Moscheereport: Was nicht fremd ist, wir fremd gemacht

Monatelang recherchierte Constantin Schreiber in deutschen Moscheen. Herausgekommen ist ein Mischung aus Safari-Expedition, Klischeesammlung und Übersetzungsfehlern.

Eigentlich fand ich Constantin Schreiber immer ganz nett. Gut, ich kannte ihn nicht. Unsere gemeinsamen Begegnungen beschränkten sich auf den Auftritt eines arabischen Symphonieorchestern in Berlin. Aber vom Eindruck, den er im Fernsehen hinterließ, schien er ein cooler Typ zu sein. Endlich war da mal jemand im endlosen Gelaber aus Islam-, Migranten- und Flüchtlingsberichterstattung, der einen Hauch von Ahnung versprühte. Er hatte im Nahen Osten gearbeitet. Er spricht Arabisch. Das allein ist schon ein Alleinstellungsmerkmal in einer Zeit, in der so ziemlich jeder eine Meinung zu der arabischen Welt hat aber kaum jemand eine Ahnung von ihr.

Wenn sich dieser Schreiber nun daran macht, den Nicht-Muslimen in diesem Land zu erklären, was in der Moschee um die Ecke passiert, kann daran erst einmal nichts verkehrt sein, dachte ich. Besser er, als die meisten anderen. Und auch, als der erste Teil seines Moscheereports auf Sendung ging und meine Bubble vor Kritik fast explodierte, war ich mir sicher, dass es so schlimm nicht sein kann. Kurz hatte ich sogar ein bisschen Mitleid angesichts all der Kritik, die auf ihn einprasselte. Bis ich den Moscheereport sah und alles noch viel schlimmer kam.

Aber von vorn: Am Montag, dem 27. März,  strahlte die ARD den ersten Teil von Constantin Schreibers „Moscheereport“ aus. „Wer predigt dort, wer geht dort hin, was wird dort gepredigt und welche Rolle spielen Moscheen bei der Integration von Muslimen in die deutsche Gesellschaft?“, wollte der frisch ernannte Tagesschau-Moderator wissen und besuchte 13 der rund 2.500 deutschen Moscheen. Fremd sei diese Welt, erklärt er zu Anfang. Doch anstatt diese Welt, dem Zuschauer näher zu bringen, tut er in den folgenden 15 Minuten alles, damit sie auch fremd bleibt. Das beginnt schon mit dem ersten Satz der Reportage: „Es ist eine Schwelle, die nur wenige Deutsche überschreiten“, macht er die Fronten klar: Hier die Deutschen, dort die Muslime. Es ist ein Duktus, den Constantin Schreiber für den Rest der Reportage nicht wieder verlassen wird.

Was nicht fremd ist, wird fremd gemacht

Schreibers erste Station ist die Hamburger Al-Nour-Moschee. Die Moschee nahe des Hamburger Hauptbahnhofs böte viel Material, um die Frage zu beantworten, was Moscheen zur Integration beitragen. Politiker priesen die Moschee immer wieder als Bollwerk gegen Salafismus. Als sich im Herbst 2015 Hamburgs Behörden mit der Menge neu ankommender Flüchtlinge überfordert zeigten, bot die Moschee jede Nacht hunderten Flüchtlinge Obdach und Verpflegung. Wie viele andere Moscheen bietet sie nicht nur Gebete, die Al-Nour-Moschee ist eine Mischung aus Sozialamt, Eheberatung und Jugenclub. Auch aufgrund ihrer erfolgreichen Integrationsarbeit hat sich die die Mitgliederzahl in den letzten Jahren mehr als versiebenfacht.

Von all dem erfährt der Zuschauer des Moscheereports allerdings nichts. Auch um den Inhalt der Predigt von Imam Samir El-Rajab geht es kaum. Zwar zeigt die ARD Ausschnitte aus einer Freitagspredigt inklusive deutschem Untertitel, doch eine Auseinandersetzung mit dem Gesagten findet kaum statt. Ein möglicher Grund: Die Predigt ist schlicht zu unspektakulär. El-Rajab erzählt allgemein von Gerechtigkeit im Umgang miteinander.

Für die meisten Außenstehenden dürfte die Predigt schlimmstenfalls langweilig sein. Problematische Inhalte schafft auch Constantin Schreiber nicht auszumachen. Nur als der perfekt Deutsch sprechende Pressesprecher der Moschee Abdallah Benhamou Teile der Predigt übersetzt, bemängelt Schreiber „brüchiges Deutsch“. Was nicht fremd ist, wird fremd gemacht.

Statt mit Gläubigen zu sprechen, übernimmt eine Ethnologin die Einordnung

Mit der Attitüde eines Orientreisenden, der zum ersten Mal seinen Fuß in eine fremde und gefährliche Welt setzt, macht Schreiber weiter. Wie die Predigt bei den Gläubigen ankam, will er wissen. Aber anstatt die Moscheebesucher, bei denen er gerade erst mit seinem Kamera-Team zu Gast war, selbst zu befragen, überlässt er die Antwort der im Studio zugeschalteten Ethnologin Susanne Schröter.

Der Rest des Gesprächs dreht sich um lediglich zwei Fragen: Warum beten Männer und Frauen getrennt? Und warum spricht der Imam nicht besser Deutsch? Sicherlich wichtige Fragen, aber reichen sie aus, um die Bedeutung der Moschee für die über 2.000 Gläubigen zu bewerten? Die Antworten übernimmt Schreiber gleich selbst. Als der ebenfalls im Studio Anwesende Vorstandschef der Moschee, Daniel Abdin, darauf verweist, dass man für einen eigenen Frauenbereich schlicht keinen Platz habe, beeilt sich Schreiber zu entgegnen, dass „doch häufig genügend Platz da ist“. Ironischerweise hatte Schreiber selbst erst kurz zuvor im Interview mit dem Berliner Tagesspiegel darauf hingewiesen, dass alle von ihm besuchen Moscheen völlig überfüllt gewesen seien.

Noch realitätsferner ist der Rat der Ethnologin Susanne Schröter: Man solle doch einfach größere Moscheen bauen. Hier hätte ein gut vorbereiteter Moderator darauf hinweisen können, dass es in Deutschland nahezu unmöglich ist, größere Moscheen zu bauen; oder darauf, dass sich die Verantwortlichen der Al-Nour-Moschee seit mindestens acht Jahren um ein größeres Gebäude bemühen. Auch in die ehemalige Kirche im Hamburger Stadtteil Horn, in die die Moschee demnächst umziehen wird, passt nur ein Bruchteil der über 2.000 Gläubigen.

Ob sie es zugeben oder sich verstellen, demokratiefeindlich sind Muslime auf jeden Fall

Auch der nächsten Station nähert sich Schreiber mit einer Mischung aus gespielter kindlicher Naivität und der Abenteuerlust einer Safari-Expedition: „Berlin Neukölln. Die Gegend gilt als Problembezirk“, erklärt Schreiber, um dem Zuschauer sofort im nächsten Satz die passende Erklärung anzubieten: „70 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund.“ Mehrmals erfährt der Zuschauer, dass die Dar-As-Salam-Moschee vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Dass dies in der Berliner Politik als nicht unumstritten gilt, die Moschee immer wieder für ihre Jugendarbeit gelobt wurde, der Imam der Moschee für seinen Einsatz gegen Extremismus im Jahr 2015 den Verdienstorden des Landes Berlin erhielt, erfährt der Zuschauer hingegen nicht.

Stattdessen nimmt ein Großteil des weiteren Beitrags die Rede des Imams Abdelfattah Mourou ein. Der tunesische Gastprediger fordert seine Zuhörer auf, den Dialog mit Nicht-Muslimen zu suchen. Er erzählt, dass Gläubige in Deutschland mehr Religionsfreiheit genössen als in seiner Heimat. „Was wollt ihr denn mehr?“, ruft er ins Mikro. Die leidenschaftliche arabische Vortragsweise mag für jemanden, der deutsche Kirchenpredigten gewohnt ist, aggressiv wirken. Aber inhaltlich ist die Rede ein leidenschaftliches Plädoyer für Integration in Deutschland. Schreibers Kommentar hingegen: „Das klingt alles sehr liberal … Ich frage mich, ob das anders ist, wenn keine TV-Kamera dabei ist.“ Es ist eine Logik, nach der die Muslime nur verlieren können: Entweder sie geben es zu oder sie verstellen sich, demokratiefeindlich sind sie in jedem Fall.

Ein Freiburger Islamkritiker wird zum Tunesien-Experten

Erneut geht es im folgenden Studiogespräch nicht um die praktische Integrationsarbeit der Moschee, die weit mehr als 45 Minuten Freitagspredigt umfasst. Vielleicht weil sich in der Predigt kaum Anlass für Kritik finden lässt, widmet sich Schreiber der persönlichen Glaubwürdigkeit des Gastimams. Mehrmals erfährt der Zuschauer, dass Mourou „Gründungsmitglied der islamistischen El-Nahda“-Partei ist. Dass die Partei die erste demokratische Regierung in der Geschichte Tunesiens stellte und von vielen Experten als einziges demokratisches Ergebnis des arabischen Frühlings gesehen wird, erfährt der Zuschauer nicht.

Stattdessen überlässt es Schreiber dem Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi, der bisher eher durch seine islamkritischen Thesen als durch seine Tunesien-Expertise aufgefallen ist, Mourous Glaubwürdigkeit zu bewerten. Dessen verschwörerisches Urteil: „Wir haben es hier mit einem Gelehrten zu tun, der sagt nicht, was er denkt. Der sagt, das was die Zuhörer hören möchten.“

Bezeichnend für die Qualität der Auseinandersetzung ist auch, dass die einzige Stelle der Predigt, die Schreiber im anschließenden Studiogespräch Anlass für ausgiebige Kritik gibt, sich später als Falschübersetzung entpuppt. Aus „150.000 Türken“, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, macht Schreiber „150.000 Soldaten“. Möglicherweise ist dies auch der Grund, warum die ARD den Beitrag mittlerweile aus ihrer Mediathek entfernte.

Rechercheergebnisse an den Verfassungsschutz weitergeleitet

Auch Schreibers sonstiges Auftreten gibt Anlass zu Skepsis, wie ernst es ihm mit einer vorurteilsfreien Bestandsaufnahme der Aktivitäten deutscher Moscheen ist: Am vergangenen Dienstag stellte Schreiber sein Buch zur TV-Reihe (oder umgekehrt) vor. Dessen Titel „Inside Islam“ erinnert vielleicht nur zufällig an Jürgen Todenhöfers „Inside IS“. Vielleicht auch nicht. Unterstützt wurde er bei der Vorstellung von den beiden CDU-Politikern Düzen Tekkal und Jens Spahn, die beide – wie von jetzt an wohl auch Schreiber – in der Öffentlichkeit eher als Islamkritiker als Islamvermittler gelten. Letzter nutzte die Vorstellung auch gleich, um ein Moscheeregister zu fordern. Ganz in Spahns Sinne gab Constantin Schreiber im Interview mit dem Deutschlandradio an, einzelne Predigten an den Verfassungsschutz weitergeleitet zu haben. Dass Journalisten ihre Rechercheergebnisse an Geheimdienste übermitteln, ist mehr als unüblich. Schreiber zufolge habe allerdings selbst der Verfassungsschutz in den Reden nichts Bedenkliches gefunden.

An gleicher Stelle erklärte Schreiber, dass sämtliche von ihm besuchte Moscheen Orte seien, die der Integration in Deutschland entgegenwirken: „Der rote Faden war schon die Warnung vor dem Leben draußen in Deutschland. Es ging immer darum zu sagen: Wir, die Muslime, und die anderen, die Christen, die Ungläubigen.“ Zumindest auf die bisher in der ARD veröffentlichten Auszüge trifft dieser Vorwurf jedenfalls nicht zu.

Jesiden? Yazid? Hauptsache gegen Muslime

Auch Schreibers schärfster Vorwurf gegenüber einem Imam könnte weniger in dessen Demokratiefeindlichkeit als in Schreibers mangelnder fachlicher Expertise begründet sein. Unter anderem im Interview mit dem Tagesspiegel wirft Schreiber dem Imam der Berliner Imam-Riza-Moschee vor, gegen Jesiden zu hetzen. Dieser hätte „ganz offen gesagt, dass für ihn Jesiden Symbol der Barbarei seien und es in keinem Land der Welt Jesiden geben dürfe.“ Schaut man sich allerdings die fragliche Stelle im Buch an, wird schnell klar, dass hier höchstwahrscheinlich erneut ein Übersetzungsfehler vorliegt.

Der türkischsprechende Imam wettert hier vermutlich nicht gegen Jesiden (türk.: Yezidiler), sondern gegen den Kalifen Yazid (türk.: Yezitler). Wie es der Imam selbst auch gegenüber Schreiber beschreibt, gilt der umayyadischen Kalif aus dem 7. Jahrhundert unter Muslimen als Symbol für Unrecht und Barbarei. Anstatt gegen die verfolgte Volksgruppe der Jesiden zu hetzen, spricht sich der Imam gegen Ungerechtigkeit in der Welt aus. 

Der Übersetzungsfehler ist nicht nur ziemlich peinlich, sondern kann für die Moschee auch zur Existenzbedrohung werden. Kurz nach der Erscheinung des Buches hat der „Zentralrat der Eziden“ in Deutschland aufgrund Schreibers Vorwurf Anzeige wegen des Verdachts der Volksverhetzung erlassen.  Spätestens jetzt, fragt man sich, warum sich Schreiber nicht mehr fachliche Unterstützung beim Übersetzen und Deuten der Predigten geholt hat, bevor er mit solch gravierenden Anschuldigungen an die Öffentlichkeit geht. 

Islamwissenschaftler melden sich zu Wort

Schreiber selbst entgegnet dem Vorwurf der fehlenden fachlichen Einordnung und Bewertung in einem Gastbeitrag für Die Zeit. Unter der Überschrift „Niemand predigt Integration“ schreibt er, er hätte keine Islamwissenschaftler finden können, die bereit gewesen wären, ihn bei seinen Recherchen zu unterstützen. Stattdessen hätten sie ihm entweder „Islambashing vorgeworfen oder ließen monatelang „Anrufe und E-Mails unbeantwortet“. Doch einige dieser Islamwissenschaftler meldeten sich nach der Ausstrahlung des Moscheereports zu Wort. 

Mathias Rohe, Islamwissenschaftler an der Uni-Erlangen, würdigt im Deutschlandradio zwar Schreibers Bemühen, herauszufinden, was in deutschen Moscheen gepredigt wird. Rohe kritisiert aber Zahlenangaben Schreibers, wie z.B. dass in 80-90 Prozent der Moscheen antidemokratische Predigten gehalten würden. Davon Rückschlüsse auf die Einstellung von Muslimen in Deutschland zu ziehen, bezeichnet Rohe als „in höchstem Maße unseriös“. Schreibers Recherchen gäben „Anlass zu weiter Nachforschungen aber nicht Anlass zu Misstrauen gegenüber sämtlichen Moscheegemeinden“, sagte Rohe.

„Ein kleiner Recherchefehler in solch einem Zusammenhang kann Existenzen bedrohen“

Noch deutlicher wurde die Professorin für Islamwissenschaft an der Uni-Freiburg Johanna Pink. In einem offenen Brief an die ARD-Chefredakteure, den der Tagesspiegel veröffentlichte, schreibt sie, dass der Moscheereport „verzerrend, insgesamt einseitig war und Fehler enthielt“: „Ein kleiner Recherchefehler in solch einem Zusammenhang kann Existenzen bedrohen, bis hin zu verweigerter Einbürgerung aufgrund der Mitgliedschaft in bestimmten Moscheevereinen.“

Pink zeigt sich außerdem verwundert über Schreibers Behauptung, kein Islamwissenschaftler habe mit ihm zusammenarbeiten wollen: „Ich selber und viele mir bekannte Kolleginnen und Kollegen, die über die Webseiten ihrer Institute sehr leicht auffindbar sind, hätten Herrn Schreiber gern für Interviews zur Verfügung gestanden.“ 

Bei der Gelegenheit hätte Schreiber auch erfahren können, dass die wissenschaftliche Literatur längst Antworten auf die Frage bietet, was hinter den Türen von deutschen Moscheen passiert. So geheimnisumwoben wie Constantin Scheiber auf seiner Expeditionsreise tut, ist  das Thema bei weitem nicht: Wer wirklich daran interessiert ist, das fremde Leben seiner muslimischen Nachbarn zu verstehen, dem sei entweder die bereits 2010 veröffentliche Studie des Osnabrücker Religionssoziologen Rauf Ceylan „Die Prediger des Islam“ oder ein Gang in die nächste Moschee empfohlen. Die Türen stehen offen – auch für „Deutsche“.

 

4 Kommentare zu “Moscheereport: Was nicht fremd ist, wir fremd gemacht

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