Ob Ahmad oder Achim: Warum die meisten Gewalttäter Männer sind

Nicht Migranten, sondern in in ihrem Stolz verletzte Männer sind für die meisten Morde und Vergewaltigungen verantwortlich. Dass lässt sich ändern. Nicht durch Abschiebungen, sondern durch die Vermittlung neuer Männlichkeitsbilder.

Sollten wir konsequenter abschieben? War die Aufnahme hunderttausender Flüchtlinge ein Fehler? Muss Merkel weg? Deutschland diskutiert mal wieder über sexuelle Gewalt und was man dagegen tun kann. Die Antworten vieler: Die Migranten sind schuld.

Auf den ersten Blick ist daran nicht alles falsch. Schaut man in die Polizeistatistiken, haben Vergewaltigungen und Tötungsdelikte in den vergangenen Jahren zugenommen. Migranten sind tatsächlich leicht überrepräsentiert – auch wenn Kriminologen diesen Umstand eher auf die sozialen Lebensverhältnisse als auf die Herkunft zurückführen.

Beim Blick in die Statistik fällt allerdings ein Tätermerkmal auf, dessen Überrepräsentation über jeden Zweifel erhaben ist. Eine Gruppe von Menschen stellt fast alle Vergewaltiger und Mörder schaff es dennoch  seit Jahren von der Öffentlichkeit unbeachtet davon zu kommen. Zur Veranschaulichung eine kleine Auswahl von Fällen, die es in den vergangenen drei Wochen nicht auf die Titelseiten schafften: 

Kölnische Rundschau am 6. Juni 2018

Neue Ruhr Zeitung am 13. Juni 2018

Hamburger Morgenpost am 31. Mai 2018

tz am 28. Mai 2018

infranken am 6. Juni 2018

Hamburger Abendblatt am 29. Mai 2018

Westfalenpost am 2. Juni 2018

Was diese Fälle vom populären Morden wie an der Mainzer Schülerin Susanna durch den irakischen Asylbewerber Ali B. unterscheidet: Keiner der mutmaßlichen Täter stammte aus dem Ausland. Sie alle waren Deutsche. Und dennoch gibt es eine Gemeinsamkeit, an die wir uns schon sehr gewöhnt haben, dass sie uns kaum noch auffällt: Alle Täter waren Männer.

„Niemand ist den Frauen gegenüber aggressiver oder herablassender als ein Mann, der seiner Männlichkeit nicht ganz sicher ist“

Durchschnittlich 22 Fälle von Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen wurden im vergangenen Jahr pro Tag angezeigt. Bei 93 Prozent der Verdächtigten handelte es sich um Männer. Über 2.400 (versuchte) Tötungsdelikte zählte die polizeiliche Kriminalstatistik 2017. 83 Prozent der mutmaßlichen Täter waren männlich. Wenn wir nach einer Handvoll Migrantenmorden über den Zusammenhang von Herkunft und Gewalt diskutieren, sollten wir das nach tausenden Männermorden nicht auch über den Zusammenhang von Gewalt und Männlichkeit tun? 

Von einer „Angst vor Entmannung“, die Gewalt und Aggressivität hervorbringe, schreibt der britische Autor Jack Urwin in seinem Bestseller „Boys don’t Cry“. „Niemand ist den Frauen gegenüber aggressiver oder herablassender als ein Mann, der seiner Männlichkeit nicht ganz sicher ist“, warnte Simone de Beauvoir einmal. Aber es sind nicht nur Feministinnen und populärwissenschaftliche Buchautoren, die auf die Problemfall „Mann“ hinweisen. Anders als im Fall von „Herkunft“ und „Gewalt“ gilt der Zusammenhang von „Geschlecht“ und „Gewalt“ wissenschaftlich als unumstritten. Oder besser: Es sind männliche Rollenbilder, die aus einfachen XY-Chromosomen-Trägern Mörder machen. 

Je intensiver sich Männer in ihrer Männlichkeit bedroht fühlen, desto stärker neigen sie zur Gewalt

Wissenschaftler haben versucht herauszufinden, warum Männer so häufig zu Tätern werden. Die Antwort nennen sie „Masculine Overcompensation Thesis“. In sozialpsychologischen Studien haben Forscher getestet, wie Männer darauf reagieren, wenn ihre Männlichkeit infrage gestellt wird (z.B. hier und hier). Männliche Testpersonen, denen die Studienmacher zuvor feminine Züge zuschrieben, äußerten sich anschließend homophober und befürworteten sexuelle Grenzüberschreitungen häufiger als Vergleichsgruppen, die unbeeinflusst in den Versuch gingen.

Dieselbe Auffälligkeit gab es bei Männern, die sich durch gesellschaftliche Veränderungen verunsichert zeigten: Je stärker sie ihren Status als Mann bedroht sahen, desto größer war die Zustimmung zu Gewalt. Das Urteil der Forscher: Männer demonstrieren umso intensiver als männlich wahrgenommene Eigenschaften wie sexuelle Potenz, Homophobie oder Gewaltbereitschaft, je stärker ihre Männlichkeit von außen infrage gestellt wird. Das erklärt im Umkehrschluss auch, warum Frauen in Gewaltstatistiken stark unterrepräsentiert: Gewalt und Aggressivität gelten gesellschaftlich schlicht nicht als besonders weiblich. 

Sexuelle Gewalt stellt den Versuch dar, „ein unsicheres männliches Selbstbild durch aggressive Handlungen zu kompensieren“

Reicht dieses Gefühl aus, um einem Menschen Schaden zuzufügen. „Ja“, sagen Sexualtherapeuten und Psychologen. Eine Eigenschaft eine viele Sexualstraftäter: Schwäche. Vergewaltigungen stellten häufig den Versuch dar, „ein unsicheres männliches Selbstbild durch aggressive Handlungen zu kompensieren„, sagt beispielsweise der Sexualtherapeut Ulrich Clement.  Opfer dieser Kränkung werden übrigens nicht nur Frauen. Psychologen erklären mit der „Überkompensation“ von Männlichkeit auch das seltsame Phänomen, dass homophobe Einstellungen überdurchschnittlich häufig bei Männer anzutreffen sind, die selbst homosexuelle Neigungen haben.

Noch einen Schritt weiter geht der amerikanische Soziologe Michael Kimmel. In seinem 2013 erschienenen Buch „Angry White Men“ liefert er eine mögliche Antwort auf die Frage, warum gerade in den USA so viele Männer zu Mördern werden. Seine These: Wie nirgendwo sonst prallen in den USA der Anspruch männlicher Allmacht und progressive Gesellschaftsentwürfe aufeinander. Viele Massaker der letzten Jahre stellten die Entladung daraus resultierender Verunsicherung dar.

Ideologie, politische Überzeugung oder Herkunft des Täters ist bestenfalls zweitrangig

Eine ähnliche These vertritt der deutsche Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit. In seinem 2015 veröffentlichten Buch „Das Lachen der Täter“ untersuchte er die Psychologie von Massenmördern: von Breivik über die Roten Khmer bis zu den Charlie Hebdo-Attentätern. Auch Theweleit stellte fest: Alle von ihnen fühlten sich durch progressive gesellschaftliche Entwicklungen in ihrer Männlichkeit bedroht. „Töten ist das zentrale Mittel dieser Körper zum Erreichen des Spannungsausgleichs“, schreibt Theweleit. Die jeweilige Ideologie, politische Überzeugung oder Herkunft des Täters ist bestenfalls zweitrangig, schließlich gelten Aggressivität und Gewalt in fast allen menschlichen Gesellschaften als „männlich“.

Bedeutet das also, dass jede Frau, die in Deutschland Opfer eines männlichen Migranten wird, genauso gut einem Deutschen hätte zum Opfer fallen können? Dass jeder Ali genauso gut ein Achim sein könnte? Dass gesellschaftliche Männlichkeitserwartungen die einzige Ursache für Gewalttaten sind? Dass in jedem Mann ein potentieller Vergewaltiger steckt? Nein.  Aber sicher ist: Wem jenseits punktueller Empörung wirklich daran gelegen ist, etwas an dem Problem tausender Vergewaltigungen und Tötungsdelikten zu ändern, dem bieten unser aller Vorstellung von Männlichkeit wesentlich bessere Steuerungsmöglichkeiten als Merkels Migrationspolitik. 

Das Aufmacherbild zeigt eine nackte Sklavin im lüsternden Blick zweier arabischer Männer aus dem lüsternden Blick eins schweizer Mannes, dem Orient-Maler Otto Pilny. 

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