Wieso liest du nicht mal ein gutes Buch über den Islam?

Hier sind fünf Bücher, von denen dir jedes mehr über den Islam verrät als alle Sarrazins, Ulfkottes und Abdel-Samads zusammen.

Alle paar Wochen dasselbe Spiel: Irgendein selbsternannter Islamexperte verspricht schonungslose Enthüllungen „Inside Islam“, seine persönliche „Abrechnung“ oder schlicht, jetzt den Koran gelesen zu haben. Im Untertitel drohen „Übernahme“, „Überfremdung“ oder „Untergang“. Feuilletonisten und Wissenschaftler zerreißen das Werk zwar schnell als stümperhaft und Panikmache, dennoch (oder gerade deshalb) landet das Buch auf den Bestsellerlisten. Nur der Islam, der bleibt auch nach der Lektüre so fremd wie eh und je.

Doch das muss nicht so sein. Abseits der Bestsellerlisten gibt es eine literarische Welt, in der Autoren den Koran nicht nur gelesen, sondern studiert haben – und alles andere, was unter dem Label „Islam“ läuft gleich mit. Statt Panikmache setzen sie auf wissenschaftliche Fundiertheit. Statt reißerische Enthüllungen liefern sie verständliche Erklärungen. Hier sind fünf Bücher echter deutscher Islamwissenschaftler, die euch mehr über den Islam verraten als die Sarrazins, Ulfkottes und Abdel-Samads und dennoch nicht allzu schwer zu lesen sind. 

„Die Religion des Islam: Eine Einführung“ von Annemarie Schimmel

Was war das Problem zwischen Sunniten und Schiiten? Wieso verließ Mohammad Mekka? Wozu ruft der Typ vom Minarett? Wer sich so schnell wie möglich fit machen will im islamischen Einmaleins, sollte zu diesem kleinen Reclam-Heftchen greifen. Die Urmutter der deutschen Islamwissenschaft erteilt hier einen für jedermann verständlichen Grundkurs in islamischer Theologie, Philosophie, Kunst und Mystik von vorislamischer Zeit bis in die Gegenwart. Mit 159 Seiten braucht sie dafür nicht einmal die Hälfte eines durchschnittlichen Sarrazins, liefert aber ein Vielfaches des Erkenntnisgewinns. Ein besseres Verhältnis von fundiertem Islam-Wissen pro Seite (und pro Euro) bekommt man nirgends.

Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart“ von Mathias Rohe

„Paragraph Handabhacken Scharia pdf“. Man kann nur vermuten, wie viele Generationen von Islamhassern und Selfmade-Islamisten an Suchen wie dieser verzweifelt sind. Warum „die Scharia“ bis heute weder in Suchmaschinen, noch in Bibliotheken zu finden ist, erklärt keiner so gut wie der Erlanger Jurist und Islamwissenschaftler. In seinem Standardwerk zur Entstehung, Entwicklung und Inhalts islamischen Rechts erfährt man, dass unter „Scharia“ im Zweifel alles zu verstehen ist, was irgendwie mit islamischen Normen, deren Interpretation und Auffindung zu tun hat. Fast immer anschaulich und selten juristisch trocken zeigt Rohe, dass die Suche nach „Scharia“ von der richtigen Gebetshaltung bis zum Vertragsrecht auch für Muslime immer und überall ganz unterschiedliche Antworten lieferte, nur kein downloadbares PDF.

„Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“ von Thomas Bauer

Ok, mit so einem Titel kann es mit der Bestsellerliste auch nichts werden. Aber weiß man erst einmal, dass Ambiguität „Mehrdeutigkeit“ bedeutet und sich dahinter eine Hymne auf die Vielfalt der islamischen Welt verbirgt, wird es interessant: Der Münsteraner Islamwissenschaftler räumt auf mit dem Klischee einer islamischen Welt, die im religiös durchsetzten Einheitsbrei erstarrt sei. Von Philosophie bis Medizin, von Sexualität bis Koran-Exegese rekonstruiert Bauer eine arabisch-islamische Welt, in der die Existenz unterschiedlicher Auffassungen über Jahrhunderte nicht nur toleriert, sondern regelrecht zelebriert wurden. Und er schreibt, wie diese „Kultur der Ambiguität“ seit dem 19. Jahrhundert dann doch immer stärker jenem dogmatischen Einheitsislam wich, der heute unsere Wahrnehmung bestimmt. Eine spannende Zeitreise, die auch die Glaubenssätze des Lesers kräftig durcheinanderbringt.

„Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime“ von Navid Kermani

Navid Kermani hat gleich zweimal Seltenes vollbracht: Er schaffte es als Islamwissenschaftler in die Bestsellerlisten. Und das mit einem Islam-Buch, in dem es um eine Sache kaum geht: den Islam. Kermani seziert Talkshows, Suren-Ping-Pong und Islamkonferenzen und damit die Eigenarten deutscher Integrationsdebatten. Dabei sucht er nach Antworten, wie Muslime und Nicht-Muslime im Einwanderungsland Deutschland gut miteinander leben können. Seine Antwort: Aufhören so zu tun, als ginge es um Muslime und Nicht-Muslime. Seinem Appell, Identität nur noch im Plural zu diskutieren, dient der iranstämmige Schriftsteller, FC-Köln-Fan, Theaterregisseur, Muslim und Privat-Kitaplatzinhaber aus Siegen dabei selbst als bestes Anschauungsmaterial. Da er dabei mehr erzählt als erklärt, nicht anklagt, sondern versucht zu verstehen, liefert sein Beitrag zum Integrationsdiskurs sogar noch eine Seltenheit: Optimismus.

„Der Koran als Text der Spätantike Ein europäischer Zugang“ von Angelika Neuwirth

Man nehme Höhle, Engel und Prophet, warte 22 Jahre und fertig ist der Koran. Zugegeben, auch aus islamischer Sicht ist diese Darstellung etwas vereinfacht aber die Annahme, der Koran sei irgendwann einfach vom Himmel gefallen, prägt auch seine Wahrnehmung hierzulande. Wie es wirklich war, erklärt die Berliner Arabistik-Professorin. Neuwirth holt den Koran heraus aus der Isolation der arabischen Wüste des 7. Jahrhunderts und rekonstruiert dessen Entstehung (die vermutlich erst Jahrhunderte nach Mohammad abgeschlossen war) im Kontext seiner spätantiken Umwelt. An Inhalt, Aufbau und sprachlichem Stil zeigt die deutsche Koranforschungs-Koryphäe, dass der Koran an literarische Traditionen Europas anknüpft und sich an eine Leserschaft wendet, die christlich und jüdisch geprägt war. Sprachlich nicht immer ganz einfach vermittelt sie damit nicht nur einen frischen Blick auf die heilige Schrift der Muslime, sondern auch, dass am Glauben an ein kulturell getrenntes Abend- und Morgenland noch nie viel dran war.

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