Warum die Mehrheit der Deutschen nicht den Muezzin-Ruf ablehnt (und Civey kein seriöses Umfrageinstitut ist)

Mehrheit der Deutschen lehnt Muezzinruf ab. So oder so ähnlich titelten in den letzten Tagen viele Medien. Doch in der entsprechenden Umfrage steht davon gar nichts. Ein Text über die Unwissenschaftlichkeit von Online-Befragungen und Redaktionen, die es mit Fakten nicht so genau nehmen.

Wenn Journalisten die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien und Umfragen wiedergeben, ist immer etwas Skepsis angebracht. Die einen schrumpfen komplexe Zusammenhänge auf catchy Schlagzeilen zusammen. Die zweiten greifen sich nur das heraus, was die These ihres schon fertig geschriebenes Textes stützt. Und die dritten scheitern schlicht am Verständnis des wissenschaftlichen Materials. Die Art und Weise, wie viele Redaktionen in den vergangenen Tagen über eine Umfrage zum islamischen Gebetsruf (Adhan) berichteten, übersteigt allerdings das übliche Maß an Inkompetenz und grenzt teils schon an die bewusste Verbreitung von FakeNews.

Einer berichtet Unsinn und alle schreiben ab

Aber von vorn. „Große Mehrheit lehnt Muezzin-Ruf in Deutschland ab“. So titelte der Bonner Generalanzeiger vergangenen Donnerstag (14.10.). In der aufgeregten Debatte um den islamischen Gebetsruf lieferte die Zeitung damit das argumentative Futter, auf das viele Adhan-Gegner gewartet hatten; den Beweis dafür, dass Kölns OB Henriette Reker nicht nur ein paar rechte Islamgegner, sondern den geballten Volkswillen gegen sich hatte.

Über konservative bis rechtsextreme Accounts brachte es die Nachricht innerhalb von Stunden auf tausende Likes und Retweets. Über Meldungen der Katholischen Nachrichtenagentur fand die Story ihren Weg in zahlreiche Online-Medien und Lokalzeitungen. Von Junge Freiheit, über den Schweizer Tagesanzeiger bis zum ZDF übernahmen viele Redaktionen ungeprüft die Geschichte von den muezzinunwilligen Deutschen. Nur eines tat kaum ein Medium: einfach mal nachschauen, was die Meinungsforscher wirklich gefragt hatten.

Nach einer Ablehnung des Muezzin-Rufs wurde gar nicht gefragt

Denn eine Frage à la „Lehnen Sie den islamischen Gebetsruf ab?“ findet sich in der entsprechenden Umfrage gar nicht. Stattdessen stellte das vom Bonner Generalanzeiger beauftragte Meinungsforschungsinstitut Civey den etwa 5.000 Teilnehmern seiner Online-Umfrage folgende Frage:

Sollte der Muezzin-Ruf, der Muslime zum Gebet aufruft, Ihrer Meinung nach in Deutschland genauso selbstverständlich sein wie die christlichen Kirchenglocken?

Die richtige Schlagzeile könnte also zum Beispiel lauten: „Dreiviertel der Deutschen dagegen, dass Muezzin-Rufe so selbstverständlich sind wie Kirchenglocken“. Dass all diese Personen generell gegen den islamischen Gebetsruf sind, ergibt sich aus der Umfrage nicht.

Es sind sogar jede Menge guter Gründe vorstellbar, das Recht von Muslimen zum Adhan zu bejahen und dennoch auf die von Civey gestellte Frage mit „nein“ zu antworten. Schließlich bietet die schwammige Formulierung von “genauso selbstverständlich” jede Menge Interpretationsspielraum.

Allein schon das ungleiche Zahlenverhältnis von 5,5 Millionen Muslime vs. 45 Millionen Christen in Deutschland ist ein starkes Argument dafür, dass die Gebetsrufe der beiden Gruppen nicht gleichermaßen selbstverständlich sein sollten. Schließlich wäre dies dann nur durch die krasse Bevorzugung der muslimischen Minderheit zu erreichen. Wie soll es außerdem rein physisch funktionieren, das der Gebetsruf von 2000 Moscheen (von denen bestenfalls etwas über 100 über ein Minarett verfügen) genauso selbstverständlich im Land ertönt wie das Läuten der Glocken von über 45.000 Kirchen? Selbst entschiedene Muezzin-Ruf-Befürworter dürften deshalb bei der Frage auf „nein“ geklickt haben.

In gewisser Weise verdrehten viele Medien das Ergebnis der Civey-Befragung sogar in ihr Gegenteil. Die Frage, ob der Adhan so selbstverständlich sein sollte wie Kirchenglockenläuten, lässt sich leicht als eine Frage nach Privilegierung und Sonderrechten für die zahlenmäßig weit unterlegene muslimische Minderheit verstehen. In den Überschriften vieler Medien wird daraus aber eine Absage an Grundrechte und Gleichberechtigung.

Kann eine Zeitung die eigene Umfrage missverstehen?

Man kann den vielen Lokal- und Online-Medien, die die Deutschen fälschlicherweise zu Muezzin-Gegnern erklärten, zugutehalten, dass sie einfach “nur” ungeprüft abgeschrieben haben. Zumindest beim Bonner Generalaneziger wiegt das Problem aber schwerer.

Schließlich hat die Redaktion die Befragung selbst in Auftrag gegeben und war dennoch nicht in der Lage, die Ergebnisse der eigenen Umfrage richtig wiederzugeben. Etwas anderes als die vorsätzliche Irreführung seiner Leser fällt mir hier als Erklärung beim besten Willen nicht ein.

Im Vorspann noch richtig, in der Überschrift schon falsch: Bonner Generalanzeiger vom 14.10.2021

Zudem stellt sich die Frage: Was genau wollten Civey und der Bonner Generalanzeiger eigentlich mit dieser Frage zum Thema beitragen? Schließlich haben Muezzin-Rufe, die so selbstverständlich sind wie Glockenläuten, nichts, aber auch rein gar nichts mit der aktuellen Debatte zu tun.

Zur Erinnerung: Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker verkündete am 8. Oktober kein massives Moscheebau-Programm mit dem Ziel, dass den rund 250 glockenläutenden Kölner Kirchen bald ebenso viele Moscheen mit Muezzin auf dem Dach gegenüberstehen. Henriette Reker kündigte an, dass 35 Kölner Moscheen (!) zukünftig die Möglichkeit haben sollen (!), freitags für die Dauer von fünf Minuten (!), nach vorheriger behördlicher Genehmigung (!) und Informierung aller Anwohner durch Flyer (!) mit geringer Lautstärke (!) zum Gebet zu rufen. Die Ankündigung löste auch bis heute keine „Allahu Akbar“-Dauerbeschallung am Rhein aus. Nach wie vor beläuft sich die Zahl der Kölner Moscheen, die öffentlich zum Gebet rufen, auf null.

Auch hier fällt mir eigentlich nur eine mögliche Erklärung ein: Civey und/ oder der Bonner Generalanzeiger formulierten die Frage bewusst auf eine Weise, die die höchst mögliche Zustimmungsrate verspricht, um schließlich die gewünschte Exklusiv-Meldung mit größtmöglicher Öffentlichkeitswirksamkeit zu produzieren.

das Problem mit Civeys Online-Umfragen

Dieser Vermutung kann man entgegen halten, dass sich ein renommiertes Forschungsinstitut doch sicher nicht für solch eine unwissenschaftliche Geschichte einspannen lässt. Mag sein. Aber Civey ist kein renommiertes Forschungsinstitut. Auch wenn Civey selbst und viele seiner Medienpartner gern einen anderen Eindruck vermitteln: In der Welt der wissenschaftlichen Meinungsforschung gilt Civey bestenfalls als Schmuddelkind.

Das liegt vor allem an den Methoden des Unternehmens. Dazu ein kleiner Exkurs. Eine der schwierigsten Fragen der empirischen Sozialforschung lautet: Wie lassen sich aus der Befragung einer kleinen Gruppe (Stichprobe) Aussagen über eine große Gruppe (Grundgesamtheit) treffen? Ein wichtiger Teil der Antwort lautet: Zufallsauswahl.

Jede Person der Grundgesamtheit muss theoretisch dieselbe Chance haben, von den Forscherinnen befragt zu werden. Um dies zu erreichen, setzten seriöse Sozialforscher häufig auf Telefonbefragungen: im Telefonbuch sind wir schließlich alle gleich. Je mehr Leute man anruft, desto mehr gleicht sich die Zusammensetzung der Stichprobe (z.B. 1000 Leute) jener der Grundgesamtheit (z.B. deutsche Bevölkerung) an. (Die Sache ist in Wahrheit etwas komplizierter, aber zur Einfachheit belassen wir es dabei).

Civey ist günstiger, schneller – und unwissenschaftlicher

Das Problem an der Sache: So eine Telefonbefragung dauert lange und kostet viel Geld. Civey bietet hingegen vermeintlich dasselbe – nur in Echtzeit und zu einem Bruchteil des Preises anderer Forschungsinstitute.

Bei Civeys Online-Befragungen allerdings wählt nicht der Forscher nach Zufallsprinzip seine Befragten aus. Stattdessen entscheiden die Teilnehmerinnen mit ihrem Klick selbst, ob sie mitmachen oder nicht. Das Problem an der Sache: Die Stichprobe, die so entsteht, hat in der Regel nichts mit der Zusammensetzung der Grundgesamtheit zu tun.

Teilnehmer von Online-Umfragen sind zum Beispiel häufig jünger und männlicher als die Gesamtbevölkerung. Außerdem klicken Leute eher irgendwo drauf, wenn sie sich über etwas ärgern (z.B. über Muezzinrufe). Hinzu kommt die Gefahr des Missbrauchs: Ein Aufruf auf einer AfD-Facebook-Seite zur Massenabstimmung reicht, um das Ergebnis komplett auf den Kopf stellen.

Civey verspricht zwar, diese Schieflagen auszugleichen, z.B. indem es Antworten von Gruppen, die geringer vertreten sind, entsprechend höher gewichtet. Aber auch die Sache hat einen Haken, genau genommen sogar drei:

  • 1. Civey verlässt sich bei der Angabe von Geschlecht, Alter oder Wohnort auch nur auf die Selbstauskunft der Teilnehmerinnen.
  • 2. Wie genau die Gewichtung funktioniert, will Civey nicht verraten. Für seriöse Wissenschaftler, zu deren Grundsätzen die Nachprüfbarkeit ihrer Ergebnisse gehört, eigentlich ein absolutes Nogo.
  • 3. Viele Forscher sind skeptisch, ob solche Gewichtungen überhaupt zuverlässig funktionieren.

Wenn ihr noch mehr dazu wissen wollt: In diesem Deutschlandfunk-Beitrag gibt es weitere Kritikpunkte an Civey. Und in diesem Interview nimmt Rainer Schnell, Professor für Empirische Sozialforschung an der Universität Duisburg-Essen, Civey auseinander.

Civey lag schon oft daneben

Das Problem mit Civey zeigt sich nicht nur in der Theorie. Immer wieder kommen die Online-Meinungsforscher zu Ergebnissen, die auffällig stark von denen seriöser Meinungsforschungsinstitute abweichen.

  • In einer von Focus Online beauftragten Civey-Befragung sprachen sich im Jahr 2018 80 Prozent der Deutschen für den Rausschmiss von Mesut Özil und İlkay Gündoğan aus der Fußball-Nationalmanschaft aus. Als Emnid und Forsa zur selben Zeit per klassischer Telefonbefragungen die Frage stellten, kamen sie nur auf Ergebnisse von 36 bzw. 25 Prozent.
  • „CSU legt trotz Regierungskrise in der Wählergunst zu”, titelte Der Spiegel einmal und berief sich dabei auf eine von Civeys „Echtzeit-Umfragen“. Alle andere Institute waren mit ihren Telefoninterviews nicht nur langsamer, sie kamen auch zu völlig anderen Ergebnissen. Bei ihnen hatte die CSU an Zustimmung verloren.
  • In einer Umfrage zur Seenotrettung dasselbe Bild: „Mehrheit der Deutschen ist gegen private Seenotrettung“, schrieb die Augsburger Allgemeine in Berufung auf eine Civey-Umfrage. Als Emnid mittels Telefoninterviews ein paar Tage später diesselbe Frage stellt, lautet das Ergebnis hingegen: „Große Mehrheit der Deutschen unterstützt private Seenotretter.“

Noch mehr solcher Beispiele hat Michael Höfele in der taz zusammengetragen.

Grundrechte sind nicht vom Wohlwollen der Mehrheit abhängig

Viele Medien haben also nicht nur eine recht sinnlose Befragung falsch wiedergeben. Sie haben auch ein Meinungsforschungsinstitut, das von vielen seriösen Wissenschaftlern kritisiert wird und immer wieder mit merkwürdigen Ergebnissen auffällt, als glaubwürdige Quelle dargestellt. So heißt es in den meisten Berichten, es handle sich bei Civeys Online-Befragung um eine “repräsentative Untersuchung”. Dem würden viele Meinungsforscher widersprechen.

Hinzu kommt noch ein letztes Problem, mit dem Civey ausnahmsweise nichts zu tun hat. Und das ist der Spin, dem Medien ihren Muezzin-Storys mit der Umfrage geben. In vielen Berichten wird das Recht zum Muezzinruf ausschließlich als Meinungsfrage, als Frage von Pro und Contra, als Debatte zwischen Mehr- und Minderheiten betrachtet. Wie in diesem ZDF-Beitrag zu Beispiel.

Was dadurch aus dem Blick gerät: Auf die Frage, ob Gläubige öffentlich zum Gebet rufen dürfen, gibt es eine eindeutige Antwort. Ja, dürfen sie. Dass die Religionsfreiheit in Art.4, Abs. 2 des Grundgesetzes auch das Recht auf Glockengeläut und Adhan abdeckt, ist unter Juristen genauso unstrittig wie der Umstand, dass Minderheiten bei ihrer Ausübung von Grundrechten nicht vom Wohlwollen einer (vermeintlichen) Mehrheit abhängen.

[Nachtrag 20.10.21, 12:32 Uhr: In einer früheren Version des Textes hieß es, auch die Nachrichtagentur epd habe irreführend über die Muezzin-Umfrage berichtet. Das ist falsch. epd wies mich gerade darauf hin, dass sie von einigen Medien fälschlicherweise als Quelle der Berichterstattung angeben wurde. Von epd gibt es kein Beitrag zum Thema.]

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1 Kommentare On Warum die Mehrheit der Deutschen nicht den Muezzin-Ruf ablehnt (und Civey kein seriöses Umfrageinstitut ist)

  • Der fall des gebetsrufs zeigt, wie weit die volksverhetzung gegen die Muslime in Deutschland bereits gediehen ist. Der genannte gebetsruf soll nur zum freitagsgebet, also in der mittagszeit, einmal wöchentlich erschallen, also zu einer zeit, zu der die meisten menschen keine ruhe halten, weswegen er nicht als „ruhestörung“ angesehen werden kann. Betroffen sind davon fast nur diejenigen, die sich um diese zeit in der nähe der moschee aufhalten, überwiegend anwohner und solche, die dort z. b. ihren arbeitsplatz haben. Daher sollte man eigentlich davon ausgehen, daß nur die betroffenen überhaupt um ihre meinung dazu gefragt werden. Alle anderen, die den gebetsruf nicht zu hören bekommen, geht das im grunde nichts an und sie sollte dazu gar nicht befragt werden!

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