Dürfen/ müssen/ sollen Muslime irgendwem die Hand geben?

„Müssen Muslime Frauen in Deutschland die Hand geben?“ Diese Frage stellt BILD zurzeit auf seiner Website und berichtet über drei offenbar muslimische Ringer aus Hessen und Bayern, die ihrer Ringrichterin nicht die Hand gegeben wollten und dafür vom Wettbewerb ausgeschlossen wurden.

Die Ereignisse in der Ringer-Verbandsliga Nord-Ost waren für die Redakteure nachrichtlich sogar so relevant, dass sie die gesamte Titelseite der „BILD am Sonntag“ für den vermeintlichen „Handschlagstreit“ freiräumten. Aber darum, wie die BILD ein zwei Wochen zurückliegendes Ereignis in einer bayrischen Ringerhalle mit vier Beteiligten zu einer Debatte über „Muslime in Deutschland“ aufbläht, soll es in diesem Beitrag nicht gehen.

Stattdessen folgt hier nun die Antwort auf die Frage, die BILD zwischen aller Empörung offenbar ganz vergessen hat: Dürfen/ müssen/ sollen Muslime nun irgendwem die Hand geben?

Dass die Antwort in der BILD ausbleibt, mag auch daran liegen, dass sie nicht so ganz passt in das Bild vom frauenverachtenden Muslim, der sklavisch seinen religiösen Geboten folgt.

Denn erstens: Muslimische Handschlagsverweigerungen treten bei Frauen und Männern auf. Und zweitens: Die Frage nach dem muslimischen Handschlagsverhalten lässt sich genauso eindeutig beantworten, wie andere typische BILD-Fragen, z.B. nach der Vereinbarkeit von Islam und Schwimmbadbesuch, Weihnachten oder Toblerone. Also gar nicht.

kurzer Crashkurs im muslimischen Händeschütteln 

Wer islamische Theologen nach ihrer Meinung zum Thema fragt, bekommt unterschiedliche Antworten. Einige verweisen darauf, dass der Koran körperlichen Kontakt zwischen Unverheirateten verbiete. Andere erinnern an einen Ausspruch Mohammeds, der vor 1400 Jahren auch Frauen nicht die Hand geben wollte. Wieder andere erklären den Handschlag für legitim, wenn keine sexuellen Gedanken damit verbunden sind. Andere erzählen das Gegenteil oder ihnen ist es völlig egal. Wie so oft bei Theologen.

Das gilt nicht nur für islamische Gelehrte: „shomer negiah“ (hebräisch in etwa: Achtsamkeit hinsichtlich der Berührung) heißt das Konzept im jüdischen Recht, das Gläubigen den Körperkontakt zum anderen Geschlecht untersagt und für das sich nur eine orthodoxe Minderheit interessiert.

Und auch die männlichen Bewohner des selbsternannten christlichen Abendlands wurden von Adolph Knigge einmal angewiesen, Frauen nicht zuerst die Hand auszustrecken.

Die meisten Muslime in Deutschland schütteln

In der Praxis dürften die Fatwas von ägyptischen Islamgelehrten und die Echtheit von Überlieferungen aus der Zeit Mohammeds den meisten Muslimen ebenso egal sein wie der Knigge den deutschen Nicht-Muslimen.

Die meisten Muslime und Musliminnen schütteln die Hände des anderen Geschlechts. Die die es nicht tun, tun das z.B. weil ihre Eltern es nicht taten oder weil ihnen ihr Ehemann oder ihre Ehefrau sonst zu Hause die Hölle heiß macht. Der eine schüttelt Hände, weil es ihm irgendwann zu albern war, in der Clique der einzige Handschlagverweigerer zu sein. Die andere schüttelt sie nicht, weil sie sowieso schüchtern ist.

Eine Frage des Respekts

Fragt man Muslime, die sich bewusst gegen den Handschlag entscheiden, nach dem Warum, bekommt man oft folgende Antwort: Zum anderen Geschlecht keinen körperlichen Kontakt zu haben, ist für sie eine Form, Respekt auszudrücken. Gegenüber dem Mensch hinter der ausgeschlagenen Hand und gegenüber dem eigenen oder zukünftigen Ehepartner.

Das kann man in einer Gesellschaft, in der viele bemüht sind, sich von Geschlechterrollen zu emanzipieren, für rückständig halten, aber man sollte es zumindest zur Kenntnis nehmen. Denn wenigstens in einer Hinsicht haben die muslimischen Handschlagsverweigerer und
-verweigerinnen recht. Am Ende bleibt es eine Frage des Respekts – gegenüber Ringrichterinnen, Eheleuten und religiösen Minderheiten.

3 Kommentare zu “Dürfen/ müssen/ sollen Muslime irgendwem die Hand geben?

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