8 Gründe warum Spiegel TV die Goldene Kartoffel verdient hat

Für seine „verzerrte Berichterstattung“ zum Thema Clankriminalität hat Spiegel TV den Negativpreis Goldene Kartoffel erhalten. Den Preis haben sich die Reporter redlich verdient.

Zugegeben, auf den ersten Blick verwundert die Auswahl des diesjährigen “Goldene Kartoffel”-Preisträgers. Schließlich galten kriminelle arabische Clans bisher selbst den wokesten Rassismus-Kritiker:innen nicht als besonders schützenswerte Gruppe. Außerdem: Wenn Spiegel TV-Reporter oftmals unter Einsatz ihrer eigenen Gesundheit über Drogengeschäfte, Menschenhandel und Raubüberfälle berichten, sollte man ihnen dafür nicht Anerkennung zollen?

Nö. Denn mit echten Gefahren für die deutsche Gesellschaft beschäftigt sich Spiegel TV in seinen Beiträgen zur “Clankriminalität” nur selten. Hinter dem Anschein der investigativen Kriminalitätsberichterstattung verbergen sich rassistische Klischees und Feindbilder, wie sie im deutschen Fernsehen in dieser Plumpheit zum Glück nur noch selten verbreitet werden. Hier sind acht gute Gründe warum Spiegel TV die “Goldene Kartoffel” der Neuen Deutschen Medienmacher:innen mehr als verdient hat.

1. Weil Spiegel TV Rassismus produziert

Keine Frage, es ist richtig und wichtig, dass Journalist:innen über spezifische Formen organisierter Kriminalität innerhalb migrantischer Communitys berichten. Aber zu dieser Feststellung gehören drei weitere, die Spiegel TV-Zuschauer leider kaum zu hören bekommen:

  • Nur ein Bruchteil der Straftaten in Deutschland entfällt in die Kategorie „Organisierte Kriminalität“.
  • Nur ein Bruchteil der Organisierten Kriminalität in Deutschland geht auf das Konto arabischer „Clans“.
  • Nur ein Bruchteil der abertausenden Menschen in Deutschland, die den Familiennamen Miri, Rammo, al-Zain oder Abu-Chaker tragen, sind kriminell.

In der Welt von Spiegel TV ist Kriminalität hingegen vor allem eines: arabisch. Und Araber sind vor allem eines: kriminell. Dem gegenüber stellen die Reporter das Bild einer mal unschuldigen, mal naiven, auf jeden Fall bedrohten Mehrheitsgesellschaft. Das klingt zum Beispiel so:

  • „Kulturen prallen aufeinander: Arabische Clans und westliche Moderne.“
  • “Parallelgesellschaften mit Menschen, denen die Werte und Regeln Deutschlands wenig bedeuten.“
  • „Die Rudelbildung ist ihre Hauptwaffe in unserer offenen Gesellschaft.“

Alle diese Aussagen fielen übrigens in weniger als fünf Minuten eines einzigen von Spiegel TV für ARD und ZDF produzierten Beitrages. Und es gibt dutzende davon.

Wenn Spiegel TV-Reporter Menschen mit arabischen Wurzeln in Szene setzen, erinnert das häufig eher an moderne Völkerschauen als an seriöse journalistische Auseinandersetzungen mit einem wichtigen gesellschaftlichen Problem:

Testosterongesteuerte Islam-Hillbillys rasen da auf dem Weg zum nächsten Machetenkampf mit ihren zwangsverheirateten Töchtern in Protzkarren über den Kudamm und haben dabei nur eines im Sinn: die unschuldige deutsche Mehrheitsgesellschaft durch zu hohe Kindergeldzahlungen und Juwelendiebstähle in die Knechtschaft zu treiben.

Irgendwo dazwischen versteckt der Spiegel-TV-Reporter ab und zu den Hinweis, dass all dies freilich nur auf eine kleine Minderheit zutreffe, aber da geifert auch schon der nächste Rammo in die Kamera.

2. Weil Spiegel TV gefährliche Verschwörungstheorien verbreitet

Die Zeiten, in denen Der Spiegel rechte Überfremdungsmythen unverstellt auf seinem Cover abdruckte, sind zum Glück (oder hoffentlich?) vorbei.

Wer heute gegenüber einer bürgerlichen Öffentlichkeit vor der “Islamisierung” warnen will, bedient sich zeitgemäßer Chiffren: Etwa dem “Politischen Islam”, der die Demokratie unterwandere oder eben “arabischen Clans”, welche drohen, deutsche Innenstädte zu übernehmen. Letzteren Verschwörungsmythos verbreitet niemand so ungehemmt wie Spiegel TV.

Das klingt zum Beispiel so: „Kriminelle arabisch-stämmige Clans haben in Berlin, Bremen, Dortmund oder Essen über Jahre Großstadtkieze erobert.“

Oder so: „Kriminelle Clans und ihre Imperien sind mittlerweile zu einer Bedrohung für die deutsche Zivilgesellschaft geworden. Es haben sich Parallelgesellschaften etabliert, die nicht zu kontrollieren sind.“

Ob sie es nun “Islamisierung” oder “Eroberung unserer Großstadtkieze” nennen, eines hat sich nicht geändert: Das Publikum, das solche Überfremdungsmythen dankbar in sein rassistisches Weltbild integriert. Wer einen Eindruck bekommen möchte, welche Welle an Gewalt-, Erniedrigungs- und Vernichtungsfantasien Spiegel TV mit jedem seiner Beiträge auslöst, sei ein Blick in die Youtube-Kommentare der Beiträge empfohlen.

3. Weil Spiegel TV selbst bei schwersten Anschuldigungen auf Belege verzichtet

Die so konstruierte Drohkulisse verschafft den Clan-Reportagen nicht nur ihre sonst nur wenig vorhandene gesellschaftliche Relevanz, sie kreiert auch ein Setting, in dem sich so ziemlich alles behaupten lässt.

Wer sich vom allgegenwärtigen Weltuntergangsnarrativ nicht ablenken lässt, wird schnell feststellen: Spiegel-TV-Reportagen bestehen zu einem großen Teil aus aneinandergereihten Behauptungen, die gar nicht oder nur sehr unzureichend belegt werden.

„Auch in Bremen gibt es Clan-Mitglieder, die den Rechtsstaat konsequent ablehnen”, berichtet zum Beispiel der Erzähler dieser Spiegel TV-Reportage und verweist zum Beweis auf “ein Video, das SpiegelTV exklusiv vorliegt” (ab 5:50min).

Dieses zeigt allerdings keine rechtstaatfeindlichen Clan-Mitglieder, sondern nur einen Typen, der sich in einer Zelle auf die Brust schlägt, bevor er von sieben Polizisten (!) zum Polizeifotografen gebracht wird.

Die Einfach-mal-behaupten-Taktik funktioniert auch mit ganzen Stadtteilen: „Ganze Straßenzüge im Berliner Wedding werden von Drogenhändlern dominiert“, erfahren die Zuschauer im selben Beitrag. Wie die Reporter darauf kommen, erfahren sie nicht.

4. Weil Spiegel TV unkritisch die Angaben der Polizei übernimmt

Das Phänomen, zu unkritisch mit Polizeiangaben umzugehen, kennt man von vielen Journalist:innen. Aber in wenigen Beiträgen vermengen sich journalistische Argumentation und die Agenda von Sicherheitsbehörden so harmonisch zu einer gemeinsamen Erzählung wie in den “Clan-Reportagen” von Spiegel TV.

Nahtlos reihen sich dort Aussagen von Polizisten, Staatsanwältinnen, Reportern und “Expertinnen” aneinander; ergänzen und bestätigen einander und kumulieren in der gemeinsamen Erzählung von der arabischen Unterwanderung und der Notwendigkeit zur harten Gegenwehr des deutschen Staates.

Einordnende Kommentare, Kontrastierungen, gar Kritik an den Äußerungen des Kripo-Leiters und Security-Chefs liefern Spiegel TV-Reporter so gut wie nie. Dabei gibt es jede Menge Kritikwürdiges am politischen und behördlichen Umgang mit “arabischer Clankriminalität“.

5. Weil Spiegel TV wesentliche Aspekte des Themas ignoriert

Der Fokus auf das “Law & Order”- und “Null-Toleranz”-Framing deutscher Sicherheitsbehörden hat auch zur Folge das wichtige Aspekte des Themas so gut wie nie vorkommen: Struktureller Rassismus, polizeiliche Schikane, die Kriminalisierung von Menschen, die sich nie etwas zu schulden haben kommen lassen…

Spiegel TV-Zuschauer erfahren nichts darüber, wie es schwer es für Menschen mit dem Nachnahmen Miri, Rammo, al-Zain oder Abu-Chaker aufgrund politischer und medialer Diffamierung ist, eine Wohnung oder einen Job zu finden.

Selten informiert ein Spiegel TV-Reporter über die Folgen von Gettoisierung, fehlenden Arbeitserlaubnissen, gesellschaftlicher Ausgrenzung und Ketten-Duldungen. Statt differenzierten Auseinandersetzungen mit den Ursachen von Kriminalität und Desintegration, gibt es platte und stigmatisierende Pauschalurteile à la „die protzen eben gern mit dicken Auto und wollen den deutschen Sozialstaat ausnutzen.”

6. Weil Betroffene/ Beschuldigte nicht zu Wort kommen

Während Leute wie Security-Mann Michael Kuhr, BDK-Chef Sebastian Fiedler oder “Clan-Experte” Ralph Ghadban zum festen Ensemble jeder Clan-Reportage gehören, kommt eine Gruppe auffällig selten zu Wort: Clan-Mitglieder (sowohl die echten als auch die vermeintlichen).

Arabischstämmige Menschen werden in Spiegel TV-Beiträgen in der Regel nur in zwei Rollen besetzt: Als wütender, den Reporter beschimpfender und nach der Kamera schlagender Irrer. Oder als Aussteiger oder Insider, der meist in anonymisierter Form noch einmal die wildesten Träume eines jeden Spiegel TV-Reporter bestätigt.

Die Möglichkeit, Beschuldigte und Betroffene ruhig und sachlich zu erhobenen Vorwürfen Stellung beziehen zu lassen, ohne ihnen zuvor hinter einem Busch oder vor der Privatwohnung mit einem Kamera-Team aufzulauern, sehen Spiegel TV-Reportagen nicht vor.

Dass die Einhaltung journalistischen Basics durchaus auch beim Thema Clan-Berichterstattung möglich ist, zeigen Dokus zum Thema, die nicht von Spiegel TV produziert wurden.

Auch in dieser WDR-Doku wird den Vorwürfen von Polizei und Staatsanwaltschaft viel Platz eingeräumt. Aber hier dient der von einer Razzia betroffene Betreiber einer Shisha-Bar nicht nur als Staffage, sondern darf vor der Kamera zu den Anschuldigungen Stellung nehmen und seine Sicht der Dinge schildern.

7. Weil Spiegel TV Kriminellen eine Bühne zur Selbstinszenierung bieten

Vor einigen Wochen veröffentlichte “Clanchef” Mahmoud Al-Zein seine Autobiographie. Der Name dieses “schonungslosen Blicks hinter die Kulissen der arabisch-libanesischen Clans”: “Der Pate von Berlin”.

Zu diesem Titel verholfen haben Al-Zein sicherlich allerlei kriminelle Machenschaften aber auch jahrzehntelange Berichterstattung durch Spiegel TV-Reporter, die Al-Zain immer wieder genauso darstellen wie er sich selbst: gewalttätig, skrupellos, mächtig. Eine Win-Win-Situation für Spiegel TV und Clan-Boss.

Auch “Clan-Chef” Isa Rammo bekommt bei Spiegel TV immer wieder Screen Time. Der journalistische Mehrwert von dessen Selbstinszenierung ist gleich null. Das NDR-Magazin Zapp hat dazu einmal einen schönen Beitrag gemacht.

8. Weil Spiegel TV-“Reportagen” eher an Scripted Reality-Dokus erinnern

Seit Jahrzehnten decken Spiegel TV-Reporter schonungslos auf, was sich im Halbdunkel unserer Großstadtkieze abspielt. So oder so ähnlich klingt es zumindest im Eigenmarketing des Formats.

Demzufolge scheint in der Welt der kriminellen Clans allerdings nicht allzu viel los zu sein. Denn das Erfolgsrezept von Spiegel TV-Reportagen besteht vor allem aus der endlosen Wiederverwertung von teils uraltem Material. Dieses wird ab und zu um Aufnahmen einer neuen Polizei-Razzia oder eines schreienden Rammo erweitert, neu zusammengestückelt, und fertig ist die nächste “exklusive” Doku.

Dort sind es die immer gleichen „spektakuläre Straftaten“, die Spiegel TV-Zuschauer:innen in Endlosschleife als Beleg für die arabisch-kriminellen Machtübernahme zu sehen bekommen: der Überfall auf ein Pokerturnier im Jahr 2010, der Überfall aufs KaDeWe von 2014, der Goldmünzen-Diebstahl im Bode-Museum von 2017…

Schlägereien, Razzien, Beerdigungen, Gerichtsverhandlungen… die oft Jahre und hunderte Kilometer auseinander liegen und deren Protagonisten nichts miteinander zu tun haben, werden durch ein paar schnelle Schnitte und Kommentare aus dem Off zu einer einheitlichen dramatischen Erzählung verwoben. Die scheinbar einzigen journalistischen Relevanzkriterien die Spiegel TV bei der Auswahl anzulegen scheint: Sind aggressive Araber zu sehen und haben wir entsprechendes Filmmaterial?

Gestopft werden dramaturgische Lücken mit allem, was das redaktionsinterne Klischeearchiv über Migranten, Muslime und Araber hergibt: Beef zwischen Gansterrapern, Protzkarre auf dem Kudamm, Sozialschmarotzer, Drogendealer….

Unterdessen gibt irgendeine Stimme den Deutungsrahmen vor: Unterwanderung, Kulturkampf, Staatsversagen. Vorzugsweise gehört sie einem geläuterten “Aussteiger”, hat Spiegel TV keinen zur Hand, übernimmt die Rolle ein “intimer Kenner” (Ralph Ghadban) oder “mutiger Politiker” (Heinz Buschkowsky oder Herbert Reul). Sind deren Ausführungen immer noch nicht dramatisch genug, macht der Spiegel TV-Sprecher es eben selbst.

Mit dieser Form der zusammengestückelten und durchgescripteten “Clan-Doku” ist Spiegel TV mittlerweile stilprägend für eine ganzes Genre. Medien wie BILD, RBB und RTL haben diese Art von “Reportagen” übernommen und ihr Vorbild in Sachen journalistischer Anspruch teils noch unterboten. Aber die nächste Goldene Kartoffel kommt bestimmt.


Das Aufmacherbild zeigt das Ölgemälde “Die Kartoffelernte” des ungarischen Malers László Pataky.

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2 Kommentare zu “8 Gründe warum Spiegel TV die Goldene Kartoffel verdient hat

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