Mehr als ein Rock: Frankreichs anti-muslimischer Säkularismus

In Frankreich wird ein muslimisches Mädchen aus der Schule geworfen weil ihr Rock zu lang ist. Nein, das ist kein krasser laizistischer Einzelfall, sondern Ausdruck staatlicher Islamfeindlichkeit.

Eine 15-jährige Schülerin wird wegen der Länge ihres Rockes nach Hause geschickt. Klingt ein bisschen nach saudischer Religionspolizei. Passiert ist es aber in Frankreich. Der Rock war der Schulleitung nicht zu kurz, sondern zu lang und damit zu islamisch.

skirtDie beiden Fälle, über die am Mittwoch auch viele deutsche Medien berichteten (z.B. hier, hier oder hier), trugen sich laut einer französischen Regionalzeitung am 16. und 24. April zu. Im Ort Charleville-Mézières nahe der Grenze zu Belgien hatte die Schuldirektorin der 15-jährigen Sarah den Zutritt zum Klassenraum verweigert und sie angewiesen, in ihrem 25 Kilometer entfernten Zuhause zuerst den Rock zu wechseln. Ihr Rock sei „wirklich nichts Besonderes“ sei habe „kein religiöses Zeichen“, versichert hingegen die Schülerin. Sogar ihr Kopftuch habe sie jeden Tag vor Betreten der Schule abgelegt.

Der Grund für den Vorfall: Das Zurschaustellen religiöser Symbole ist in Frankreichs Schulen verboten. Fast alle Medien berichten über den säkularen Hintergrund der Entscheidung, der offenbar alle Formen von Religiosität gleichermaßen einschränke: Spiegel Online schreibt zum Beispiel:

In Frankreich verbietet das Gesetz nicht nur das Tragen des islamischen Schleiers oder der jüdischen Kippa in staatlichen Schulen, sondern untersagt auch sonst demonstrativ religiöse Kleidung.

Auch der Gesetzestext klingt erst einmal streng laizistisch. Im „Code de l’education“ steht:

In Schulen, Hochschulen und öffentlichen Schulen ist das Tragen von Zeichen oder Kleidung, mit dem die Schüler offen eine Religionszugehörigkeit zum Ausdruck bringen, untersagt.

Nur die Praxis ist wie so oft eine andere. 130 muslimischen Mittelschülerinnen erging es allein im letzten Jahr wie Sarah, berichtet das „Collectif contre l’Islamophobie en France“ (CCIF). Über christliche Schüler, die ihr Kreuz ablegen musste, finden sich hingegen keine Medienberichte.

Forscher der Stanford- und Sorbonne-Uni haben die Auswirkungen von Frankreichs säkularer Gesetzgebungen auf die dort lebenden Muslime untersucht und bestätigten deren einseitigen Schieflage. Das Ergebnis der sechsjährigen Vergleichsstudie zwischen Christen und Muslimen:

„Unsere Studie zeigt deutlich, dass muslimische Migranten mehr Feindseeligkeiten in Frankreich ausgesetzt sind als ihre christlichen Gegenstücke. Deshalb haben sie wenig Anlass ihre eigenen kulturellen Normen aufzugeben und sich eng mit der französischen Kultur und Gesellschaft zu identifizieren. Dieser Rückzug verstärkt anti-muslimisches Diskriminierung in Frankreich noch zusätzlich.“

Wozu das führt, hat ebenfalls das CCIF dokumentiert: 222 islamfeindliche Vorfälle gab es nach Zählung der Organisation in Frankreich in den ersten drei Monaten dieses Jahres, sechsmal so viele wie im Vorjahreszeitraum.

Oder um es mit Twitter zu sagen:

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