Nuhrs Fremdenfeindlichkeit zum Wohlfühlen

Er sei ein "radikaler Gegner alles Radikalen", sagt Dieter Nuhr im Galore-Interview und erzählt von unzivilisierten Arabern und dem europäischen Wert des Lebens. Ein schönes Beispiel für den Wohlfühl-Extremismus der Mitte.

Eigentlich sollte sich dieser Blog-Beitrag nicht dem Kabarettisten Dieter Nuhr, sondern dem Ex-BamS-Vize Nicolaus Fest widmen. Dieser hatte – nachdem er selbst Springer zu rassistisch geworden war – der „Jungen Freiheit“ ein Interview gegeben. Doch nach zwei Stunden Spaziergang durch Berlin-Wedding und 13 (!) erfolglosen Kiosk-Besuchen kenne ich leider immer noch nur dieses eine Zitat des Interviews, zu dem man wahrscheinlich Nichts weiter sagen muss:

„Wenn das Fremde unsere freiheitliche-demokratische Grundordnung bedroht, dann wird ‚Fremdenfeindlichkeit‘ zu gesellschaftpflichten Pflicht“

Um nicht ohne Lesestoff beim Frühstück zu sitzen, gab ich die 3,50 Euro für das Interview-Magazin „GALORE“ aus. Das dort enthaltene 10-Seiten-Gespräch mit Dieter Nuhr passte ohnehin viel besser besser zu diesem Wohlfühl-Samstagmorgen als die fremdenfeindlichen Parolen von Nicolaus Fest: Balkon, Sonnenschein, Kaffee, Brötchen mit Erdbeermarmelade und dazu die politisch unverfänglichen Reisegeschichten Dieter Nuhrs.

Anders als bei Fest hetzt hier keiner gegen Migranten. Stattdessen berichtet ein mal gewitzter Kosmopolit, mal etwas altkluger Nuhr über den „Sound Indiens“, von den anarchistischen Fußgängern in den USA; davon, dass es in Griechenland kein Gyros gibt, es aber in „warmen Ländern ziemlich oft nach Fäkalien stinkt.“ Das liest sich so harmlos, dass es auch in keinem Bahn-Magazin auffallen würde. Würde Nuhr seine Reisegeschichten nicht als Einleitung für einen Schwall eurozentrischer Überheblichkeit nutzen, an dessen Ende die Botschaft doch ähnlich ausfällt wie in den Kommentaren von Fest: Muslime sind unkultiviert, rückständig und gewalttätig.

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„Ich habe mich zum Beispiel früher im Jemen sehr sicher gefühlt. Heute kann man das Land nicht mehr bereisen, weil es durch Al-Qaida destabilisiert ist. … Heute, wo der Fundamentalismus um sich greift, ist man vielerorts im Nahen Osten nicht mehr sicher. … In Nigeria hat der Staat Teile des Landes nicht mehr unter Kontrolle, Syrien gibt es nicht mehr, der Süd-Sudan steht an der Schwelle, der Irak ist kein existierender Staat mehr. Leider sieht es auch im Jemen nicht gut aus.“

So beginnt seine Analyse der arabischen Welt. Daran müsste man nichts problematisch finden, wenn Nuhr im Folgenden weiter über Kath-kauende Männer und die Arme und Köpfe indischer Götter witzeln würde. Tut er aber nicht. Stattdessen eröffnet er den Kulturkampf:

„Wenn man irgendwo auf dem Land, zum Beispiel mitten in der Wüste im Schibam im Wadi Hadramaut, auf dem Marktplatz sitzt und das Treiben beobachtet, ist das sehr beruhigend – was aber nichts daran ändert, dass das nicht unsere Vorstellung von Leben ist und schon gar nicht unsere Vorstellung von Freiheit.“

Oder noch deutlicher:

„Der Anteil der Araber, der Sympathien für radikale Glaubensrichtungen hat, ist mit Sicherheit erheblich höher als der Anteil der Leute, die bei uns die RAF gut fanden. … im Nahen Osten ist die Anzahl der Menschen, die bereit sind, Gewalt anzuwenden, wenn ihre Religion nicht anständig befolgt wird, nicht gering zu schätzen.“

Mal abgesehen von der Fragwürdigkeit eines Vergleichs zwischen RAF und islamistischen Terroristen (der allerdings von den Interviewern stammt), ist Nuhrs Aussage völliger Quatsch. Anders als die RAF wird Al-Qaida an kaum einem Ort in der arabischen Welt als Konsequenz aus der eigenen politischen, sozialen, religiösen usw. Geschichte wahrgenommen, sondern als unheilbringender Fremdkörper. Schaut man sich die Führungselite, die Herkunft von Waffen und Geldern von den jeweiligen IS- und Al-Qaida-Ablegern an und vergleicht die religiöse Tradition der Terroristen mit der ihrer Opfer ist an dieser Einschätzung auch ziemlich viel dran.

Dementsprechend sind auch die Sympathien bei den meisten verteilt. Um es wie Nuhr zu formulieren: Auf meinen vielen Reisen durch marokkanischen Wasserpfeifencafés und syrische Hamams sind mir vielleicht vier Al-Qaida-Symphatisanten begegnet, während ich schon lange überlegen muss, bis mir in meinem europäischen Bekanntenkreis jemand einfällt, der nicht auf die ein oder der andere Weise, Sympathie zumindest mit den Zielen der RAF äußern würde.

Auf den nächsten Seiten erzählt Nuhr dann von chinesischem Essen, seinen Fotos von Schweizer Gletschern und der Nirwana-Industrie am Ganges. Hat da jemand „Tod“ gesagt? Das Stichwort lässt Nuhr natürlich auch nicht kulturkämpferisch ungenutzt:

„Ein Menschenleben zählt immer dort mehr, wo es zivilisiert zugeht. Und eine der wichtigsten Erkenntnisse des Reisens lautet, dass Europa ein sehr zivilisierter Ort ist. Ein Ort, an dem man das Leben schätzt und die Rücksicht auf den anderen aufgrund jahrhundertelanger Zivilisationsprozesse stärker ausgeprägt ist. … Wenn ich von meinen Reisen zurückkomme, weiß ich überaus zu schätzen, was wir hier erreicht haben.“

Daran steckt so viel westliche Arroganz und Ignoranz gegenüber den Ursachen Krieg und Armut in der Welt, dass ich mich frage, ob sich Nuhr seine Reiseerlebnisse nicht doch in Düsseldorf zusammengegooglet hat. Wenn Nuhr von seinen Reiseerfahrungen in von Krisen- und Armut gebeutelten arabischen Ländern und dem friedlichen Europa auf den jeweiligen Zivilisationsgrad schließt, hat das in etwa dieselbe Aussagekraft, als würde man nach dem Angriff auf Charlie Hebdo, das Chaos im Büro als Gradmesser für die Unordentlichkeit französischer Journalisten nehmen.

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Schlimmer ist allerdings Nuhrs offensichtliche Geschichtsvergessenheit: Dass die europäischen „Zivilisationsprozesse“ ausgerechnet für die Wertschätzung des Lebens stehen, haben ein paar hundert Millionen Menschen inner- und außerhalb Europas im letzten Jahrhundert anders erfahren. Über den Teil der Welt, aus dem nicht nur zwei Weltkriege, Holocaust, Kolonialmassaker, sondern auch heute noch regelmäßig Kriege ausgehen, befindet Nuhr:

„…bei vielem, was sich politisch oder ökonomisch kritisieren lässt, hat all das Positive, das auf der Erde passiert, definitiv ebenfalls primär mit dem Westen zu tun“

Und der Rest der West?

„Der Begriff des Gemeinwohls etwa hat in anderen Kulturen einen geringeren Stellenwert und bezieht sich häufig nur auf die eigene Familie oder den Clan. Wie es dem Rest der Stadt geht, ist scheißegal. Insofern hat das einzelne Leben in der Tat nahezu auf der ganzen Welt eine geringere Bedeutung als bei uns.“

Nachdem Nuhr damit die Welt vollends in Zivlisation und Barbarei aufgeteilt hat, lässt er mein Frühstück mit ein paar Reiseerfahrungen ausklingen; erzählt von „Kindern am Wagenfenster“, denen er in Indien kein Geld gibt, weil sie vor lauter Betteln sonst nicht zur Schule gingen. Von Menschen aus Äthiopien, die an Deutschland die gepflegten Menschen und die „schönen Steinhäuser“ schätzen. Und erklärt ganz zum Schluss noch einmal, wen er aus seiner Wohlfühl-Welt außer unzivilisierten Nicht-Europäern noch ausschließen möchte:

„Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die in erster Linie toleriert, dass es unterschiedliche Lebensentwürfe gibt – und dem stehen Rechte, Linke und Religiöse gleichermaßen im Weg.“

Eine schöneres Beispiel für den Extremismus der Mitte hätte auch Nicolaus Fest in der Jungen Freiheit nicht abgeben können.

 

8 Kommentare zu “Nuhrs Fremdenfeindlichkeit zum Wohlfühlen

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