Orient im Abendland #03: Berlins Neue Synagoge

Es gab eine Zeit da sorgten "islamische" Bauvorhaben hierzulande nicht für Proteste, sondern für Begeisterung. Teil 3 der Serie über orientalistische Architektur in Europa.

Mitten in Berlins erhebt sich einer der prächtigsten islamischen Kuppelbauten Westeuropas. So scheint es auf den ersten Blick zumindest. Sieht man sich das Gebäude in der Oranienburger Straße allerdings genauer an, erlebt man nicht nur eine, gleich zwei Überraschungen: Denn erstens steckt unter der orientalischen Kuppel keine Moschee, sondern eine Synagoge. Und zweitens: Stimmte auch das lange nicht. Aber von vorn.

Berlins Neue Synagoge auf einem Ölgemälde des belgischen Malers Emil Pierre Joseph de Cauwer von 1865. Quelle.

Es war eine Zeit der Aufbruchs, als Berlins jüdische Gemeinde im Jahr 1859 den Grundstein für ihre “Neue Synagoge” legte. Nach Jahrhunderten der Diskriminierung waren Juden in den Jahrzehnten zuvor den Bürgern Preußens rechtlich weitgehend gleichgestellt worden. Das unter Friedrich Wilhelm III. erlassene „Preußische Judenedikt“ sah unter anderem vor, dass sich Juden in Preußen weitgehend frei bewegen, beinahe jedes Gewerbe ausüben und eigenen Grundbesesitz erwerben konnten.

Mit fast 30.000 Menschen erlebte die jüdische Gemeinde Berlins neue Mitgliederrekorde. Bald schon genügte die zwischen Hackescher Markt und Alexanderplatz gelegene „Alte Synagoge“ nicht mehr den Anforderungen des wachsenenden Gemeindelebens.

Die „Neue Synagoge“ sollte aber nicht nur mehr Platz bieten, sie sollte auch das neue Selbstbewusstsein der Gemeinde nach Außen sichtbar machen: Nicht in irgendeinem Hinterhof, sondern mit prachtvoller Fassade und Kuppel sollte der Neubau den Anspruch der jüdischen Gemeinde auf gesellschaftliche Teilhabe symbolisieren.

Als Vorbild für den Synagogenbau diente dem Architekten Eduard Knoblauch nichts Geringeres als die Alhambra im spanischen Granada. Schließlich hatten im Andalusien des 9. bis 12. Jahrhunderts Juden schon einmal ein „Goldenes Zeitalter“ erlebt.

Wie im Falle anderer pseudoislamischer Bauten nahm es Knoblauch mit dem „maurischen“ Stil aber nicht allzu ernst. Erinnern Fassade und die vorgesetzten Säulen der Synagoge noch eindeutig an die andalusische Stadtburg, ähnelt die Kuppel eher an den 1822 fertiggestellten “Royal Pavillion” aus dem südenglischen Brighton. Dieser wiederum war einem Herrscherpalast aus der indischen Mogulzeit nachempfunden.

Auch bei der Gestaltung des Innenraums bewegte sich Koblauch auf neuen Pfaden: Der riesige dreischiffige Sakralbau mit Platz für 3.000 Menschen erinnerte nicht nur wegen seiner Orgel eher an eine christliche Kirche.

Vorbild für viele pseudoislamische Bauten in Europa: das ebenfalls pseudoislamische Royal Pavillion im Süden Englands. Quelle.

Die Öffentlichkeit störte sich nicht am auffällig ungewöhnlichen Stil. Im Gegenteil: Preußens König Wilhelm I. besuchte die Baustelle, zur Eröffnung 1866 kam neben dem „Who is Who“ der Berliner Politik auch der preußische Ministerpräsident und spätere Reichskanzler Otto von Bismarck.

Die Berliner Morgenzeitung schrieb, was heute wohl wütende Leserkommentare provozieren würde: „Es ist ein Gebäude, welches mitten in die moderne prosaische Welt die Wunder des Orients uns vor das Auge zaubert.“ Und der Schriftsteller Theodor Fontane kommentierte in der überregional erscheinenden Kreuzzeitung begeistert, dass die Neue Synagoge „an Pracht und Großartigkeit der Verhältnisse alles weit in den Schatten stellt, was die christlichen Kirchen unserer Hauptstadt aufzuweisen haben.“

Spätestens mit der nationalsozialistischen Machtübernahme war es aus mit der Begeisterung. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 versuchten Angehörige der SA auch die „Neue Synagoge“ in Brand zu setzen. Dass dies nicht gelang, ist dem Berliner Polizisten Wilhelm Krützfeld zu verdanken.

Berlins “Neue Synagoge”: außen Moschee, innen Kirche. Nach schwerer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde der Innenraum 1958 gesprengt. Quelle.

Mit Worten und Waffengewalt soll er die Braunhemden erst zum Rückzug gezwungen und anschließend mit Verweis auf den Denkmalschutz die Feuerwehr zu Löschen motiviert haben. Nach einem letzten Gottesdienst am 14. Januar 1943 übernahm die Wehrmacht dann doch das Gebäude. Aus der Synagoge im Moschee-Look wurde ein Lager für Wehrmachtsuniformen.

Durch britische Bomber schwer beschädigt überlebte das Gebäude zunächst den Zweiten Weltkrieg. Was die Bomben übrig gelassen hatten, diente den Berlinern der Nachkriegszeit als Steinbruch. 1958 wurde der eindrucksvolle Innenraum wegen Einsturzgefahr gesprengt, nur Teile der Fassade und die Kuppel überlebten.

Seit 1998 beten wieder Juden in der Oranienburger Straße. Andreas Praefcke, CC3.0

Erst im Jahr 1988 endete der zunehmende Verfall des Gebäudes und die Restaurierung von Fassade und Kuppel begannen. Mit dem Ziel, das Gebäude zumindest als Ort des Gedenkens am Leben zu erhalten, gründete sich im Vorfeld des 50. Jahrestag der Pogromnacht die „Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“, die mit Ausstellungen bis heute über die Geschichte des Gebäudes informiert.

Bis auch wieder jüdisches Gemeindeleben in das Gebäude einzog, dauerte es noch zehn weitere Jahre. 60 Jahre nachdem die Nazis der “Neuen Synagoge” das Ende bereiteten, eröffnete 1998 in einem Teil des Gebäudes die “Synagoge Oranienburger Straße”.

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