Als die „Besatzung“ vom Schreibtisch verschwand

Irgendwann im Sommer 2007 muss es gewesen sein. Die Hamas hatte gerade die Parlamentswahlen gewonnen. Israel verschärfte seine Blockade des Gazastreifens. Und auf den Straßen stritten sich Palästinenser um das bisschen Restmacht, das die israelische Besatzung ihnen gelassen hatte. Auf dem Praktikantenschreibtisch des Ablegers einer deutschen Parteistiftung in Ramallah landete zu jener Zeit ein Schreiben des israelischen Außenministeriums.

Ein Beamter hatte dort Formulierungshilfen zum Nahostkonflikt zusammengestellt: Gaza werde nicht „belagert“, es handle sich vielmehr um „Einfuhrkontrollen“. Statt „besetzt“ wäre doch „umstritten“ ein passenderes Attribut für die Palästinensergebiete. Außerdem: „maximale Zurückhaltung“, „Recht auf Selbstverteidigung“, solche Sachen…

Als junger Praktikant, dessen Unwissen sich nahtlos in den Rest der rein deutschen Belegschaft einreihte (die palästinensische Putzfrau und Fahrer ausgenommen), wunderte ich mich damals: Die Blockade Gazas war doch keine Frage sprachlichen Ermessens, sondern völkerrechtlicher und humanitärer Fakt. Wie stellen die sich das überhaupt vor: Über die Folgen der israelischen Besatzung berichten, ohne die israelische Besatzung zu erwähnen?

Womit stoßen diese Palästinenser nur ständig zusammen?

Elf Jahre später wundere ich mich nicht mehr. Im Frühjahr 2018 muss man nur die Berichterstattung zum aktuellen Massaker israelischer Soldaten an palästinensischen Demonstranten verfolgen, um zu erfahren, wie es geht. Hier das nachrichtliche Minimum: An der Grenze zum Gazastreifen erschossen am 14. Mai 2018 israelische Soldaten 62 palästinensische Demonstranten und verletzten über 2500.

Allein schon diese einfache Information zu bekommen, ist alles andere als einfach: „Dozens die as US embassy opening looms“, lautete beispielsweise die erste kryptische Schlagzeile der BBC. Wie Menschen an einer Botschaftseröffnung sterben können, erfuhr man erst einige Absätze später.

Später konkretisierte der Sender immerhin, dass „Gaza clashes“ zum Tod geführt hätten. Nur, „Clashes“ mit wem? Über „Zusammenstöße an der Grenze“ informierte auch das ZDF in seiner ersten Meldung, ließ aber offen, ob es sich womöglich um einen Autounfall handle. In der Washington Post erfuhr man immerhin, dass der Tod von dutzenden Menschen mit „Protesten“ zu tun haben muss.

Aber ob die Protestierenden an einem Kreislaufkollaps oder Kopfschuss starben, wurde auch hier nicht sofort ersichtlich. Spiegel Online informierte zunächst: „Hunderte Palästinenser bei Protesten im Gazastreifen verletzt“. Auch hier war unklar: Waren sie gestolpert? Vielleicht in einer Massenpanik? Etwas konkreter wurde es bei Fox News: „Dozens of Palestinians dead in border clashes with Israel as embassy opens in Jerusalem“, schrieben die Redakteure und informierten in den folgenden Absätzen ausführlich über Molotow-Cocktails, vermeintliche Rohrbomben und jede Menge Terroristen. Hatten die Palästinenser sich etwa selbst in Brand gesteckt?

Zugegeben, es gab auch rühmliche Ausnahmen. Aber im Großen und Ganzen blieb das Bild dasselbe. Ob man nun den dpa- oder CNN-Ticker verfolgte, die Zusammenfassung im Deutschlandfunk oder von der Deutschen Welle, der Eindruck war oft: Da protestieren Zehntausende Menschen offenbar grundlos. Da sterben Dutzende durch Gewehrfeuer, ohne dass jemand ein Gewehr abfeuert. Und der alleinige Auslöser für all die Gewalt: nicht mehr als die Eröffnung eines Botschaftsgebäudes.

Wenn die Hamas Frauen und Kinder in israelische Gewehrkugeln wirft

Hasbara nennen Israel-Freunde wie -Gegner das besondere Bemühen des Staates, um eine positive Außenwirkung. Das Bemühen teilt Israel freilich mit allen anderen Staaten: Dutzendfach geraten jeden Tag behördliche Talking Points und Argumentationshilfen auf die Praktikanten-Schreibtische dieser Welt.

Nur beim Gelingen dürfte Israel dann doch vielen anderen Staaten weit voraus sein: Das liegt zum einen daran, dass von israelfreundlichen NGOs bis zur Armee und den Regierungseinrichtungen Israel überdurchschnittlich viel manpower in den Mix aus Wirklichkeitsverdrehung, selektiven Fakten, Halbwahrheiten und offenkundigen Lügen steckt.

Das liegt aber auch daran, dass im Fall Israels viele Medien bereit sind, auch noch den kuriosesten Interpretationen der Wirklichkeit zu folgen oder gleich selbst noch einen draufzusetzen.

„Israel wirft Palästinensern beispiellose Gewalt vor“ – Diese Schlagzeile war tatsächlich lange Zeit der einzige Hinweis auf Zeit Online auf die beispiellose israelische Gewalt gegen palästinensische Demonstranten. „Gegen palästinensische Terror-Drachen ist Israels Armee machtlos“, titelte Die Welt.

„Terror-Drache“ ist nicht der Name einer aus Iran eingeschmuggelten neuartigen Rakete, der dutzende Bewohner Tel Avivs zum Opfer fielen. Gemeint sind brennende Kinder-Drachen – gebaut aus Plastiktüten. Bisherige Opfer der palästinensischen Drachenterrors auch hier: keine.

Aber nicht nur die Umkehr des Täter-Opfer-Verhältnisses bringt Besonderheiten hervor. Argumente, derentwegen Redakteure in anderen Fällen für völlig irre gehalten werden würden, fallen in der Israel-Berichterstattung gar nicht auf: Im Deutschlandfunk fragte ein Reporter den palästinensischen Interviewgast, warum Palästinenser denn protestieren, wenn sie Frieden wollen?

Hat man diese Frage schon jemals einem iranischen, syrischen oder venezolanischen Demonstranten gestellt? Oder einem der israelischen Demonstranten, die am selben Tag in Tel Aviv gegen die Gewalt ihrer Armee protestierten? Weitere Talking Points: Molotow-Cocktails, Hamas, menschliche Schutzschilde, Recht auf Selbstverteidigung. Fragen zu israelischer Gewalt nach einem Tag israelischer Gewalt? Keine.

Israelische Gewehrkugeln sind wie Wüste und Humus natürliche Gegebenheit der Region

Die bloße Erwähnung von Stein- und Flaschenwürfen genügt vielen Medien zur Rechtfertigung der Todesschüsse. Würde man diese Maßstäbe überall anlegen, hätte sich Hamburg während der G20-Proteste auf Artilleriefeuer der Bundeswehr einstellen müssen. Eine ebenso beliebte Floskel zur Rechtfertigung des Massakers ginge wohl selbst Beatrix von Storch zu weit: „Angriff auf den Grenzzaun“.

Davon abgesehen, dass auf Zaunbeschädigung nirgends auf der Welt die Todesstrafe steht: Der sogenannte „Grenzzaun“ steht weit innerhalb des Gazastreifens und wird gesäumt von einem breiten Streifen militarisierten Niemandslandes und einem weiteren Zaun, dem kein einziger Palästinenser zu nahe kam.

Die mit Abstand beliebteste Erklärung für die Tötung von über 60 Menschen ist allerdings zugleich die kürzeste: Hamas. Diese hat es anscheinend geschafft, Menschen so zu manipulieren, dass sie völlig grundlos ins israelische Gewehrfeuer rennen. Und die Gewehrkugeln? Wie Wüste und Humus offenbar eine natürliche Gegebenheit der Region.

Zumindest letztere Implikation hat dann doch etwas mit der Realität zu tun. Denn auch wenn die Begriffe in kaum einem Bericht vorkommen: „Besatzung“, „Belagerung“ und „humanitäre Katastrophe“ sind nicht nur palästinensische Talking Points.

Sie sind völkerrechtliche definierte Realitäten und für Millionen Palästinenser Alltag. Deswegen protestieren Palästinenser seit Wochen, Monaten, Jahrzehnten. Eine Formulierungshilfe, die behauptet, dass sie das Recht dazu haben, ist übrigens so alt wie die Besatzung selbst.

Schon 1967 landeten Talking Points israelischer Behörden auf den Praktikantentischen jener Zeit. Nur hießen „Blockaden“ damals nicht „Einfuhrkontrollen“, sondern „Kriegshandlungen“. Mit Blick auf die Blockade des Suez-Kanal durch Ägypten schrieb die israelische Armee damals:

Wenn eine ausländische Macht danach trachtet, den Hafen in Odessa oder in Kopenhagen, in Marseille oder in New York gewaltsam zu schließen, was würde passieren? Würde es eine Diskussion darüber geben, wer den ersten Schuss abgab? Würde jemand danach fragen, wie die Aggression anfing?

Das Aufmacherbild zeigt den Blick auf den Ort Rameh/ ar-Rama im Norden Israels. Der holländische Maler Cornelis de Bruyn hatte die Stadt im damaligen Palästina im Jahr 1698 besucht und festgehalten. Reiserestriktionen kannten die damaligen „Besatzer“, das Osmanische Reich, auch schon damals. Sie galten allerdings nur für ausländische Pilger und europäische Touristen.

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