Handschläge um die es keine Debatte gibt

In einem Klassenraum verweigern zwei Schüler ihrer Lehrerin den Handschlag. Im anderen schlägt eine Lehrerin auf ihre Schüler ein. In einem Fall gibt es eine öffentliche Debatte. Im anderen nicht.

So langsam kehrt  im schweizerischen Therwil wieder Ruhe ein. Zwei Wochen lang war eine Sekundarschule im Vorort von Basel zum Zentrum einer Debatte um Ablehnung christlich-westlicher Werte, die Grenzen religiöser Freiheiten und Frauenverachtung geworden. Weltweit hatten Medien über zwei Schüler berichtet, die ihrer Lehrerin nicht die Hand geben wollten. „Eine Kampfansage an unsere Ordnung“ befand der CDU-Bundestagsabgeordnete Phillip Lengsfeld. „Schweiz ohne Gott“  prophezeite eine Talkshow zur Handschlagdebatte im Schweizer Fernsehen. Selbst die Washington Post titelte: „Switzerland Shocked“

Zwei Wochen später geht es in einem Ausburger Gerichtssaal wieder um einen religiös motivierten Handschlag. Nur diesmal ohne Debatte. Keine großen Tageszeitungen haben die gewalttätigen Vorfälle an einer bayerischen Schule zum Titelthema gemacht. Politiker nehmen den Fall um die fundamentalistische Prügellehrerin nicht zum Anlass, um den Kulturkampf zwischen säkularen Abendland und integrationsunwilligen Fanatikern zu beschwören. Selbst vor Gericht rechtfertigte die Lehrerin die Misshandlungen noch mit Gottes Geboten. Dennoch wurde in keiner einzigen Talkshow über die Frage diskutiert, wie viel religiösen Fanatismus eine tolerante Gesellschaft bereit ist zu ertragen.

Dabei bietet der Fall der christlichen Lehrerin, die im bayerischen Klosterzimmern jahrelang Schüler misshandelte, genügend Aufregungspotenzial: Schon bei den kleinsten Vergehen habe die 56-Jährige mit der Rute zugeschlagen, berichten Betroffene vor Gericht. „Wann immer die Kinder das gebraucht haben“, habe sie ihre Schüler gezüchtigt, gestand die Anhängerin der christlich-fundamentalistischen Sekte „Zwölf Stämme“ und rechtfertigte ihre Taten mit Versen aus dem Alten Testament. Ohne viel Medienaufsehen war sie in einem vorangegangenen Prozess bereits zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Und auch beim jetzigen Berufungsverfahren beschränkt sich das öffentliche Interesse auf ein paar Gerichtsberichte in der Augsburger Allgemeinen.

In beiden Fällen ging es um mehr als (k)einen Handschlag

Man mag zu Recht einwenden, dass es in Therwil um mehr als die religiösen Eigenheiten zweier pubertierender Schüler ging. Viele Kritiker bemängelten nicht das Verhalten der Schüler, sondern das der Schulleitung. Diese hatte die Entscheidung der Schüler, ihrer Lehrerin nicht die Hand geben zu wollen, toleriert. Andere Kritiker verwiesen darauf, dass der nicht gegebene Handschlag nur die Spitze des Eisbergs und das eigentliche Problem das religiöse Umfeld der Schüler sei: Ihr Vater, ein vor 20 Jahren aus Syrien eingewanderter Imam, arbeite in einer Moschee, in deren Bau auch saudische Gelder geflossen seien. Einer der beiden Schüler habe zudem einen IS-Propaganda-Beitrag auf Facebook gepostet.

Doch selbst, wenn man davon absieht, dass ein nicht gegebener Handschlag auch in der negativsten aller Deutungen nichts im Vergleich zur jahrelangen Misshandlung von Kindern ist; selbst, wenn man ungeachtet des konkreten Falls nur auf das „große Ganze“ verweist, erklärt dies nicht die mediale Ungleichbehandlung von Therwil und Klosterzimmern. Denn auch in Fragen des religiösen Fundamentalismus, der Einflussnahme radikaler Gruppen aus dem Ausland und des Wegschauens staatlicher Behörden ist der Fall der christlich-fundamentalistischen Lehrerin um einiges gravierender als der schweizerische Handschlagstreit.

Die bayerische Schulbehörde genehmigte die christliche Endzeit-Schule

Die aus den USA importierte und finanzierte Sekte „Zwölf Stämme“ genoss in Deutschland in den letzten Jahren einen Freiraum, von denen islamische Fundamentalisten nur träumen können. Schon in den 1990ern errichteten sie auf einem Grundstück in der Nähe von Bremen ihre eigene kleine Endzeit-Parallelkultur. Später zogen sie auf das bayerische Gut Klosterzimmern um. Kinder wurden dort in einer streng fundamentalistische Auslegung der Bibel unterrichtet: ohne Evolutionstheorie, ohne Sexualkunde, ohne staatlich ausgebildete Lehrer, ohne dass Eltern der staatlichen Schulpflicht nachkamen.

Was im Fall einer saudischen Koranschule in Deutschland wohl zu einem sofortigen SEK-Einsatz geführt hätte, geschah im Fall der „Zwölf Stämme“-Schule seit mindestens 2006 nicht nur mit Wissen, sondern mit ausdrücklicher Zustimmung der bayerischen Schulbehörde. Gut Klosterzimmern genoss den Status einer staatlich anerkannten Privatschule. Selbst als sich ehemalige Schüler hilfesuchend an die Presse wandten, schritten die Behörden nicht ein. Ein Aussteiger im September 2012 berichtete davon, dass er seit seinem zweiten Lebensjahr mindestens dreimal täglich mit Rutenschlägen gezüchtigt wurde. Es dauerte trotzdem noch über ein Jahr, bis Behörden die ersten Schüler aus der Sekte befreiten.

Doch obwohl mittlerweile mehrere Gerichtsverfahren gegen Mitglieder der „Zwölf Stämme“ laufen, ist das Gut bis heute im Besitz der Sekte. Das Urteil gegen die prügelnde Lehrerin wird im Laufe dieser Woche erwartet. Vor Gericht sagte sie während des vergangenen Verhandlungstages, das Schlagen von Kindern sei für sie „nie eine große Sache gewesen“. Solang christliche Fundamentalisten die Täter sind, gilt das offenbar auch für viele Medien.

[Das Gemälde mit der schlagenden Nonne heißt „Mädchenschule“.
Gemalt hat es der österreichische Maler Adam Johann Braun im Jahr 1789.]

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