Begriffsflucht: Warum ich gegen „Geflüchtete“ bin

Immer wenn ich einen Text über Flüchtlinge schreibe, folgt mit ziemlicher Sicherheit irgendwann eine der folgenden Reaktionen: „Den Texte finde ich gut, aber ‚Flüchtling‘ geht echt gar nicht“. Oder die Kurzform: „Flüchtling srsly!?“. Oder ganz ohne Diskussion in der Form einer Korrekturanmerkung: „*Geflüchtete“.  

Die Bezeichnung, die wiederum Rechte am liebsten durch „illegale Einwanderer“ ersetzen würden, gehört aus Sicht vieler linker Sprachkritiker aussortiert: Um einen rechten Kampfbegriff handle es sich, dessen Abwertung schon an der eigenen Wortendung beginne: Flüchtling wie Schwächling, Feigling, Sonderling. Die vermeintlich bessere, weil „neutralere“ Alternative laute: Geflüchtete.

„Kein Begriff ist unschuldig, jeder trägt den Ballast seiner Verwendungsgeschichte mit sich.“

Daran ist nicht alles falsch und dennoch halte ich „Flüchtling“ für alternativlos. Nicht nur wegen Häuptling, Liebling und Schmetterling, sondern, weil es sich mit „Flüchtlingen“ auch in sprachlicher Hinsicht nicht so schwarz-weiß verhält, wie manche Debatte den Anschein macht. 

Gerade im politischen Kontext lassen sich für fast jeden Begriff Gründe finden, die gegen seine Verwendung sprechen: Missbrauch zur NS-Zeit, fehlende Möglichkeit der Geschlechterrepräsentation, irgendeine „eigentliche“ Bedeutung aus dem 17. Jahrhundert.

Kein Begriff ist unschuldig, jeder trägt den Ballast seiner Verwendungsgeschichte mit sich. Doch nach aller Diskussion kommen wir an einer Frage nicht vorbei: Welcher Begriff ermöglich es zwei Personen am besten, unmissverständlich von derselben Sache zu sprechen?

„Flüchtlinge kamen aus der DDR und flohen vor den Nazis, sie stehen in Geschichtsbüchern und Gesetzestexten.“

Meinen wir Menschen, die vor Krieg, Gewalt oder Armut geflohen sind, gibt es momentan keine Bezeichnung, die diese Aufgabe besser erledigt als „Flüchtling“. 

Es stimmt, was Kritiker sagen: „Flüchtling“ wird missbraucht, beschönigt und abgewertet. Aber er trägt nicht nur einen vielleicht problematischen Suffix und die Narben unzähliger migrationspolitischer Auseinandersetzungen mit sich.

Er steht auf einem Fundament, das ihn wehrhaft gegen Vereinnahmungsversuche macht: „Flüchtling“ ist ein Begriff, für dessen Bedeutung seit 64 Jahren die Genfer Flüchtlingskonvention bürgt, dessen Geltungsbereich das UN-Flüchtlingshilfswerk sichert, der seine Hoheit mit Hilfe von Flüchtlingsorganisationen und Flüchtlingsräten mühsam gegen Angreifer wie „Asylant“ verteidigte. Flüchtlinge kamen aus der DDR und flohen vor den Nazis, sie stehen in Geschichtsbüchern und Gesetzestexten.

„Als würde man mit ‚illegalen Einwanderern‘ für offene Grenzen streiten.“

„Geflüchtete“ tun das nicht. Das macht sie beliebig. „Geflüchtet“ sind wir alle schon einmal: von einer öden Familienfeier, aus dem Knast oder in halluzinogene Traumwelten. Zu Flüchtlingen macht uns das nicht.

Auch so neutral, wie ihn seine Befürworter gern hätten, ist „Geflüchtete“ längst nicht mehr: Mit „Geflüchteten“ lässt sich in etwa so glaubwürdig über Gewalt in der Erstaufnahmeeinrichtung berichten wie mit „illegalen Einwanderern“ für offene Grenzen streiten. In den Ohren vieler trägt auch er Ballast mit sich: den von linkem Aktivismus und Willkommenseuphorie.

Im Vergleich dazu ist „Flüchtling“ ein Refugium der Klarheit in einer Debatte, die nach politischen und moralischen auch droht sprachliche Grenzen einzureißen. Das muss freilich nicht so bleiben. Sprache ändert sich. Ständig. Begriffe, die vor wenigen Jahren als alternativlos galten, sind heute verpönt. Doch bislang ermöglicht es uns nur „Flüchtling“, auf unterschiedlichste Weise über dieselbe Sache zu reden: Einfach dadurch, indem der Begriff selbst sich heraushält.

Das Aufmacherbild zeigt den Überfall auf eine Flüchtlingsfamilie während des Dreißigjährigen Kriegs. Das Gemälde „Marodierende Soldaten“ vom flämischen Maler Sebastiaen Vrancx hängt im Deutschen Historischen Museum im Berlin. 

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