Warum Meerschweinchen nicht schwimmen und auch Araber Antisemiten sein können

Es ist nicht immer einfach mit der deutschen Sprache: Die Erdbeere ist eigentlich eine Nuss. Die Autobatterie lässt sich aufladen als wäre sie ein Akku. Und keine Schmetterlingsart ist bekannt, die tatsächlich Zitronen faltet. So weit, so egal: Denn im Zweifel hilft das Lexikon.

In solch einem findet sich meist auch ein Eintrag zum Begriff Antisemitismus. Der ehemalige Chef des Zentrums für Antisemitismusforschung Wolfgang Benz definiert diesen zum Beispiel als „die Gesamtheit judenfeindlicher Äußerungen, Tendenzen, Ressentiments, Haltungen und Handlungen unabhängig von ihren religiösen, rassistischen, sozialen und sonstigen Motiven.“

Eine eindeutige Sache, könnte man meinen. Doch während kaum jemand auf die Idee kommt, sein Meerschwein so lange schwimmen zu lassen, bis ihm ein Ringelschwanz wächst, besteht beim Begriff Antisemitismus chronische Verwirrung.

Vor allem dann, wenn irgendwo antisemitische – also judenfeindliche – Slogans skandiert, jüdische Grabsteine geschändet oder Forschungen zum Thema veröffentlicht werden, kann man kann sich sicher sein, dass sich sogleich Sprachpuristen zur Rettung aufschwingt – nicht der angegriffenen Juden, sondern des Begriffes „Semit“.

Antisemitismus – liest man dann in Foren, Facebook-Posts und Kommentar-Spalten – gebe es nicht, sei nicht so schlimm oder treffe eigentlich ganz andere Menschen, weil sich dieser gegen Semiten richte. Das sage schließlich schon das Wort. Und Semiten, das seien auch Araber, also z.B. man selbst und gegen sich selbst sei man nicht, das würde man ja merken.

Mit dieser Argumentation begibt man sich allerdings – sofern man sich nicht gerade auf einem Philologenkongress befindet – in bedenkliches Fahrwasser. Denn der „Semit“ in „Antisemit“ ist ähnlich wie „Arier“ eine Schöpfung völkischer Rassen“wissenschaft“ler des 19. Jahrhunderts. Mit dem neuen Begriff „Antisemitismus“ wollten sie dem alten Phänomen Judenhass eine frische wissenschaftliche Legitimation verleihen. Auf lange Sicht scheiterte der Versuch glücklicherweise. Doch der Begriff blieb.

Wissenschaftliche Verwendung findet „Semit“ heute ansonsten nur noch in der Sprachwissenschaft. Dass Philologen mit dem Begriff anders als die Rassenkundler des 19. Jahrhunderts nicht Juden, sondern alle Sprecher semitischer Sprachen und damit vor allem Araber bezeichnen, mag verwirren. Es ändert aber nichts daran: Begriffe sind das, was wir aus ihnen machen. Egal ob sie etymologisch, vor einhundert Jahren oder „eigentlich“ (mein Favorit) mal etwas anderes bedeuteten.

Sich an dieses einfache Prinzip zu halten, hilft übrigens auch bei anderen Begriffsverwirrungen:. Ja, Rassismus gibt es wirklich, obwohl (eigentlich viel mehr weil) es keine Menschenrassen gibt. Mit Islamophobie, Xenophobie oder Homophobie meinen wir die Diskriminierung von Menschengruppen, auch wenn die Begriffe eher an Angststörungen erinnern.

Und Antisemitismus bezeichnet den ganz realen Hass auf Juden, so wie Heuschnupfen eben eine Allergie gegen Pollen. Und für alle, die jetzt immer noch „Aber…“ rufen: Ja, auch KZs gab es. Selbst wenn sich „Konzentrationslager“ besser mit „KL“ abkürzen ließe.

Das Aufmacherbild zeigt einen nackten liegenden Noah mit seinen Söhnen Japhet (rechts), Cham (mitte) und dem unfreiwilligen Stifter aller (anti)semitischen Begriffsverwirrung Sem (links). Gemalt hat „Die Trunkenheit Noahs“ der italienische  Künstlers Giovanni Bellini im Jahr 1515.

*Nachtrag: Mir ist leider ein schwer Fehler unterlaufen. Meerschweinchen können doch schwimmen. Danke @Pumpgunpoet für den Hinweis.

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