8 Dinge, die man über Freital wissen sollte

Vieles wurde über die Stadt bei Dresden in den letzten Tagen geschrieben. Und manches kam zu kurz. Hier sind acht Fakten über Freital und seine "besorgten Bürger", die nicht den Anspruch erheben, die Wichtigsten zu sein, aber dennoch zur Realität der Flüchtlinge in der Stadt gehören.

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ieder machen Nazis Jagd auf Flüchtlinge. Wieder skandiert ein wütender Mob „besorgter Bürger“ gegen Asylsuchende. Wieder wird eine Stadt zum Symbol deutscher Fremdenfeindlichkeit. Wieder Sachsen. Diesmal Freital. Vieles wurde über die Stadt bei Dresden in den letzten Tagen geschrieben. Manches kam aber auch zu kurz. Hier sind acht Fakten über Freital und seine „besorgten Bürger“, die nicht den Anspruch erheben, die Wichtigsten zu sein, aber dennoch zur Realität der Flüchtlinge in der Stadt gehören. 

1. Die Freitaler Flüchtlingsunterkunft ist eigentlich ganz in Ordnung – für ein Erstaufnahmelager.

Sieht man mal von großen Teilen der Nachbarschaft ab, gehört das Hotel Leonardo sicherlich nicht zu den schlechtesten Flüchtlingsunterkünften. Etwas abseits vom Zentrum, aber dennoch mitten im Wohngebiet. Nah an Supermärkten, Bahn und Bus und dennoch im Grünen. Hinter dem Hotel gibt es einen Bolz- und Grillplatz. Über die Unterbringungsbedingungen hat sich von den Flüchtlingen, mit denen ich geredet habe, niemand beschwert. Man wäre fast versucht, das Wort „vorbildlich“ in den Mund zu nehmen – erst recht, wenn man das Lager in Chemnitz kennt, in dem die Flüchtlinge vorher untergebracht wurden. Wie gesagt, fast wäre man versucht. Wären da nicht die Freitaler Nachbarn.

2. Es gibt auch hilfsbereite Freitaler.

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Laura und Nico haben die Soli-Kundgebungen für die Freitaler Flüchtlinge mitorganisiert.

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dennoch geht die Solidarität vieler Freitaler mit den Flüchtlingen in der Berichterstattung vielleicht etwas unter. Als ich am Freitag im Freital war, brachten den ganzen Tag über Anwohner Pakete mit Kleiderspenden oder Spielzeug, suchten das Gespräch mit Flüchtlingen und versicherten ihnen ihre Unterstützung. Das Bild von Flüchtlingsunterkünften, die zwischen Autobahn und Gewerbegebiet eingezäunt im Wald liegen und deren Bewohner kaum einen Deutschen außer die Sicherheitskräfte zu Gesicht bekommen, trifft auf Freital mit Sicherheit nicht zu. Nur zwei Beispiele von vielen sind der 16-jährige Nico und die 15-jährige Laura, die im lokalen Aktionsbündnis die Soli-Kundgebungen für die Flüchtlinge mitorganisieren.

 

3. Die meisten Unterstützer der Flüchtlinge stammen nicht aus Freital.

Das ist einer der wenigen Punkte, mit dem die Flüchtlingsgegner recht haben. Von den 500 Unterstützern, die am Freitag vor das Hotel Leonardo gekommen waren, stammten sicherlich über 90 Prozent nicht aus Freital oder dessen Umgebung. Die implizite Schlussfolgerung der Flüchtlingsgegner, die (vermeintliche) Mehrheit der Freitaler hätte deshalb das Recht, über das Schicksal der Flüchtlingen zu entscheiden, ist trotzdem Quatsch: Auch wenn es offenbar Menschen gibt, denen das Gefühl der Mitmenschlichkeit gegenüber vor Krieg und Armut Fliehenden fehlt, ist das Grundrecht auf Asyl immer noch im Grundgesetz festgeschrieben. Daran ändern auch die Freitaler nichts. Oder wie Flüchtlingsunterstützer Micha aus Dresden es am Freitag formulierte: „Wenn nicht einmal die Polizei in Freital, die Flüchtlinge vor ihren Nachbarn schützen will, dann müssen wir es eben tun.“

4. Die meisten Gegner der Flüchtlingsunterkunft sind keine Nazis. Aber das macht die Sache nicht besser.

volksgemeinschaft

Besorgter Freitaler Bürger: Hat nichts gegen Flüchtlinge, solange sie nicht nach Freital kommen.

Die meisten Flüchtlingsgegner sehen sich selbst „als ganz normale Freitaler Bürger“. Damit haben sie wahrscheinlich recht, aber das macht die Sache nicht besser, eher schlimmer. Denn die Parolen jener „besorgten Bürger“ lassen sich kaum von denen unterscheiden, die man auf Nazi-Aufmärschen hört: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“, „Linksfaschisten!“, „Lügenpresse!“, oder die etwas umständlichere Version von „Ausländer raus“: „Kriminelle Ausländer? Raus, Raus, Raus! Und alle anderen? Raus!“ Aus den wenigen Teilnehmern, die bereit waren, mit mir zu reden, waren kaum echte „Sorgen“ abseits rassistischer Klischees herauszubekommen: Einer klagte über „triebgesteuerte Zugezogene“ und darüber, dass Frauen und Kinder in Freital nicht mehr sicher seien. Ein anderer erklärte nach einem vorgeschobenen „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber…“ ausführlich seine Theorie vom abgegrenzten „Miteinander“ unterschiedlicher Volksgemeinschaften, die die „Imperialisten“ mit Flüchtlingsströmen versuchten zu zersetzen. Deshalb: Ob in Küchenschürze, Trainingshose oder Bomberjacke, Rassismus verbreiten die Flüchtlingsgegner alle.

5. Richtige Neonazis gibt es dennoch viele. Und das macht die Sache noch schlimmer.

Unter lautem Applaus der „besorgten Bürger“ kam am späten Freitagnachmittag eine Gruppe von rund 40 Hooligans anmarschiert. Viele von ihnen trugen für die Nazi-Szene typische Klamotten,  Codes und Tattoos; andere versuchten nicht einmal ihre Gesinnung zu chiffrieren: Einer trug ein T-Shirt mit „I love NS“-Aufdruck, mindestens dreimal drückten Fotografen rechtzeitig den Auslöser, als Teilnehmer der Kundgebung den Hitlergruß zeigten. Zwei Neonazis wurden von der Polizei festgenommen, nachdem sie „Sieg Heil“ gerufen hatten. Ich habe mich gefragt, ob die Differenzierung zwischen Neonazis und „normalen“ Rassisten überhaupt eine Rolle spielt. Die Antwort gaben die Neonazis selbst Freitagnacht: Rund zwei Dutzend von ihnen zogen pöbelnd und mit Steinen und Flaschen werfend durch die Stadt, mindestens ein linker Aktivist wurde dabei verletzt. Mindestens zweimal wurden Flüchtlinge in den letzten Wochen durch Neonazis verprügelt. Auch wenn man kein Neonazi sein muss, um rassistische Einstellungen zu vertreten, sind es doch meist sie, die die Forderungen der „besorgten Bürger“ (Ausländer raus) schließlich praktisch werden lassen.

hitlergruss

Hitlergruß, „Sieg Heil“-Rufe, NS-Symbolik: Die Freitaler Anti-Asyl-Demonstranten haben offenbar kein Problem damit, dass Nazis bei ihnen mitlaufen.

6. Die Regierenden in Freital sind Teil der Anti-Flüchtlingsbewegung.

Spätestens dann, wenn der Protest der eigenen „besorgten Bürger“ das Image der Stadt schädigt, beeilen sich Politiker immer wieder mit ihren Bekenntnisfloskeln zu Demokratie und Toleranz – auch, wenn sie es waren, die durch ihre Politik zur Akzeptanz fremdenfeindlicher Einstellungen beigetragen haben. In Freital ist das nicht anders. Sowohl Noch-Oberbürgermeister Klaus Mättig als auch sein designierter Amtsnachfolger Uwe Rumberg (beide CDU) sind Gegner der Unterbringung von Flüchtlingen in ihrer Stadt. Im Wahlkampf forderte Rumberg Sanktionen gegen „pöbelnde und gewalttätige Asylbewerber“. Zu den Angriffen auf Flüchtlinge in seiner Stadt hörte man von Mättig so gut wie gar nichts.

7. Es sind nicht viele, die in Freital gegen Flüchtlinge protestieren. Aber die „sächsischen Verhältnisse“ demonstrierten mit.

Im Verhältnis zur medialen Aufmerksamkeit (am Freitag standen vier Übertragungswagen vor der Flüchtlingsunterkunft) erscheint die Anzahl der Anti-Asyl-Demonstranten auf den ersten Blick lächerlich gering: Gerade einmal 150 Menschen skandierten am Freitag gegen das, was sie für „Asylmissbrauch“ halten. Die Mischung aus verhaspelten Parolen, Hausfrauenoptik und Sächsisch wirkte oft eher belustigend als bedrohlich. Neben „Linksfaschist“, und „Lügenpresse“ war „Wos grinnsden so bleede!?“ konsequenterweise der häufigste Kommentar, den ich von den Anti-Asyl-Demonstranten am Freitag zu hören bekam. Ein Grund, warum die Proteste trotz der relativ geringen Teilnehmerzahl so wirkungsvoll waren,  sind die berüchtigten „sächsischen Verhältnisse“: Eine (Landes)Politik, die Stereotype gegen Flüchtlinge schürt anstatt sie zu bekämpfen; Anmeldebehörden, die jede Nazi-Kundgebung einspruchslos durchwinken; eine Polizei, die ihren Job nicht macht und durch linke Aktivisten ersetzt werden muss. Auch sie gehören zur Anti-Flüchtlingsbewegung Freitals.

 8. Freital hat kein Flüchtlingsproblem, die Flüchtlinge haben ein Freital-Problem.

Eigentlich sollte es klar sein, aber zur Sicherheit noch mal: Freital hat 40.000 Einwohner, 400 davon sind Flüchtlinge. Das ist ein Prozent. Das ist weniger als das Bevölkerungswachstum von Freital im Jahr 2013. Das ist kein „Problem“. Es gibt keine signifikante Steigerung der Kriminalitätsrate durch den Zuzug der Flüchtlinge. Es gibt keine Beweise dafür, dass an irgendeinem der Stereotype, die Freitaler über ihre neuen Nachbarn verbreiten, irgendetwas dran ist. Nichts! Es gibt in Freital keine Bewegung krimineller Ausländer, die die biodeutsche Bevölkerung der Stadt terrorisiert. Was es gibt, ist eine Bewegung aus Nazis, „besorgten Bürgern“ und politischen Eliten, die ihre Verlustängste und ihren Rassismus an den Schwächsten ihrer Nachbarn abreagieren.

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