Wie ich nach einer Burkaträgerin suchte und erst in einer BDSM-WG fündig wurde

Wer sich in Deutschland auf die Suche nach Burkaträgerinnen macht, lernt einiges über Frauen und ihre Schleier. Noch viel mehr lernt man allerdings über jene, die ständig über Burka, Niqab und Co. debattieren.

Die Burkadebatte ist zurück. In Schleswig-Holsteins diskutiert die schwarz-grün-gelbe Koalition seit Monaten über ein Schleierverbot an Universitäten. In Baden-Würtemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt planen Landesregierungen ihre Schulgesetze um ein „Burkaverbot“ zu ergänzen. In Hamburg sorgte ein Niqab-freundliches Gerichtsurteil für Empörung. Und auf Twitter eröffnete Friedrich Merz seinen Wahlkampf um den CDU-Vorsitz mit einem Statement gegen den islamischen Gesichtsschleier.

Nur eines sieht man auch in der 2020er-Neuauflage der Debatte selten: echte Burkaträgerinnen. Wie viele muslimische Frauen tragen in Deutschland eigentlich das meist blaue und in Afghanistan und Pakistan verbreitete Stoffgitter vor dem Gesicht? Das will ich herauszufinden.

(Den Text habe ich erstmals 2016 veröffentlicht und aus aktuellem Anlass noch einmal aktualisiert und erweitert.)

Ich wohne in Berlin. Verschleierte Frauen gehören in meinem Stadtteil zum Straßenbild und ab und ist mir auch schon einmal eine Frau entgegen gelaufen, die mittels Schleier ihre Augen verhüllt. Aber eine echte Burka habe ich noch nie gesehen.

Ein paar hundert Frauen in Deutschland tragen Niqab. Burkas habe ich aber noch nie gesehen.

Offizielle Zahlen darüber, wie viele Musliminnen in Deutschland ihr Gesicht nicht zeigen, gibt es nicht. Schätzungen gehen von ein paar Hundert aus. Die meisten von ihnen tun dies mittels des auf der Arabischen Halbinsel und zunehmend auch in Nordafrika beliebten, verhassten auf jeden Fall verbreiteten Niqab. Aber der interessiert mich für diese Recherche nicht.

Klar, für die Frage weiblicher Selbstbestimmung macht es wahrscheinlich keinen Unterschied, unter welchem Kleidungsstück die Frau unterdrückt wird. Trotzdem: Hier soll es nur um das Kleidungsstück gehen, dass der Debatte um ein Verbot der Vollverschleierung ihren Namen gab: die Burka.

Das Soziale Netz: Burkas wohin man schaut

Meine Recherche beginnt auf Facebook und Twitter. „Hat jemand von euch in Deutschland schon mal eine #Burka-Trägerin gesehen? Also wirklich Burka, nicht Niqab“, frage ich in die Tiefen meiner Social-Media-Bubble hinein und hänge zur Sicherheit eine Grafik mit an, die die verschiedenen Varianten der islamischen Verschleierung unterscheidet.

Es dauert nur wenige Sekunden, bis die ersten von ihren Burka-Sichtungen berichten. „Ja klar, schon oft, warum fragst du?“, ist eine typische Antwort. „Sehe ich hier in Berlin ziemlich häufig“ eine andere. In den nächsten Stunden erreichen mich Burka-Hinweise aus allen Teilen der Republik: Von Bochum bis Augsburg, von Frankfurt bis Hannover.

Ein Piratenpolitiker schreibt mit von Burka-Trägerinnen vor einer Orthopädie in Heidelberg. Bad Godesberg bei Bonn scheint bei Burka-Trägerinnen besonders beliebt zu sein, ebenso die Münchner Innenstadt und der Berliner Kuhdamm. Sogar einige wenige Fußminuten von meiner Wohnung entfernt soll eine Burka-Trägerin wohnen.

Offenbar gibt es doch wesentlich mehr Trägerinnen des afghanisch-pakistanischen Schleiers als ich dachte. Gedanklich skizziere ich schon einmal den Fragenkatalog für das erste Interview mit einer deutschen Burka-Trägerin. Ich bemühe mich jedem Fall nachzugehen, bitte um Vergleichsbilder, verweise darauf, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass saudische Touristinnen einen afghanischen Schleier tragen; erkläre, dass es auch den Niqab mit feinmaschigem Netz vor den Augen gibt.

Je genauer ich nachfrage, desto mehr Burka-Sichtungen lösen sich in Luft auf. Nach der ersten kurzen Euphorie folgt bald die Ernüchterung: Von Dutzenden Burka-Verdachtsfällen bleibt am Ende kein einziger bestätigter Fall übrig.

Die Behördenvertreterin: Keine Auskunft unter dieser Adresse

So hilfreich die Schwarm-Intelligenz in anderen Fällen auch sein mag, ich muss erkennen, dass sie mir hier erst einmal nicht weiterhilft. Stattdessen beschließe ich meine Recherche auf traditionell-deutsche Weise fortzusetzen: per Behördenanfrage.

Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erreiche ich Pressesprecherin Edith Avram. Hundertausende Flüchtlinge wandern durch die Korridore des BAMF, darunter sicherlich auch einige Vollverschleierte. Doch wieder komme ich nicht weiter. Zwar werde „das Alter, die Religionszugehörigkeit und ethnische Zugehörigkeit von Flüchtlingen erfasst“, erklärt mir Avram: „Uns liegen jedoch keine Statistiken über das Tragen von Burkas in Deutschland vor.“

Bei der Suche nach anderen Ansprechpartnern in deutschen Bundesbehörden, stelle ich fest: Ich bin nicht der erste, der versucht die Burka-Debatte um ein paar konkrete Zahlen zu bereichern. Schon im Dezember 2015 hatte der Grünen-Bundestagsabgeordneten Özcan Mutlu genau meine Frage gestellt. Nicht auf Twitter, sondern in einer parlamentarischen Anfrage an die Bundesregierung.

Antwort der Bundesregierung auf Anfrage von Grünen-Bundestagsabgeordneten Özcan Mutlu

Zu dieser Zeit hatten führende Unionspolitiker wie Julia Glöckner ein Verbot des Schleiers gefordert. Doch die Kompetenz der Bundesregierung erreicht noch nicht einmal das Niveau meiner Twitter-Freunde. Die Antwort des Innenministeriums: „Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse über die Anzahl von Burkaträgerinnen in Deutschland vor.“

Die selbsternannten Burka-Experten: Saudische Touristinnen sehe ich jeden Tag

Zurück im Netz quellen meine Posteingänge über mit Nachrichten. Offensichtlich scheine ich mit meiner Frage nach der Burka einen Nerv getroffen zu haben. Viele bedanken sich dafür, dass ich versuche Sachlichkeit in die Debatte zu bringen. Andere werfen mir vor, das Ausmaß islamischer Frauenunterdrückung kleinreden zu wollen.

Auf einige Follower überträgt sich meine Neugier und sie recherchieren mit. Einige stoßen im Netz auf ein Foto, das unzweifelhaft eine Burka-Trägerin zeigt. Und ebenso unzweifelhaft steht sie in einer Berliner U-Bahn-Station. Doch nach kurzer Recherche folgt erneut die Ernüchterung: Unter dem Schleier steckt keine Muslimin, sondern eine Journalistin der BILD-Zeitung.

Ein anderes Foto zeigt zwei Burka-Trägerinnen vor dem Brandenburger Tor. Doch bei ihnen handelt es sich um Aktivistinnen, die in der Burka gegen die Burka protestieren. Bei der großen Mehrheit der Zusendungen handelt es sich weiterhin um Sichtungen von Touristinnen vom Golf und Bilder von unzähligen Niqab-Varianten.

Dabei fällt mir eine Sache auf: Selbst wenn ich Leute auf den Unterschied zwischen Burka und Niqab hinweise, bestehen viele auf der Echtheit ihres Funds. Mehr noch: Einige fühlen sich regelrecht angegriffen, wenn ich ihre Burka-Kompetenz infrage stelle und beharren auf der eigenen Expertise in Fragen afghanischer Damenbekleidung.

Der Islamwisschenschaftler: Burka ist eine Erfindung der Medien

Mich interessiert: Warum glauben so viele Menschen Burkas zu sehen, wo gar keine sind? Mit dieser Frage wende ich mich an Andreas Ismail Mohr. Der Islamwissenschaftler lehrt Arabistik an der FU-Berlin. Mohr klärt mich zuerst darüber auf, dass auch ich die Begriffe falsch verwende: Eigentlich heiße der Schleier, nach dem ich suche , nicht Burka, sondern Tschadori (vom Persischen Tschador für Zelt). Der Begriff Burka (vom Arabischen burqu für Gesichtsschleier) sei „bis 2000 in deutschen Medien praktisch unbekannt“ gewesen, sagt Mohr: „Dass jetzt alle glauben, Frauen mit einer ‚Burka‘ gesehen zu haben, liegt an diesem Medienhype. Davor wussten selbst die meisten verschleierten Frauen nichts mit dem Begriff anzufangen.“

Aber egal ob man den afghanischen Schleier nun Burka, Burqu oder Tschadori nennt: Bei der Suche nach einer Frau, die ihn trägt, kann mir Mohr auch nicht helfen: „Ich sah mal eine Peschawar, 1989“, sagt Mohr. Aber in Deutschland sei ihm in seinem Leben noch nie eine begegnet. Mehr noch: Er bezweifle sogar, dass es überhaupt eine gibt.

Die Burka-Gegner: Aus Burka wird Burka/Niqab

Könnte er tatsächlich Recht haben? Sollten all die Berichte über Burka tragende Frauen in Deutschland tatsächlich nur eine Suggestion der medialen Islam-Berichterstattung sein? Waren es am Ende die Burka-Gegner selbst, die die Burka in die Welt gesetzt haben? Haben Leute wie Jens Spahn und Friedrich Merz ihr Feindbild selbst erschaffen?

Ich beschließe, bei ihnen selbst nachzufragen und schreibe ein paar Leute an, die mir spontan als prominente Burka-Gegner einfallen: Jens Spahn natürlich, Erika Steinbach, Julia Glöckner, die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Doch niemand möchte mir über seine Burka-Funde berichten.

Auf Twitter erzählt mir schließlich der CDU-Bundestagsabgeordnete Phillip Lengsfeld, schon einmal eine Burka-Trägerinnen gesehen zu haben. Doch als ich ihm meine Erklärgrafik schicke, schreibt auch er nur noch von „Burka/Niqab-Trägerinnen“ und schickt mir Bilder saudischer Touristinnen.

Die Frauenrechtlerin: Es kommt auf den Mensch unter dem Schleier an

Schließlich frage ich bei der vielleicht kompromisslosesten Burka-Gegnerin nach. Seit Jahren fordert Alice Schwarzer nicht nur ein Verbot der Vollverschleierung. Auch das Kopftuch lehnt sie als „islamisches Herrschaftssymbol“ ab. Auf ihrer Website spart sie nicht mit drastischen Worten, schreibt von „unheimlichen Burka-Gestalten vor dem Schultor“, vom „Leichentuch“, vom „Burka-Terror“.

Statt Schwarzer antwortet mir ihre Emma-Kollegin Chantall Louis. Sie schreibt, dass es beim Burka-Verbot nicht um das Kleidungsstück, sondern „um den Menschen, der unter Burka oder Niqab steckt“ und um „die prinzipielle Frage der Menschenwürde geht“.

Ich stimme ihr zu und frage dennoch, ob sie mir Hinweise auf echte Burka-Trägerinnen geben könnte. Auch Louis ist sich sicher, in Köln schon Burka-Trägerinnen gesehen zu haben und schickt mir drei Presseberichte: All drei beinhalten Fotos von vollverschleierten Frauen. Zwei von ihnen tragen den Niqab. Doch der dritte Bericht zeigt tatsächlich eine Burka-Trägerin. Der Bericht handelt von einer Muslimin aus Frankfurt, die wegen ihres Schleiers aus einem Kurs der Volkshochschule geworfen wurde.

Es ist unwahrscheinlich, dass das Foto tatsächlich besagte Frau zeigt. Bei welchem Volkshochschulkurs sind schon Pressefotografen anwesend? Aber zweifellos ist auf dem Bild eine Burka-Trägerin zu sehen. Wo es aufgenommen wurde, verrät die Bildunterschrift allerdings nicht. Also kontaktiere ich den Fotografen. Doch nachdem ich ihm sage, dass ich das Foto nicht kaufen, sondern nur wissen will, wo es aufgenommen wurde, meldet er sich nicht mehr.

Es dauert eine Weile, aber schließlich gelingt es mir dennoch, den Ort der Aufnahme herauszufinden: Wiesbaden. Die Recherche führt mich zur Website eines Kunstvereins. Dort steht geschrieben: „In dieser Ausstellung kann der Besucher nachempfinden, wie es sich unter der Burka lebt.“ Das Foto zeigt tatsächlich eine Burka-Trägerin. Doch bei ihr handelt es sich nicht um eine fromme Muslima, sondern eine Ausstellungsbesucherin auf Burka-Selbstterfahrungstrip.

Die Burka-Verkäuferin: Ich kann ihnen andere schöne Schleier anbieten

Ich beschließe, dass es Zeit wird, die Suche systematischer anzugehen. Bisher ließ ich mich von einem Hinweis zum nächsten treiben, suchte in der Öffentlichkeit nach Menschen, die die Öffentlichkeit doch eigentlich meiden. Anstatt Twitter-Freunde und Politiker zu befragen, die genauso wenig Ahnung von der Lebenswirklichkeit muslimischer Frauen haben wie ich, wäre es nicht besser vom Alltagsleben potenzieller Burka-Trägerinnen auszugehen?

Mit einem freundlichen „As-Salam Aleikum“ begrüßt mich die Verkäuferin im islamischen Klamottenladen in Düsseldorf. Hier gibt es Schleier in allen Farben und Formen, dazu Handschuhe, Strümpfe, Kopftücher. Nur eines finde ich auch hier nicht. Nein Burkas, habe sie nicht, enttäuscht mich die Verkäuferin. Sie könnte mir aber verschiedene andere schöne Gesichtsschleier anbieten. Wie oft nach der Burka gefragt werde, will ich noch wissen: „Sie sind der erste.“

Der Imam: Sie meinen die richtige Burka? Die afghanische? Die blaue?

Als nächstes versuche ich es beim Afghanischen Frauenverein in Osnabrück. Der Verein wurde Anfang der 90er von Deutsch-Afghaninnen gegründet und hat heute rund 150 Mitglieder. Aber auch hier werde ich nicht fündig: In einem WDR-Beitrag habe sie vielleicht schon einmal eine Burka gesehen, sagt die Vorsitzende Nadia Nashir. Aber ihr persönlich sei „keine Burka-Trägerin in Deutschland bekannt.“

Der nächste Versuch führt mich nach Hamburg. Nirgends in Europa leben so viele Afghanen wie in der Hansestadt. Über 20.000 sollen es sein. Und in keiner Hamburger Moschee beten mehr von ihnen als in der Ibrahim-Khalil-Moschee. Doch ihr Imam lacht nur, als ich ihn nach Burka-Trägerinnen frage: „Burka-Trägerinnen? Nein, die gibt’s hier gar nicht. Sie meinen die richtige Burka, die afghanischen, die blaue? Nein, gar nicht. So etwas hab ich hier noch nie gesehen. Das gibt es auch nicht.“

Der Botschaftsmitarbeiter: Ich verachte die Burka

Trotz aller Rückschläge: Bisher habe ich allenfalls lokale Stichproben genommen. Jetzt will ich die Burka-Population für ganz Deutschland wissen. Und wer, wenn nicht die afghanische Botschaft, könnte mir dabei weiterhelfen. Ich erreiche Abed Najib. Er erzählt mir davon, dass er die Burka verachtet. Davon, dass Frauen aus Afghanistan fliehen, um der Burka zu entkommen. Davon, dass nicht einmal seine Großmutter den Schleier getragen habe.

Schließlich nimmt auch er mir jede verbleibende Hoffnung, doch noch eine Burka-Trägerin in Deutschland zu finden: „Ich lebe seit 1969 in Deutschland, seit 1985 bin ich mit Afghanistan beschäftigt, seit 1997 bin ich im diplomatischen Dienst. Ich habe in dieser Zeit keine einzige Frau in Deutschland gesehen, die eine Burka trägt.“ Und Najib wird noch deutlicher: „In Deutschland trägt niemand die Burka.“

Die Afghanistan-Professorin: Die Burka ist schlicht unpraktisch

Es ist die gleiche Antwort, die ich auch von vielen anderen erhalte. Ich frage bei weiteren Imamen und Islamwissenschaftlern, Vertretern von afghanischen Vereinen und Verkäuferinnen in islamischen Bekleidungsgeschäften: Keiner von ihnen hat jemals eine Burka-Trägerin in Deutschland gesehen.

Die Burka komme „außerhalb ihres Ursprungsgebiets nicht vor“, sagt schließlich auch Ingeborg Baldauf. Die Professorin am Instituts für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität Berlin und Afghanistan-Forscherin liefert mir auch einige Gründe, warum das so ist. Für viele Frauen sei die Burka schlicht zu unpraktisch und altmodisch.

„Die meisten Afghaninnen tragen in Europa das auf dem Haupt, was sie auch in Afghanistan tragen würden, wenn sie ohne Verschleierung unterwegs wären, also eine Art Schal, der gar nicht so akribisch das Haar verhüllt“, sagt Baldauf. Anderen sei die Burka hingegen nicht streng genug, das sie nicht die Beine bedecke: „Wer es mit Verhüllung sehr genau nehmen will oder muss, für den ist der Tschadori wahrscheinlich gar nicht korrekt genug,“ sagt Baldauf und rät mir doch einfach afghanische Frauen selbst zu befragen.

Die Deutsch-Afghanin: Bei der Burka geht es nicht um Islam, sondern um Sicherheit

Darauf hätte ich natürlich auch selbst kommen können. Statt nach einem Stück Stoff zu fanden, um zu schauen, wer drunter steckt, hätte ich gleich nach Afghaninnen suchen und sie fragen können, was sie, ihre Schwestern, Mütter und Töchter anziehen oder eben nicht anziehen.

Diesmal helfen mir Facebook und Twitter wirklich weiter. Über Freunde und Follower habe ich schnell ein halbes Dutzend Deutsch-Afghaninnen zusammen. Burka trägt natürlich keine von ihnen.

Eine von ihnen ist Sosan Nawid. Die 30-jährige Juristin kam 1992 nach Deutschland. Auch sie glaubt nicht, dass es in Deutschland Frauen gibt, die die Burka tragen. Und Nawid widerspricht auch einem anderen Argument der Burka-Gegner: Dem, dass das Tragen der Burka etwas mit besonderer Religiösigkeit, mit dem Islam zu tun habe. Das Tragen der Burka sei „eine Frage der Sicherheit“, sagt Nawid. Frauen trügen den Schleier „aus Angst vor Übergriffen, Gewalt, Belästigungen und Verlust des Rufes. Aus Frömmigkeit macht es keine.“

Wie alle Leute, die ich in den letzten Tagen zur Burka befragt habe, lässt auch Nawid kein gutes Haar an der afghanischen Vollverschleierung. Das ist die zweite große Erkenntnis meiner Recherche: In Deutschland gibt es nicht nur keine Burka-Trägerin, es gibt auch niemanden, der die Burka verteidigt. Von rechten Twitter-Trolls bis zu muslimischen Frauenrechtlerinnen: Sie alle sind sich in ihrer Ablehnung der afghanischen Vollverschleierung einig.

Die Burka-Debatte: Unter dem Schleier leiden ein paar Hundert, unter der Diskussion über 2 Millionen

Unter der Burka leidet in Deutschland niemand. Wohl aber unter der Debatte um ihr Verbot. Rechnet man zu den 0 Burka-Trägerinnen noch die einige Hundert Frauen, die mittels anderer Schleier ihr Gesicht verdecken, bedeutet das: 99,9 Prozent aller Musliminnen in Deutschland zeigen ihr Gesicht.

Wenn die Vollverschleierung das Symbol islamischer Frauenunterdrückung ist, sagt es dann nicht auch etwas die Emanzipation muslimischer Frauen in Deutschland aus, dass fast 100 Prozent von ihnen mit Niqab, Burka und Co. nichts zu tun haben? Wenn sich am Schleier das Gelingen von Integration und Gleichberechtigung innerhalb der muslimische Community ablesen lässt, könnte es dann einen besseren Beleg der Erfolgsgeschichte geben als das Nicht-Vorhandensein der Burka in Deutschland?

Und warum nehmen Leute wie Friedrich März und Jens Spahn dann dennoch 0,01 Prozent der muslimischen Frauen zum Anlass, um das Klischee der unterdrückten und unmündigen Muslima zu verbreiten? Warum feiern sie nicht die überwiegende Mehrheit der Musliminnen als grandioses Beispiel für erfolgreiche Integration und Emanzipation?

Der Sex-Experte: Doch noch eine Burka-Trägerin?

Meine Recherche ist schon beendet, der Text schon geschrieben, als sich doch noch jemand auf auf Facebook meldet. Er habe von meiner Suche nach einer Burka-Trägerin gehört, schreibt Shayan Arkian. Er hätte vielleicht zwei für mich. Arkian ist Islamischer Theologe. Wenn er mir eine Burka-Trägerin verspricht, steckt keine Niqab-Trägerin darunter. Bei einem Forschungprojekt über islamischer Sexualmoral sei er auf die beiden Frauen im Süden Deutschlands gestoßen. Mir einer von ihnen habe er sich sogar unterhalten können.

Durch hunderte Fotos und Kommentare habe ich mich gewühlt, mit dutzenden Experten und Betroffenen habe ich gesprochen, und nun endlich scheine ich doch am Ziel angekommen zu sein: Ok, meinen Text, der auf die ernüchternde Feststellung hinaus lief, dass es in Deutschland keine Burka-Trägerinnen gibt, muss ich noch einmal umschreiben. Aber das ist es wert, denke ich.

Bis Arkian die Geschichte zu Ende erzählt: „Die beiden lebten mit ihrem gemeinsamen Freund in einer Dreierbeziehung.“ Um Musliminnen habe es sich nicht gehandelt. „Sie trugen die Burka wohl aus sexuellen Gelüsten. Es ging ihnen um das Gefühl der Unterdrückung“, erklärt mir Arkian. Bei den einzigen beiden belegten Burka-Trägerinnen in Deutschland handelt es sich um zwei Subs in einer privaten BDSM-WG.

Doch so ernüchternd diese Feststellung auch ist: Liegt hier vielleicht das wahre Wesen der Burka-Debatte? Ist das Gerede um die Burka und ihr Verbot letztlich auch Ausdruck einer Art sexuellen Fetisches? Ist die afghanische Vollverschleierung nur eine Projektionsfläche für die Unterwerfungsgelüste einer patriarchalischen Gesellschaft? Und nein, ich meine nicht die afghanische.

Meine Posts auf Facebook und Twitter sind mittlerweile zum Anlaufpunkt für dutzende Frauen- und Islamfeinde geworden. Mal verbunden mit Gewaltdrohungen, mal mit Beleidigungen fordern sie von Frauen, von denen sie weder wissen, was sie auf, noch was sie im Kopf haben, sich zu liberalen Werten zu bekennen.

Versteckt hinter Phantasienamen erklären sie, dass das Gesicht-Zeigen zur Grundlage des demokratischen Miteinander gehöre. Nur auf sich selbst beziehen sie ihre Forderungen nicht. Am Ende meiner Recherche bleibt die Feststellung: Es gibt in Deutschland keine Frauen, die die Burka tragen müssen. Und das ist eine gute Nachricht. Burka-Gegner gibt es leider umso mehr.

[Das Aufmacherbild zeigt entweder die einzige Burkaträgerin Den Haags oder einen Sonnenschirm. Fotografiert hat sie Roel Wijnants. Das Foto steht unter einer CC2.0-Lizenz.]

Ein Kommentar zu “Wie ich nach einer Burkaträgerin suchte und erst in einer BDSM-WG fündig wurde

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