen hatte.


Verglichen mit dem Drama, das Schröter zwei Jahre später inszenierte, wirkt die Wendt-Absage aber allenfalls wie ein Laienschauspiel. Unterstützt wurde die „Kopftuchkonferenz“ von 2019 von Referentinnen wie Necla Kelek und Alice Schwarzer und von der geballten publizistischen Macht der rechtskonservativen Empörungsmaschinerie.

In so ziemlich allen größeren Medien wurde schon vor der Konferenz über die „Hetzkampagne“ (WELT), „Rufmord-Kampagne“ (BILD), „linke Diskurspolizei“ (ZEIT) und „Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit“ (FAZ) berichtet. Der Grund: Ein anonymer Instagram-Account mit ein paar hundert Abonnenten hatte unter dem Namen „schoeter_raus“ der Veranstalterin das Schüren von antimuslimischem Rassismus vorgeworfen.
Die Folge: Uni, Politiker in Land und Bund und viele Medien solidarisierten sich mit Schröter. Die Veranstaltung fand wie geplant statt und erreichte ein zigfaches der unter normalen Umständen zu erwartenden Aufmerksamkeit.

Der Anlass für die BILD-Schlagzeile: Auf einem anonymem Instagram-Account mit ein paar Hundert Abonnenten war zur Entlassung Schröters aufgerufen worden.

Wissenschaftsfreie Konferenzen

Dass ihre Selbstinszenierung als unterdrückte Wissenschaftlerin sogar ohne jeglichen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit funktioniert, zeigte Schröter mit ihrem Anti-Wokeness-Kongress von 2022. Die Teilnehmerliste von „Wokes Deutschland – Identitätspolitik als Bedrohung unserer Freiheit?“ erinnerte eher an die eine Redaktionssitzung von Autoren des Springer-Verlages als an eine wissenschaftliche Veranstaltung: Ahmad Mansour (WELT), Ex-Familienministerin Kristina Schröder (WELT), Judith Basad (damals BILD, heute Achtung Reichelt), Anna Schneider (WELT).

Und noch etwas war neu: Bisher war die Warnung vor der linken Cancel Culture vor allem ein Instrument um Konferenzen zu promoten, in denen dann Musliminnen und Migranten zum Problem erklärt wurden. Mit zugeklebtem Mund auf dem Plakat integrierte Schröter die inszenierte Selbstviktimisierung nun hingegen schon in die Konferenz selbst.

Mit Erfolg: Wieder berichteten viele große Medien über eine Veranstaltung, deren fachlicher Anspruch in etwa auf dem Niveau eines Auftritts von Dieter Nuhr rangierte. Der gehörte übrigens tatsächlich zu den Referenten der Konferenz.

Aufmerksamkeit, die seriöse Wissenschaft nie bekommt

Tagesspiegel am 9. November 2022 zum “Woke-Kongress”


Was damals wie heute bleibt, ist der angerichtete Schaden: Für die gesellschaftlichen Minderheiten, die auf Schröters akademisch verkleideten Stammtischrundem dem Volkszorn mit „wissenschaftlicher“ Legitimation zum Fraß vorgeworfen werden. Aber auch für jene, für die Schröter vorgibt, sich so vehement einzusetzen: Wissenschaftler.

Seriöse Migrations- und Islamforschung in Deutschland könnten kein schlechteres Aushängeschild haben als Schröters mit Polizeigewerkschaften, Springer-Kolumnisten und Kabarettisten besetzten Krawallrunden, in denen zwar ständig die neuesten rechten Kulturkampf-Parolen diskutiert werden, aber kaum Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung. Auf der Strecke bleibt die Arbeit der vielen seriös arbeitenden Wissenschaftler, die nur davon träumen können, einmal so gecancelt zu werden wie Susanne Schröter.

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