So neutral wie ein Bikini-Verbot im Freibad

Kein Kopftuchverbot, sondern ein Neutralitätsgebot stecke dahinter, wenn Musliminnen aus dem öffentlichen Leben verbannt werden. Ich kenne diese Argumentation. Damals als pubertierende Jungs im Freibad rechtfertigten wir unsere "oben ohne"-Forderung auch als "gleiches Recht für alle".

Damals im Freibad war die Welt noch fair: Zugang gab es nur oben ohne. Das galt für Jungs wie Mädels. Ohne Ausnahme. Nein, mit Tittenglotzen hatte das nichts zu tun. Wirklich! Nur mit gleichem Recht für alle. Das versuchten wir zumindest den weiblichen Wartenden an der Riesenrutsche weiszumachen. Natürlich vergeblich: Dass es uns pubertierenden  14-Jährigen in Wahrheit nicht um die Durchsetzung von Geschlechtergerechtigkeit im Schwimmbad ging, war jedem klar. Aber hey, wer die Riesenrutsche kontrolliert, macht die Regeln.

Viele Jahre später entscheidet sich an der Frage, was Frau obenherum trägt, nicht mehr nur ihr Bewegungsspielraum im Freizeitbad, sondern zunehmend der in der gesamten Arbeitswelt. Mit Diskriminierung habe das wieder nichts zu tun. Und auch um ein Kopftuchverbot handle es sich nicht, eher schon um ein Neutralitätsgebot, argumentieren die Befürworter. Schließlich seien auch Träger von indischen Dastars, spanischen Mantillas und jüdischen Kippas betroffen, wenn der Arbeitgeber Neutralität verlangt. In der Theorie zumindest.

Was ist mit dem Wunsch nach frohe Ostern und der Weihnachtskarte an die Kunden?

In der Praxis bestimmt damals wie heute die Mehrheit am Beckenrand, nach welchen Regeln das Abrutschen aus der gesellschaftlichen Teilhabe funktioniert, wo Weltanschauung beginnt und wo Neutralität endet. Beim Kopftuch? Bei der Weihnachtskarte an die Kunden? Beim Wunsch nach frohen Ostern?

Was ist mit den Apfel-Logos überall im Büro? Basiert das Geschäftsmodell dieses Unternehmens nicht gerade darauf, im Bundle mit Smartphone und Computer auch einen bestimmten Lifestlye auszuliefern? Galten Jeans nicht bis vor kurzem – im positiven wie im negativen – als Symbol zunehmender Amerikanisierung? Und Miniröcke? Und Schulterpolster? Und Piercings? Und das Phallussymbol Krawatte?

Das ist doch völlig übertrieben, denkt ihr? Dann habt ihr jetzt eine Ahnung davon, wie sich viele muslimische Frauen fühlen, wenn mal wieder das halbe Land über die Bedeutung ihrer Kopfbekleidung diskutiert.

Wir können auch so tun, als treffe das Schlafverbot auf öffentlichen Bänken Millionäre genauso wie Obdachlose

Klar, wir können so tun, als hätten zunehmende Kopftuchverbote nichts mit zunehmender Islamfeindlichkeit zu tun. Wir können auch so tun, als treffe das Schlafverbot auf öffentlichen Bänken Millionäre und Obdachlose gleichermaßen. Wir können uns weiter dumm stellen in der Gewissheit, dass sich die Machtverhältnisse an der Riesenrutsche nie so ändern werden, dass jemand ein „neutrales“ Bermuda-Shorts-Verbot erlässt.

Mit dem Gerechtigkeitssinn testosterongesteuerter Schwimmbadbesucher können wir weiter nach den kleinsten muslimischen Abweichungen von einer zur „Neutralität“ erklärten Mehrheitskultur fahnden: Zu wenig Schweinefleisch in der Kita? Zu viele Flüchtlinge in der Sauna? Wurden wieder Spuren von Gebetsteppichen in der Uni gefunden? Hat da jemand „Winterfest“ gesagt? Die Burka muss ab! Die Vorhaut bleibt dran! Und notfalls ersetzt die Aufregung um den fehlenden Handschlag den fehlenden Anschlag.

…oder wir erkennen an, dass es so etwas wie weltanschauliche Neutralität schlicht nicht gibt

Wir können das tun. Oder wir erkennen an, dass es so etwas wie weltanschauliche Neutralität schlicht nicht gibt. Was es gibt, sind Arten zu leben. Und die unterscheiden sich eben in manchen Details. Es gibt Minderheiten, die um die Anerkennung ihres Lebensstils ständig kämpfen müssen.

Und es gibt eine Mehrheit, deren Dominanz so groß ist, dass sie die weltanschaulichen Implikationen ihres Lebensstils nicht einmal mehr wahrnimmt. Eine Mehrheit, deren Arroganz so groß ist, dass sie selbst die absurde Forderung nach „oben ohne“ als „gleiches Recht für alle“ verkaufen kann.

[Das Aufmacherbild heißt „Berliner Strandleben“ und stammt vom sächsischen Künstler Heinrich Zille. Gemalt hat er es 1901, offenbar zu einer Zeit, als an öffentlichen Badestränden noch kein „Neutralitätsgebot“ herrschte.]

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