Die Debatte zur Debatte: Wer sagte was vor der Islamkonferenz?

Deutsche Unterwerfung vor dem Islam oder Religionspolitik nach chinesischem Vorbild? Wenn am Mittwoch die Islamkonferenz beginnt, ist der mediale Schlagabtausch schon im vollen Gange. Ein Debattenüberblick.

Forum für öffentliche Schlagabtausche oder pragmatisches Arbeitstreffen? Weg zu einem „deutschen Islam“ oder in ein islamfreundlicheres Deutschland? Wenn am Mittwoch die Deutsche Islamkonferenz (DIK) in ihre vierte Runde geht, sind Kontroversen garantiert.

Das liegt nicht nur daran, dass das Forum mit Heimatminister Horst Seehofer ihren bisher am stärksten polarisierenden Gastgeber hat. Das zeigt sich auch daran, wie meinungsstark Politiker, die muslimische Community und der Rest der Gesellschaft schon im Vorfeld die Modalitäten der Konferenz ausdiskutierten. Vor allem zwei Fragen sind es, an denen sich die Gemüter erhitzen: Wer mit wem und worüber?

Den Anstoß dazu lieferte Markus Kerber am 14. Juli dieses Jahres. Selten dürfte ein Zeitungsinterview eines Staatssekretär so viel Wirbel ausgelöst haben, wie als Kerber gegenüber der BILD die Rückkehr der Deutschen Islamkonferenz (DIK) ankündigte. Damit überraschte er die muslimische Community und interessierte Öffentlichkeit gleich in mehrerer Hinsicht. Zum einen hatte mit einer baldigen Rückkehr des Dialogformats unter Kerbers Chef Horst Seehofer kaum ein Beobachter gerechnet. Erst recht nicht, nachdem der Heimatminister zu Beginn seiner Amtszeit unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, was er vom Begriffspaar „Islam und Deutschland“ hält.

Deutscher Islam und wenn ja mit wem?

Überraschend war aber auch, wen Seehofer hier mit der Wiederbelebung der DIK beauftragt hatte. Denn mit Markus Kerber kehrte einer der Urväter  des Formats an seine alte Wirkungsstätte zurück. Im Auftrag des damaligen Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble hatte Kerber im Jahr 2005 die erste Islamkonferenz organisiert und sie nachhaltig geprägt. Anders als Seehofer gilt Kerber unter DIK-Teilnehmern als professionell, engagiert und pragmatisch.

Im Bild-Interview gab er das große Thema der Konferenz vor:

Und wenn es einen Islam geben soll, der zu Deutschland gehört, dann müssen die deutschen Muslime ihn als „deutschen Islam“ definieren – und zwar auf dem Boden unserer Verfassung. Das wird die Aufgabe der nächsten Islamkonferenz sein.

Auch den zweiten großen Aufreger setzte Kerber auf die Agenda der medialen Debatte: Die Frage, wer berechtigt sein soll, an der DIK teilzunehmen, um dort die Interessen von Deutschlands rund 4,5 Millionen Muslimen zu vertreten. Im Interview mit der Bild-Zeitung sagt Kerber:

Wir müssen viel stärker als bisher, die Vielzahl der in Deutschland noch nicht organisierten muslimischen Mitbürger in das Zentrum unserer Islamkonferenz stellen. Denn: Viele Muslime in Deutschland suchen eine deutsch-muslimische Heimat und finden sie nicht.

Danach gefragt, ob er dazu auch Islam-Kritiker zähle, lautet Kerbers Antwort:

Ja, wir werden wieder stärker Einzelpersonen einbeziehen – das umfasst sicher auch kritische muslimische Stimmen zum Islam.

Von Grünen bis CSU sind sich fast alle einig

Zustimmung findet das Vorhaben bis auf wenige Ausnahmen über Parteigrenzen hinweg. Die meisten Bundes- und Landespolitiker, die sich zum Thema äußern, sehen die Dominanz der etablierten islamischen Interessenvertretungen mit Skepsis. Die Forderung nach mehr Diversität in der Islamkonferenz findet parteiübergreifend Unterstützung.

Die Integrationsbeauftragte des Bundes Annette Widmann-Mauz (CDU) begrüßt gegenüber dem Evangelischen Pressedienst eine diversere Aufstellung der DIK. Wichtig sei, dass auch junge Muslime und Frauen eine Stimme erhielten. An Kritiker, die zu bedenken geben, dass man einen „deutschen Islam“ nicht national vorgeben könne, richtet sich Serap Güler (CDU). Die Staatssekretärin für Integration in Nordrhein-Westfalen schreibt in Die Welt:

„Diese Kritik könnte man ernst nehmen, wenn der Islam in unserem Land nicht heute schon weitgehend national definiert wäre. Drei der vier großen Islamverbände sind geprägt von einem türkischen Islam. Zunehmend nicht mehr theologisch, sondern auch politisch. Insofern ist die Forderung nach einem deutschen Islam berechtigter denn je.“

Dafür, wie dieser „deutsche Islam“ aussehen soll, hat Güler klare Vorstellungen:

„Ich wünsche mir einen deutschen Islam, der die theologische Auseinandersetzung in den Mittelpunkt rückt, die Aufklärung dabei nicht ignoriert und eine kritisch-historische Debatte nicht nur zulässt, sondern sie befördert. Natürlich darf und soll sogar ein deutscher Islam sich auch politisch positionieren, wie es christliche Kirchen auch tun – er darf aber keine Politik betreiben.“

Die Rolle der Verbände sieht auch ihre Parteikollegin Cemile Giousouf kritisch. Eine Zweiteilung in „‚konservative‘ Verbandsvertreter und deren ‚liberale‘ Gegner“ ist Giousouf aber zu vereinfachend und verweist auf die Strahlkraft muslimischer Intellektuelle verschiedenster Hintergründe. Giousouf, die als erste muslimische Politikerin für die CDU in den Bundestag einzog, gibt außerdem zu Bedenken, dass es nicht nur „einen deutschen Islam, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Prägungen“ gebe. Die bisherigen Islamkonferenzen sieht sie als Erfolg und verweist auf die Ausbildung von Lehrern und Theologen. Zudem habe die DIK wichtige Debatten angestoßen.

Ähnlich äußert sich SPD-Vizefraktionsvorsitzende Eva Högl. „Nach über zehn Jahren ist es richtig, über Struktur und Inhalt der Islamkonferenz nachzudenken“, sagte Högl gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Es sei ebenso richtig, „nicht nur Verbände, sondern auch Einzelpersonen einzuladen, die die Vielfalt des Islam in Deutschland repräsentieren“. 

„Eine Lösung werden wir nicht gegen, sondern nur mit den Verbänden finden können“

Auch bei den Grünen findet die Forderung Unterstützung. In einem Gastbeitrag für „Die Welt“ betont der Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir zwar, dass man die rechtliche Integration des Islam nur mit den Verbänden vorantreiben könne, macht allerdings deutliche Einschränkungen:

„Die Islamkonferenz braucht aber auch die richtigen Mitglieder. Eine Lösung werden wir nicht gegen, sondern nur mit den Verbänden finden können – allerdings nur mit solchen, die glaubhaft auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Wenn sie als Außenstelle der türkischen Regierung agieren, disqualifizieren sie sich. Es ist außerdem unverzichtbar, dass unabhängige, auch liberale Muslime einbezogen werden. Die Verbände repräsentieren nur einen Bruchteil der bei uns lebenden Muslime.“

Özdemir hatte in den den vergangenen Monaten immer wieder Zweifel an der Verfassungstreue von Ditib und des Zentralrates der Muslime geäußert. Gleichzeitig wendet sich Özdemir allerdings gegen die Teilnahme von erklärten Islamgegnern, wie es in früheren Runden der Fall war:

„Wenig Sinn macht es aber, Vertreter in eine Islamkonferenz einzuladen, die sich selbst nicht als Muslime verstehen oder die den Islam für nicht integrierbar erachten.“

Zur Frage, welche Themen auf der Konferenz besprochen werden sollen, befürwortet Özdemir das Anliegen der organisisierten Muslime, als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden:

„Das Ziel ist die rechtliche Integration des Islam. Unser Grundgesetz bietet für die Kooperation von Staat und Religionsgemeinschaften einen guten Rahmen. Die Alevitische Gemeinde hat gezeigt, dass und wie es geht.“

Komplett einheitlich ist das Stimmungsbild allerdings auch bei den Parteien nicht. Kritisch gegenüber den Plänen des Heimatministeriums äußert sich beispielsweise Filiz Polat. Die Obfrau der Grünen im Bundestags-Innenausschuss wirft dem Heimatminister vor, „den bereits in der Vergangenheit geführten Streit um die Besetzung der Islamkonferenz wieder aufzuwärmen“. Ebenfalls gegenüber der Frankfurter Rundschau fordert Polat die Rückkehr zum Pragmatismus vergangener Tage und sich beispielsweise Themen wie Imam-Ausbildung und der Anerkennung islamischer Religionsgemeinschaften zu widmen.

Hauptsache keine Islamfeinde: Was Verbandsvertreter zur Islamkonferenz sagen

Die Frage, wer an der Islamkonferenz teilnehmen soll, bestimmt auch innerhalb der muslimischen Community die Debatte. Scharfe Ablehnung kommt beispielsweise von Ali Kızılkaya. Der Vorsitzende des Islamrates, der in der Vergangenheit selbst an der Islamkonferenz teilgenommen hatte, kommentierte auf Twitter zynisch:

„Zwei Mal Islam mit Salami und Vorderschinken ohne Knoblauch. Dazu noch zwei Weizen bitte! Innenministerium bestellt Islam nach Wunsch. Was für eine Anmaßung.“

Wohlwollender äußert sich der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu. Gegenüber der Frankfurter Rundschau begrüßt er das Vorhaben des Heimatministeriums:

„Wir hatten befürchtet, dass die Islamkonferenz gar nicht mehr stattfindet. (…) Ich würde dem Anstoß von Herrn Kerber deshalb erst mal eine Chance geben und an Einzelpersonen und Verbände appellieren, an diesem Diskurs teilzunehmen.“

Sofuoglu sagte außerdem, kein muslimischer Verband habe „die Deutungshoheit, zu definieren, was der Islam ist“. Die Muslime sollten vielmehr „zwischen berechtigter Kritik und Islam-Bashing unterscheiden“ und „sich der Diskussion stellen“.

„Islamkritiker können nicht darüber schwadronieren die angebliche schweigende Mehrheit per Zuruf vertreten zu können.“

Etwas kritischer klingt die Reaktionen des prominentesten islamischen Interessenvertreter des Landes. Unter anderem im Interview mit der „Südwest Presse“ skizziert Aiman Mazyek seine Vorstellung der DIK. Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime begrüßte zunächst das Vorhaben des Heimatminsteriums:

„Als deutsche Religionsgemeinschaft ist es uns wichtig, dass die Bundesregierung endlich praktisch das Thema „Deutsche Muslime“ in den Mittelpunkt des Interesses setzt. Dies zählt zur DNA des Zentralrats seit je her. Bisher haben Teile der Politik sich eher an der Fragmentierung der Islamischen Community beteiligt, indem sie der Ethnisierung der Muslime das Wort geredet haben. Dass damit nun Schluss sein soll, ist gut.“

Eindeutige Kritik kommt von Mazyek allerdings an der geplanten Zusammensetzung des Forums:

„Naturgemäß ist es so, dass es entweder Vertreter von organisierten Muslimen gibt oder Einzelpersonen und Initiativen. Vertreter können also nicht für die Nicht-Organsierten sprechen, umgekehrt können aber auch Einzelpersonen, wie es zum Beispiel die sogenannten Islamkritiker gerne tun, auch nicht darüber schwadronieren die angebliche schweigende Mehrheit per Zuruf vertreten zu können.“

In einem Gastbeitrag für das Religionsmagazin „Herder Korrespondenz“ setzt sich Mazyek mit der Forderung von Staatssekretär Markus Kerber nach einem „deutschen Islam“ auseinander. Diese begrüßt er grundlegend. Bei der Umsetzung seien aber nicht nur die Muslime gefordert:

„Es ist verständlich und richtig, dass man keine Finanzierung aus dem Ausland will. Tatsächlich gibt es ja nicht nur aus der Türkei, sondern auch aus anderen Ländern wie Bosnien beispielsweise entsprechende Bestrebungen. Dann muss aber auch die Innenpolitik schauen, wie sie die deutschen Muslime, die eine deutsche Religionsgemeinschaft sein wollen, unterstützt. Hier muss es eine entsprechende Wechselseitigkeit geben.“

Mazyek kritisiert, dass die Debatte um einen „deutschen Islam“ sich vor allem auf die Frage konzentriert, ob der Islam verfassungskonform sei. Für ihn eine überflüssige Frage:

„In Deutschland gibt es eine Trennung von Staat und Religion. Der Islam als solches ist wie das Christentum eine Religion, die nach dem Grundgesetz nicht auf ihrer Verfassungskonformität geprüft werden muss. Verfassungskonform – oder eben nicht – sind jeweils die einzelnen Anhänger einer Religion. Es gibt keinen Islam, der nicht verfassungskonform ist, aber es gibt natürlich Muslime, denen man das aufgrund ihrer kriminellen oder extremistischen Handlungen vorwerfen kann und muss. Sie stoßen auch auf unseren entschiedenen Widerstand.“

Gegen die Macht der Verbände: Stimmen von Islamkritikern und unabhängigen Muslime

Kritisch mit der Rolle der großen islamischen Interessenvertretungen setzen sich erwartungsgemäß die viel diskutierten unabhängigen Teilnehmer auseinander. In einem Gastbeitrag für Die Welt macht Necla Kelek aus dem Ausland finanzierte und angeleitete Islamverbände“ für das Scheitern der Konferenz verantwortlich.

Der Islamkritikerin zufolge, die selbst an der erste Runde der DIK unter Wolfgang Schäuble teilnahm, habe sich das Forum zuletzt zu einer „Funktionärs- und Hinterzimmerveranstaltung“ entwickelt. Kelek fordert, Themen wie „Gleichberechtigung von Mann und Frau, Familienstrukturen, Extremismus, Kinderehen, Polygamie, Kopftuch in der Grundschule, muslimischen Antisemitismus“ auf die Agenda zu setzen. Außerdem solle die Islamkonferenz öffentlich tagen.

„Der deutsche Islam soll sich gegen die Macht des politischen Islam und der konservativen Dachverbände richten“

Ähnlich sieht es Abdel-Hakim Ourghi. Ebenfalls in Die Welt äußert der Freiburger Islamwissenschaftler scharfe Kritik an den etablierten Verbänden:

„Der Islam wird in den organisierten Dachverbänden immer konservativer, politischer und nationalistischer, da diese als Auslandsorganisationen im Auftrag ihrer Heimatländer agieren.“

Auch die Frage nach einem „deutschen Islam“ versteht er vor allem als Emanzipation von den etablierten Strukturen islamischer Interessenvertretung:

„Der deutsche Islam soll sich gegen die Macht des politischen Islam und der konservativen Dachverbände richten, deren veraltete Sichtweisen nicht mehr der Lebenswelt der Muslime im westlichen Kontext entsprechen. Solch ein konservativer Islam will einen Gettoglauben in den muslimischen Gemeinden durch die eigene Abschottung von der Mehrheitsgesellschaft konservieren. Der deutsche Islam sollte sie hingegen von der absoluten Kontrolle von Körper und Geist durch die konservativen Muslimen befreien.“

An gleicher Stelle ruft auch Ahmad Mansour zur Entmachtung der etablierten Verbände auf, da diese nicht einmal 30 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime repräsentieren würden. Der Psychologe und Buchautor fordert stattdessen, die Heterogenität der in Deutschland lebenden Muslime in der Islamkonferenz widerzuspiegeln. In der Vergangenheit hätte sich die DIK auf „Seichtes, Unpolitisches“ konzentriert, in Zukünft müsse wieder über Themen wie „Antisemitismus an Schulen oder die so wichtige Präventionsarbeit gegen Islamismus“ gesprochen werden.

„Eine Handvoll Verbände, vom Zufall der Geschichte zusammengewürfelt kann den Islam in Deutschland allein nicht repräsentieren.“

Ähnlich fällt die Kritik von Lamya Kaddor aus. In derselben Zeitung kritisiert die Religionspädagogin und Mitbegründerin des Liberal-Islamischen Bundes den bisherigen Fokus der DIK auf die großen Verbände und unterstützt Seehofers Vorhaben nach wechselnden Mitgliedschaften:

„Der Islam ist kein monolithischer Block und wird es nie sein. Eine Handvoll Verbände, vom Zufall der Geschichte zusammengewürfelt (Stichwort: Gastarbeiteranwerbung), kann ihn in Deutschland allein nicht repräsentieren. Erst recht nicht, wenn sie durchweg konservativ, teils fundamentalistisch, oftmals umstritten wegen Auslandsverbindungen und nationalistisch auf die Heimatländer ihrer Gründerväter ausgerichtet sind.“

Die Thematisierung des „deutschen Islam“ hält Kaddor für überfällig. Mit „Lehrstühlen, Religionsunterricht, Lehrbüchern, Kinder-Koran, liberalen Stimmen etc.“ sei dieser längst Realität, „Zeit, dies politisch anzuerkennen!“

Auch Seyran Ateş meldet sich zu Wort. Für die Anwältin, Islamkritikerin und Imamin einer Berliner Moschee sind die etablierten Verbände lediglich der „verlängerte Arm ausländischer Interessen“. Im Interview mit dem „Sonntagsblatt“ erklärt Ateș, die selbst als Teilnehmerin für die DIK gehandelt wird:

„Der Eindruck entsteht, dass da eine Handvoll konservativer Männer gemeinsam mit den Kirchen in der Islamkonferenz ausdealen, wie der Islam in Deutschland sich gestaltet. Aber das ist ein großer Fehler, denn die dort vertretenen muslimischen Verbände repräsentieren nicht die Breite des Islam und auch nicht die Mehrheit der Muslime in Deutschland.“

„Die Islam-Konferenz ist die deutsche Unterwerfung“

Noch kritischer sieht es Bassam Tibi. In einem Interview mit der NZZ kritisiert der Islamkritiker die Macht der Verbände und wirft dem deutschen Staat vor, vor dem Islam kapituliert zu haben:

„Die Islam-Konferenz ist ein ‚first-class ticket to nowhere‘. Es ist eine Veranstaltung der Unehrlichkeit. Am Anfang war ich selber dabei. Da konnte ich das Fassadenhafte dieser Verbände erleben: In den offiziellen Diskussionen gaben sie sich integrationswillig, verfolgte man dann während der Pausen die Diskussionen der Teilnehmer untereinander, klang es ganz anders. Kennen Sie den Roman ‚Soumission‘ von Michel Houellebecq? Die Islam-Konferenz ist deutsche Unterwerfung. Der Staat kapituliert vor dem Islam. „

Mit Blick auf die die letzte Islamkonferenz unter Thomas de Maiziere, der anders als seine Vorgänger nur noch auf die Teilnahme islamischer Verbände und Kulturvereine setzte, sagt Tibi:

„Liberale Musliminnen wie Seyran Ates und Necla Kelek wurden rausgeschmissen. Deutschland führt seinen Dialog nur noch mit vier Verbänden, die allesamt aus dem Ausland finanziert werden und islamistisch und schriftgläubig sind. In der Islam-Konferenz geht es nicht um die Integration von Muslimen, sondern um die Minderheitsrechte des organisierten Islams.“

Noch zerstrittener als Muslime: Journalisten zur Islamkonferenz

Auch Journalisten befassen sich damit, wie die Islamkonferenz aussehen soll. Das Stimmungsbild ist mindestens ebenso divers wie innerhalb der muslimischen Community. Thematisch dominieren auch hier Kommentare zum Thema „deutscher Islam“ und der Frage, wer an der DIK teilnehmen soll.

Unter der Überschrift „Gebote für den deutschen Islam“ fragt Armin Käfer, ob wir eine überhaupt eine Islamkonferenz brauchen. Der Berlin-Korrespondent der Stuttgarter Zeitung stellt zunächst fest, dass sich Horst Seehofer mit seiner Aussage, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, eigentlich als Gastgeber disqualifiziert habe. Gleichzeitig lobt er ihn dafür, das Monopol der Islamverbände aufbrechen zu wollen:

„Seine Vorgänger nahmen fatalerweise hin, dass diese Verbände unabhängige Köpfe von der Islamkonferenz weggemobbt haben. Dabei repräsentieren sie nur eine Minderheit der Muslime in Deutschland – eine konservative, verstockte und damit problematische Minderheit. Dabei hat sich längst eine Zivilgesellschaft entfaltet, die das Skelett des deutschen Islam werden könnte: muslimische Anwälte, Ärzte, Künstler, Intellektuelle, Handwerker und Unternehmer. Leute aus solchen Milieus sollten Seehofers bevorzugte Ansprechpartner sein.“

Zwar gehörten viele der fünf Millionen Muslime allein schon wegen ihres Passes zu Deutschland, bevor es auch der Islam tue, sei es aber noch ein weiter Weg. Käfer schreibt:

„Islamgläubige, die zu Deutschland gehören wollen, müssen anerkennen, dass Religion Privatsache ist und in gesellschaftlichen Fragen keine herausgehobene Autorität genießt. Sie müssen akzeptieren, dass Religionsfreiheit auch das Recht einschließt, religiöse Ansichten abzulehnen, sie zu kritisieren, womöglich gar zu verspotten. Sie müssen Normen überdenken, die dem orientalischen Mittelalter verhaftet bleiben. Sie müssen lernen, was Toleranz im 21. Jahrhundert bedeutet.“

Auch dafür, welche Themen bei der Islamkonferenz auf der Agenda stehen müssten, hat Armin Käfer konkrete Vorstellungen und zählt neben Burkini und Kopftüchern u.a. „patriarchale Familienstrukturen, Kinderehen, Polygamie, Extremismus, muslimischer Antisemitismus“ auf. Ziel müsse es sein, dass sich die Islamkonferenz selbst überflüssig mache.

Überflüssig findet Fabian Goldmann (alias ich, der Autor dieses Blogs) die Islamkonferenz schon jetzt, zumindest wenn es um die Definierung eines „deutschen Islam“ gehe. Unter der Überschrift „Einmal deutscher Islam ohne scharf, bitte“ kommentiert er, dass das muslimische Leben in Deutschland schlicht zu vielfältig sei, um auf eine Definition von „deutschen Islam“ reduziert zu werden. Goldmann schreibt:

„Man muss schon Dschihadist oder Integrationspolitiker sein, um anzunehmen, das Islamverständnis einer Instagram-Hijabista aus Berlin-Friedrichshain ließe sich mit dem eines Sufi-Mystikers aus der Eifel vereinheitlichen. Genauso gut könnte man von Mainzer Narren, Düsseldorfer Jecken und Berliner Karnevalsmuffeln verlangen, sich auf einen einheitlichen Faschingsumzug zu einigen oder Anhänger von Borussia Dortmund und Schalke 04 zum Tragen einheitlicher Ruhrpott-Fanschals auffordern.“

Auch die Ankündigung wechselnder Mitgliedschaften sieht Goldmann kritisch, da diese in der Praxis nicht zu mehr Vielfalt, sondern zur Bedeutungslosigkeit der Konferenz führe.

„Ein Gläubiger muss nicht eine ‚liberale‘ Auffassung seiner Religion vertreten, um ein guter Staatsbürger zu sein.“

Mehr mit dem Begriff „deutscher Islam“ anfangen kann Eren Güvercin. Der Journalist und Mitbegründer des muslimischen Thinktanks „Alhambra Gesellschaft“ fordert auf „Deutschlandfunk Kultur“ Muslime auf, den Begriff mit Inhalt zu füllen:

„Dazu gehört auch eine Entnationalisierung, und zwar, indem man in Deutschland nicht mehr von türkischen, marokkanischen oder bosnischen Verbänden spricht, sondern von deutschen Muslimen. Da müssen wir Muslime wieder etwas erlernen, was wir im Zuge der Auseinandersetzung mit der Moderne und mit Ideologien wie dem Nationalismus verlernt haben.“

Zugleich verweist Güvercin darauf, dass auch Muslime mit einem konservationen Religionsverständnis Teil dieses „deutschen Islam“ seien:

„Aber es gibt auch Kritiker jeglicher Form eines konservativ-traditionellen Islamverständnisses, den diese aber gerne mit Labels wie ‚Euro-Islam‘ oder vielleicht auch ‚deutscher Islam‘ zu diskreditieren versuchen. Ein Gläubiger muss nicht eine ‚liberale‘ Auffassung seiner Religion vertreten, um ein guter Staatsbürger zu sein.“

Sulaiman Wilms beschäftigt sich mit derselben Frage. Der Chefredakteur der Islamischen Zeitung zeigt Verständnis dafür, dass Teile der muslimischen Community gereizt auf die Ankündigung des Heimatministeriums reagieren, einen „deutschen Islam“ definieren zu wollen. Wilms äußert den Verdacht, dass hier eine Art „Staatsislam“ geschaffen werden soll. Dieser sei allerdings genauso abzulehnen wie alle anderen nationalen Varianten. Bei der Definition eines positiven Selbstverständnisses sieht Wilms aber auch Versäumnisse bei der muslimischen Community:

„Spätestens seit 9/11 stehen Deutschlands Muslime vor der gemeinschaftlichen Aufgabe, ein positives Selbstverständnis zu formulieren sowie konkret zu sagen, was sie sein und was sie tun wollen. Solange aber die geistig und spirituell anspruchsvolle Aufgabe der Erlangung eines klaren Selbstbildes, von Definitionshoheit und positiven Konzepten ausbleibt, ist es kein wirkliches Wunder, dass andere diese Funktion – klar, aus eigennützigen Motiven heraus – an sich reißen. Hierzu gehört auch die banale Tatsache, dass es deutsche Muslime gibt und dass ein Deutscher Muslim sein kann. Daran müssen sich alle ­Seiten gewöhnen.“

„Man könnte sich auch an die Forderung der kommunistischen Führung Chinas erinnert fühlen“

Die Frage, was dieser „deutsche Islam“ eigentlich sein soll, beschäftigt sauch Benjamin Leven. In seinem Kommentar für katholisch.de unternimmt er einen Perspektivwechsel:

„Man stelle sich vor, die Regierung berufe von ihr ausgewählte Personen – darunter Vertreter der Giordano-Bruno-Stiftung – in ein Gremium, das die Aufgabe habe, ein ‚deutsches Christentum‘ zu definieren. Man könnte sich auch an die Forderung der kommunistischen Führung Chinas erinnert fühlen, die Religionen müssten sich ’sinisieren‘, also chinesisch werden.“

Leven ist der Meinung, dass der Staat zwar ein Interesse an der Verfassungstreue von Religionsgemeinschaften haben dürfe. Darüberhinaus gehöre es aber zur Religionsfreiheit, dass Religionen selbst über ihre Identität befinden.

Auf ganz pragmatische Weise nähert sich Martin Benninghoff dem Thema. Für den FAZ-Redakteur müssen sich die Beteiligten entscheiden, ob sie eine Islamkonferenz mit „Krawall oder Sachlichkeit“ wollten. Die Einladung kritischer Einzelpersonen…

„…könnte der Konferenz wieder die Aufmerksamkeit bescheren, die ihr wenig glamouröse Sachthemen wie die islamische Wohlfahrtspflege zuletzt sicher nicht bieten konnten. Andererseits birgt das die Gefahr, dass aus dem Sachtreffen wieder die alte Zeter- und Mordioveranstaltung wird, wie zu Zeiten der Innenminister Schäuble und Friedrich.“

Zwischen von Islamkritikern inszenierten Krawall der Anfangstage und der Sachthemen-Konzentration der vergangenen Jahre schlägt Benninghoff einen dritten Weg vor:

„Will man aber, dass die Islamkonferenz gesellschaftlich und politisch wieder relevant wird, dann braucht es wirksame Horizonterweiterungen, die den konservativen Islamverbänden etwas entgegenzusetzen haben, ohne die Sachthemenarbeit zu gefährden.“

„Muslime haben sich bei der Koranauslegung und in ihren religiösen Praktiken immer wieder an ihrem jeweiligen kulturellen Umfeld orientiert.“

Und auch Canan Topçu beschäftigt die Frage nach dem „deutschen Islam“.In einem Beitrag für Die Zeit sieht die Journalistin gleich mehrere Gründe, warum dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen dürfte:

„Die Probleme beginnen schon damit, wer da etwas verlangt, nämlich der Staat selbst. Insbesondere Islamverbände und dogmatische Musliminnen und Muslime deuten das als Einmischung in religiöse Angelegenheiten.“

Zum Anderen verhindere die Pluralität möglicher islamischer Auslegungen, dass eine zentrale Instanz, wie es etwa bei der katholischen Kirche der Fall ist, eine zentrale Auslegung vorgibt, argumentiert Topçu. Dieses Phänomen sei in Deutschland sogar noch größer als anderswo:

„…weil ein Großteil der Muslime hier aus unterschiedlichen Teilen der Welt stammt und seinen Glauben nach den Traditionen der jeweiligen Herkunft praktiziert. Die sind beispielsweise in Pakistan anders als in Marokko, in Indonesien anders als in der Türkei und im Iran anders als in Bosnien. Und so gibt es Deutschland eine muslimische Vielfalt und zig Communitys mit jeweils voneinander abweichendem Islamverständnis.“

Die Notwendigkeit das eigene Islamverständnis zu diskutieren, sieht Topçu dennoch. Nur sei hierfür eine staatlich moderierte Konferenz nicht das geeignete Format:

„Andere, weniger politisch gebundene zivilgesellschaftliche Organisationen könnten aber mehr Erfolg damit haben, ein Dialogformat für Muslime zu entwickeln. Es wäre sicher mühevoll und langwierig, aber nicht aussichtslos. (…) Mut macht auch ein Blick in die Geschichte. Muslime haben sich bei der Koranauslegung und in ihren religiösen Praktiken immer wieder an ihrem jeweiligen kulturellen Umfeld orientiert.“

Topçu hält es deshalb für möglich, dass Muslime jenseits der Islamkonferenz in einen Dialog treten, von dem nicht nur die muslimische Community, sondern letztlich auch der Staat profitieren kann.

Das Aufmacherbild zeigt Gesandte des Abbasidenkalifs Harun al Raschid zu Besuch bei Karl dem Großen Ende des 8. oder Anfang des 9. Jahrhunderts. 
Diese erste kleine Islamkonferenz brachte Karl dem Großen immerhin einen weißen Elefanten namens Abul Abbas ein. Gezeichnet hat das Bild der österreichische Spätromantiker Moritz von Schwind im Jahr 1865.

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