7 Gründe, warum es der Original-Aladdin heute nicht mehr auf die Leinwand schaffen würde

Spanner, Kidnapper, Sklaventreiber und Gewalttäter: Aladdin war nicht immer so sympathisch wie heute.

Ein computeranimierter Flaschengeist, ein Fantasy-Film in Bollywood-Optik und eine feministische Empowerment-Story: Man braucht nicht die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht gelesen zu haben, um zu ahnen, dass sich Disney für sein Realfilm-Remake von Aladdin gegenüber dem Originalstoff einige Freiheiten genommen hat. Wer es dennoch tut, dürfte trotzdem schockiert zurückbleiben. Denn mit seinem literarischen Vorbild hat Disneys Aladdin so ziemlich gar nichts zu tun. Zum Glück.

Die Geschichte von „Aladin und die Wunderlampe“ (in den frühen deutschen Übersetzungen meist mit einem „d“) wurde erstmals im Jahr 1712 vom französischen Orientalisten Antoine Galland als Teil der Märchensammlung „Les Mille et Une Nuits“ (Tausendundeine Nacht) veröffentlicht. (Zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte habe ich hier etwas geschrieben.) Dort wird Aladdin nicht als der abenteuerlustige und charismatische Straßenräuber beschrieben, den Disney-Fans kennen.

1. Aladdin war ein boshafter, schwer erziehbarer Herumtreiber

Stattdessen tritt er dort als schwer erziehbarer Herumtreiber auf, der seiner ärmlichen Eltern nur Ärger macht. Als sein gewalttätiger Vater nach kurzer schwerer Krankheit stirbt, bleibt Aladdin mit seiner völlig überforderten Mutter allein zurück. In der deutschen Übersetzung von „Tausendundeine Nacht“ von Max Habicht aus dem Jahr 1926 wird Aladdin folgendermaßen charakterisiert:

Die Erziehung dieses Sohnes, welcher Aladdin hieß, war sehr vernachlässigt worden, und dies war denn schuld, daß er sich sehr lasterhafte Neigungen angewöhnt hatte. Er war boshaft, halsstarrig und gegen Vater und Mutter ungehorsam. (…) Diese Lebensweise setzte er bis zu einem Alter von fünfzehn Jahren fort, ohne zu irgend etwas Lust oder Neigung zu verraten, und ohne zu überlegen, was aus ihm werden sollte. 

Max Habicht, „Tausend und Eine Nacht“, Fünfter Band, 1926.

2. Aladdin war kein romantischer Charmeuer, sondern ein lüsterner Spanner

Nicht ungelegen kommt Aladdins Mutter deshalb der Auftritt eines vermeintlichen Onkels, der den Neffen unter seine Fittiche nimmt. Dass es sich bei diesem in Wahrheit um einen bösen Zauberer handelt, der mit Aladdins Hilfe an eine Wunderlampe zu kommen versucht, realisiert Aladdin erst als er in einer Höhle feststeckt. Aladdin kann sich befreien, kehrt zu seiner Mutter zurück, putzt die Lampe und die Wunder beginnen.

Bis dahin dürfte den meisten Disney-Fans die Geschichte noch einigermaßen bekannt vorkommen. Das erste Aufeinandertreffen von Aladdin und seiner designierten Prinzessin würde heute hingegen zurecht einen Shitstorm auslösen. Während sich Aladdin und Jasmin in Disneys Adaption auf einer abenteuerlichen Flucht vor Markthändlern und Palastwächtern kennen und lieben lernen, entpuppt sich der Original-Aladdin schnell als lüsterner Spanner.

Nach einem ersten gescheiterten Versuch, aus dem Fenster eines Bekannten einen Blick auf die badende Prinzessin Badrulbudur (Jasmins literarisches Vorbild) zu werfen, liest sich das erste Aufeinandertreffen der beiden so:

Aladdin durfte nicht lange warten; die Prinzessin erschien, und er betrachtete sie durch einen Riß, welcher groß genug war, um sie in Augenschein zu nehmen, ohne selber gesehen zu werden. (…) Sobald Aladdin die Prinzessin Badrulbudur gesehen hatte, so gab er seine bisherige Meinung auf, als glichen alle Frauen mehr oder weniger seiner Mutter; seine ganzen Gefühle wurden plötzlich umgewandelt, und sein Herz konnte dem reizenden Mädchen seine höchste Zuneigung nicht versagen.

Max Habicht, „Tausend und Eine Nacht“, Fünfter Band, 1926.

3. Aladdin schickte seine Mutter vor, um die Ehe mit der Prinzessin zu arrangieren

Aladdin schwärmt nun eine Nacht von Badrulbudurs körperlichen Vorzügen, bis er am nächsten Morgen beschließt sie zu heiraten. In Disneys Version überwindet Aladdin an dieser Stelle mutig die Palastwachen, um sich persönlich Prinzessin Jasmin vorzustellen. Der Aladdin aus „Tausendundeiner Nacht“ wählt einen weniger kühnen Weg.

Er schickt seine Mutter vor. Ausgestattet mit Gold und Edelsteinen soll diese beim Sultan vorstellig werden, um die Hochzeit zwischen ihm und Badrulbudur zu arrangieren. Die hält ihren Sohn kurz für verrückt, versucht ihn mit verschiedenen Argumenten von seinem Vorhaben abzubringen, aber lässt sich dann doch überzeugen. In Nacht 327 heißt es:

Aladdins Mutter führte ihrem Sohne noch mehrere andere Gründe an, um ihn wo möglich umzustimmen; aber die Reize der Prinzessin Badrulbudur hatten einen zu tiefen Eindruck auf sein Herz gemacht, als daß er sich von seinem Plane hätte abwendig machen lassen. Er verlangte fortwährend von seiner Mutter, daß sie seinen Entschluß doch ausführen möchte; und teils aus Zärtlichkeit gegen ihn, teils aus Furcht, daß er irgend ein Äußerstes wagen könnte, überwand sie ihre Abneigung und gab dem Willen ihres Sohnes nach.

4. Aladdin setzte auf Entführungen und Psychoterror

Von ihrem „Glück“ ahnt Badrulbudur bis dahin nichts. Wie in Disneys Version ist der Sultan auch in „Tausenduneiner Nacht“ auf der Suche nach einem Ehemann für seine Tochter. Doch während Jasmin bis zur Hochzeit mit Aladdin unvermählt bleibt, hat Badrulbudur ihren Ehemann längst gefunden: den Sohn des Großwesirs. Nicht erschrecken! In „Tausenduneiner Nacht“ spielt der Großwesir nur eine Nebenrolle. Erst in späteren Adaptionen werden Großwesir und Zauberer zum Oberschurken Jafar vereint.

Aladdin ist nun nicht nur emotional, sondern auch moralisch am Tiefpunkt der Geschichte angelangt. In der Hochzeitsnacht schickt er kurzerhand seinen Flaschengeist ins Schlafzimmer des frisch verheirateten Paares und lässt beide – noch im Ehebettes liegend – in seine Hütte entführen. Nachdem er den verängstigten Sohn des Großwesirs in eine dunkle Kammer gesperrt hat, zieht sich Aladdin aus und legt sich neben die schockierte Prinzessin. Ihre erste gemeinsame Nacht erleben Aladdin und Badrulbudur wie folgt:

Voll Zufriedenheit darüber, daß er seinen Nebenbuhler so des Glücks beraubt hatte, das er diese Nacht zu genießen gehofft, schlief Aladdin ganz ruhig ein. Nicht so war es mit der Prinzessin Badrulbudur der Fall. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch keine Nacht so traurig und unangenehm zugebracht als diese.

Nachdem Aladdin das verängstigte Ehepaar am Morgen danach wieder zurück in den Sultanspalast gezaubert hat, wiederholt er die Tortur noch weitere drei Mal. Nach vier Nächten voller Kälte, Angst und Psychoterror ist Aladdin am Ziel: Das traumatisierte Paar entscheidet sich gegen Liebe und Ehre und bittet ihre Eltern um die Scheidung.

5. Aladdin kaufte die Prinzessin mit Gold, Edelsteinen und Sklaven

Unter tatkräftiger Hilfe des Flaschengeistes trägt Aladdins Mutter unterdessen immer mehr Gold- und Edelsteingeschenke in den Palast, um den Sultan von ihrem Sohn zu überzeugen. Doch der Sultan zweifelt am neureichen Emporkömmling und versucht die Mutter mit absurden Brautgeld-Forderungen abzuwimmeln. Neben Unmengen Gold verlangt er auch achtzig Sklaven.

Wieder reibt Aladdin kurz entschlossen an der Lampe (die Drei-Wunsch-Regel gibt es nicht), um sich in einen Prinz inklusive geforderter Entourage zu verwandeln. Auch Disney-Fans kennen diese Verwandlung. Doch während Aladdins Auftritt als Fake-Prinz in Disneys Version eher an einen egalitären brasilianischen Karnevalsumzug erinnert, imponiert der Original-Aladdin mit einem gigantischen Sklavenaufmarsch:

Ohne erst die Antwort seiner Mutter abzuwarten, öffnete Aladdin die Tür nach der Straße und ließ alle seine Sklaven paarweise nacheinander, immer einen weißen und einen schwarzen Sklaven mit einem goldenen Becken auf dem Kopfe und so fort bis zum letzten, hindurchgehen. (…) Ehe die achtzig weißen und schwarzen Sklaven alle heraus waren, wimmelte die Straße von Volk, welches von allen Seiten herbeiströmte, um ein so prachtvolles und außerordentliches Schauspiel anzusehen.

Der Rest ist Dank unendlichen Gold-, Edelstein- und Sklavennachschubs Formsache. Der Sultan vermacht Aladdin seine Tochter. Beide schwelgen in Luxus, genauso wie der Autor der Geschichte. Ein Superlativ vom „Teuersten“, „Edelsten“ und „Schönsten“ reiht sich an den anderen. Allein die Beschreibung vom neu errichtetem prunkvollen Wohnsitz des Paares nimmt mehrere Seiten ein.

6. Aladdin ermordete den Bösewicht und ließ ihn den Tieren zum Fraß vorwerfen

Aladdins fragwürdige Moral zeigt sich nicht nur beim Umgang mit seinen Freunden, sondern noch mehr mit seinen Feinden. Das Ende des Oberbösewichts würde heutige Kinobesucher wohl vor schwere Loyalitätsprobleme stellen. In Disneys Version wird Jafar Opfer von Aladdins List und des eigenen Größenwahns. Er endet als zwar allmächtiger aber gefangener Flaschengeist. Damit schafft es Disney auch Aladdin als Sieger vorgehen zu lassen, ohne dass dieser selbst zur Gewalt greifen muss.

Solcher Cleverness geht dem Uraladdin völlig fehl: Als es in „Tausensundeiner Nacht“ zum letzten Schlagabtausch mit dem Zauberer kommt, greift Aladdin zum Altbewährten: Sex, Drogen und Gewalt. Er überredet die wenig begeisterte Prinzessin Badrulbudur den Zauberer zu verführen und ihm eine Art KO-Tropfen in den Drink zu mischen. Seinen verunstalteten Leichnam lässt Aladdin schließlich den Tieren zum Fraß vorwerfen. Nun folgt noch ein Geschichte, an deren Ende Aladdin den Bruder des Zauberers ersticht (das kann man allerdings als Notwehr durchgehen lassen) und alle leben glücklich und reich bis an ihr Lebens Ende.

7. Die Moral der Geschicht? Gibt es nicht!

Wer bei all dem auf einen moralischen Twist wartet, wird erneut enttäuscht: Es gibt keinen. Die Disney-Autoren erzählen eine Geschichte, in der das Sinnbild der Wunderlampe für die Versuchungen von Macht und Besitz steht. Am Ende gewinnt nicht der mit der größten Menge an Einfluss und Geld, sondern der, der sich selbst treu bleibt.

In „Tausendundeiner Nacht“ macht die Lampe hingegen einfach, was ihr Name verspricht: Sie erfüllt Wünsche – seien sie auch noch so banal. Bis zum Ende schafft es Aladdin, so ziemlich jedes Problem mit Hilfe seiner Wunderlampe aus der Welt zu schaffen. Selbst Aladdins Mutter, die einzige Figur, die man ab und zu als moralisches Korrektiv deuten könnte, wird mit den üblichen Gold- und Sklavenwünschen gefügig gemacht. Ein nicht untypischer Wunsch Aladdins an seinen Flaschengeist in Nacht 334 lautet:

Auch meiner Mutter bringe sechs Sklavinnen zur Aufwartung, jede wenigstens ebenso reich gekleidet als die Sklavinnen der Prinzessin Badrulbudur, und jede einen vollständigen Anzug auf dem Kopfe tragend, der ebenso prächtig und so stattlich sein muß, als wäre er für die Sultanin. Ferner bedarf ich noch zehntausend Goldstücke in zehn Beuteln. Das war es, was ich dir noch anzubefehlen hatte. Geh und beeile dich.

Aber auch Aladdin war nur ein Kind seiner Zeit

Zur Ehrenrettung des Uraladdins sei allerdings noch gesagt: So übel der Aladdin von damals aus heutiger Sicht auch wirken mag, auch er war Kind seiner Zeit. Als er im Jahr 1712 in Frankreich zum ersten Mal gedrucktes Papier erblickte, reflektierte die Geschichte die Orient-Sehnsucht des damaligen europäischen Publikums.

Der größte Unterschied zwischen „Tausendundeiner Nacht“ und den Disney-Filmen liegt nicht in den Taten und Eigenschaften der Hauptfigur, sondern dem Interesse des Publikums. Das richtete sich damals weniger auf den Charakter Aladdins, sondern auf die Welt in der er sich bewegte. „Aladin und die Wunderlampe“ erzählt von einer Welt, in der sich ein einfacher junger Mann alle materiellen und erotischen Träume erfüllen konnte.

Im Aladdin aus dem Jahr 2019 hingegen ist die umgebende Welt größtenteils Kulisse. Stattdessen wird die Hauptfigur zum Sehnsuchtsort. Oder besser: Die Hauptfiguren. Denn erstmals in 300 Jahren Aladdin-Geschichte wird das Märchen zu einer Empowerment-Story, an deren Ende die Prinzessin den Thron besteigt. Das verrät viel über die Fantasie der Disney-Autoren, vor allem aber verrät es etwas über unsere Realität im Jahr 2019.

Das Aufmacherbild zeigt ein Plakat für eine Aladdin-Show des amerikanischen „Barnum & Bailey Circus“ aus dem Jahr 1917. Warum Aladdin darauf aussieht wie ein Chinese, erfahrt ihr hier.

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